Von Steffen Haffner
21. April 2006 Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der zehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1974 in Deutschland.
Vom Fall der Mauer abgesehen, hat die Nation niemals mehr eine ähnliche Woge der Begeisterung erfaßt wie 1954, als Deutschland gegen die ungarische Wundermannschaft Fußball-Weltmeister wurde. Daran reichte auch der Enthusiasmus nicht heran, mit dem 1990 die deutsche Elf für ihren Erfolg von Italien gefeiert wurde. Und schon gar nicht der eher angestrengte Jubel, als die Deutschen 1974 im WM-Finale von München die starken Holländer 2:1 bezwangen. Die Nationalelf löste damit nur ein, was hierzulande allgemein von ihr erwartet wurde. 1954 hieß es: Wir sind wieder wer. 1974 gehörten wir längst wieder zu den Großen, im Fußball wie in der Politik und in der Wirtschaft. Und so wurde der Erfolg nur als standesgemäß empfunden.
Doch der Weg zu diesem Ziel war steiniger als gedacht. In den Vorrundenbegegnungen gegen Chile (1:0) und Australien (3:0) schimmerte nur ein matter Abglanz von jener strahlenden Elf, die zwei Jahre zuvor Europameister geworden war und immer noch als die spielerisch beste deutsche Mannschaft gilt. Das 0:1 gegen die DDR durch Jürgen Sparwassers berühmtes Tor war ein doppelter Glücksfall. Als Gruppen-Zweiter blieben Helmut Schöns Auswahl in der zweiten Finalrunde die Kraftproben mit Weltmeister Brasilien und Argentinien, aber vor allem der Gang mit den Holländern erspart, die zu diesem Zeitpunkt für die Deutschen wohl noch zu stark gewesen wären.
Heilsamer Schock
Der heilsame Schock führte den Spielern vor Augen, daß sie mit ihrer bis dahin laschen Einstellung niemals Weltmeister werden würden. Die Wende erfolgte anschließend in jener legendären Nacht von Malente. Da sind wir aus einem zerstrittenen Haufen zu einer Einheit geworden, wie Franz Beckenbauer heute feststellt. Der Münchner Kapitän wetterte als Wortführer am heftigsten gegen die Egoisten und Selbstdarsteller, die lieber mit dem Deutschen Fußball-Bund um die WM-Prämien (60.000 Mark vom DFB plus 10.000 Mark von Adidas) pokerten, als sich auf dem Spielfeld füreinander einzusetzen. Und es war wichtig, daß wir uns nach dem fünften oder sechsten Glas Wein die Wahrheit gesagt haben, meint Berti Vogts, der sich erinnert, daß wir dann morgens das Spiel gegen die DDR 5:1 gewonnen hatten.
Am Tag danach konnten die Spieler Malente endlich hinter sich lassen. Vier lange Wochen waren sie in der schleswig-holsteinischen Sportschule kaserniert. An die 40 Mann in winzigen Zimmern, Toiletten und Waschräume außerhalb. Stellen Sie sich mal vor, wir würden das unsern Spielern heute noch zumuten, sagt Vogts, der spätere Bundestrainer. Knapp zwei Jahre nach dem Olympia-Attentat von München herrschte zudem wegen der Anschläge der Baader-Meinhof-Gruppe höchste Sicherheitsstufe. Die Nationalmannschaft und ihr Troß lebten wie in einer Festung hinter Stacheldraht, beschützt von Polizei und der Sondereinheit GSG 9. Offiziell durfte niemand das Gelände verlassen. Doch der eine oder andere nächtliche Ausflug mußte sein, gibt Beckenbauer heute zu, sonst wären wir wahrscheinlich verrückt geworden. Die Bewacher hatten jedenfalls Mitleid und haben uns rausgelotst.
Laufburschen und Inspiratoren
Mit dem Umzug in den Westen in die Sportschule Kaiserau schüttelten die Deutschen den bisherigen WM-Frust ab. Frische Kräfte wie die Gladbacher Rainer Bonhof und Herbert Wimmer - sonst der Laufbursche des genialen Günter Netzer, der nach einer Verletzung wegen Formschwäche nur kurz gegen die DDR zum Einsatz kam - stärkten in der Zwischenrunde den Kampfeswillen. Mit 2:0 wurden in Düsseldorf die ballgewandten Jugoslawen besiegt. Beim 4:2 über Schweden begeisterten die Deutschen wiederum im Rhein-Stadion erstmals mit einer Mischung aus Einsatzwillen und Spielvermögen. Bei strömendem Regen wirkten in der packenden Begegnung, in der erst ein 0:1-Rückstand und später der 2:2-Ausgleich zu verkraften waren, vor allem Beckenbauer und Wolfgang Overath als kämpferische Antreiber und spielerische Inspiratoren.
Unvergessen die Wasserschlacht von Frankfurt, als nach zwei Wolkenbrüchen der Ball mal im Morast stecken blieb, mal plötzlich von Wasserlachen wegfitschte. Dabei war es für die Deutschen ein Vorteil, daß die Polen, die mit Spielmacher Deyna und den Spitzen Lato und Gadocha den schönsten Fußball der WM boten, durch die Umstände gebremst wurden. Und doch war eine überdurchschnittliche Leistung, dazu das vielleicht beste Spiel in der Karriere von Torwart Sepp Maier und wieder einmal ein goldenes Tor von Gerd Müller notwendig, um mit 1:0 ins Finale einzuziehen.
Der Fall Hölzenbein
Für das Endspiel waren die Holländer, die nach Ansicht Beckenbauers über das gesamte Turnier hinweg die stärkste Mannschaft waren, die Favoriten. Und das, obwohl sie, wie Jupp Derwall, damals Assistent und später Nachfolger von Bundestrainer Helmut Schön, ins Gedächtnis ruft, ein ziemlich lockeres Leben führten. Die hatten ihre Frauen dabei und haben auch schon mal 'ne Flasche aufgemacht. Da war jede Nacht trallala. Doch wer gedacht hatte, die asketischen Deutschen putzen die Leichtfüße nun weg, sah sich getäuscht. Ohne daß sie überhaupt den Ball berührten, stand es in der ersten Minute durch einen Foulelfmeter von Neeskens 1:0 für die Niederlande. Doch wie der Schock des Sparwasser-Tors war das, wie Beckenbauer heute glaubt, auch wieder gut für uns. Dadurch haben sich die Holländer zurückfallen lassen, haben uns ins Spiel gebracht. Dann ist es schwierig, wenn man die Zügel schleifen läßt, selbst wieder die Initiative zu ergreifen.
So, als es nach dem Fall Hölzenbein und Paul Breitners Elfmetertor (25. Minuten) plötzlich 1:1 und erst recht, als es nach Gerd Müllers unnachahmlichem Treffer zwei Minuten vor der Pause 2:1 stand. Die optische Überlegenheit der Holländer trog. Vogts hatte ihnen als unerbittlicher Bewacher des genialen Johan Cruyff das Herzstück herausgeschnitten (Beckenbauer). Und mit ihren Kontern erspielten die Deutschen sogar die besseren Torchancen. Nach dem Urteil von Vogts hatten die Holländer die besseren Einzelspieler. Doch die bessere Mannschaft ist Weltmeister geworden. Damit haben wir Helmut Schön etwas zurückgezahlt, was er uns menschlich gegeben hat.
Die größte Leistung des Bundestrainers und seiner Stützen Beckenbauer, Breitner, Overath und Vogts bestand darin, während der WM den verfahrenen Karren wieder flott zu machen. Und dies unter dem Druck einer Öffentlichkeit, für die alles andere als der Titel eine Blamage gewesen wäre. Das Feuer der zweiten Finalrunde schmiedete eine Mannschaft zusammen, die beherzt zu kämpfen und gut zu spielen verstand. Eine Weltmeister-Elf, die besser war als ihr Ruf.
Text: F.A.Z.
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