10. Januar 2006 Fehlende Fluchttore, zu kurze und zu steile Treppen sowie massive Bedenken beim Brandschutz: Fünf Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hat eine Untersuchung der zwölf WM-Stadien durch die Stiftung Warentest für große Aufregung gesorgt.
Während die Studie Gefahrenpotential in allen Arenen anprangert und vier Stadien sogar erhebliche Sicherheitsmängel attestiert, erklärte das Organisationskomitee seine Spielstätten für absolut WM-tauglich. Wir bleiben dabei: Unsere Stadien sind sicher, sagte OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Frankfurt (Siehe auch: WM-Stadien: Die Studie der Stiftung Warentest im Überblick. Nur wenige Stunden zuvor hatte die Stiftung Warentest in Berlin ihre Studie mit teilweise alarmierenden Ergebnissen präsentiert.
Tödliche Fallen
Einige Stadien könnten im Fall einer Massenpanik zur tödlichen Falle für die Zuschauer werden, hieß es. Ich denke, die WM kann stattfinden. Aber es muß noch einiges passieren, damit wir ein guter Gastgeber sind, sagte Hubertus Primus, Chefredakteur der Zeitschrift Test (Siehe auch: Stimmen zur Untersuchung: Der Zuschauer ist das höchste Gut).
Besonders im Fokus stehen vier Arenen: Das Olympiastadion in Berlin, in dem am 9. Juli das Finale stattfindet, die Veltins-Arena in Gelsenkirchen und das Zentralstadion in Leipzig haben laut Studie erhebliche Bau-Mängel, weil die Zuschauer wegen fehlender Fluchttore im Notfall nicht auf das Spielfeld laufen können. Durch drängende Menschen könne innerhalb kürzester Zeit ein so hoher Staudruck entstehen, daß sogar eisenarmierte Betonmauern nachgeben, hieß es. Das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern habe erhebliche Mängel beim Brandschutz. Acht Arenen haben laut der Studie erhebliche oder deutliche Sicherheitsmängel.
Beckenbauer: Heer der Besserwisser
Damit entsprechen zwei Drittel der WM-Stadien aus Sicht der Stiftung nicht den Sicherheits-Richtlinien des Fußball- Weltverbandes Fifa - obwohl die Spielstätten für rund 1,4 Milliarden Euro neu- oder umgebaut wurden. Wir haben uns schon gefragt, warum so eine technische Realisierung von baulicher Seite abgenommen worden ist, sagte Holger Brackemann von der Abteilung Produkttests. WM-OK-Chef Franz Beckenbauer hatte schon vor der Veröffentlichung heftigste Kritik an der Studie geäußert. Also ganz ehrlich, mir reicht's jetzt mit diesem Heer der Besserwisser und Wichtigtuer, die sich über die WM profilieren wollen, sagte der OK-Präsident.
Mit solchen Nörgeleien hätte Deutschland vor sechs Jahren die WM nie bekommen. OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach erneuerte die Kritik an der Studie. Da ist in der Ankündigung schlampig formuliert worden und ein falscher Eindruck entstanden. Wir sind sehr für Panik-Forschung, aber nicht für Panikmache. Nun stehe man offensichtlich vor einem Expertenstreit über die erforderlichen Maßnahmen zur Verhinderung schlimmer Folgen im Fall einer Massenpanik. Wenn die Stiftung Warentest noch mehr fordert als der Gesetzgeber, sind wir mit unserem Latein am Ende. Die Studie geht weit darüber hinaus, was deutsches Baurecht fordert.
Schäuble warnt vor Hysterie
Laut Studie klafft auch nach dem Umbau des Berliner Olympiastadions um die Spielfläche ein fast drei Meter tiefer, unüberwindbarer Graben. Auch im Zentralstadion in Leipzig könnten sich die Zuschauer im Notfall kaum auf das Spielfeld retten, da sie eine Betonmauer überwinden und dann mehr als drei Meter in die Tiefe springen müßten. In der Veltins-Arena gebe es eine Lücke zwischen Rasen und Rangabgrenzung, hieß es in der Studie. Bei den Stadien in Hamburg, Frankfurt, Dortmund und Stuttgart stellten die Tester deutliche Mängel fest. Hier wurden fehlende Fluchtwege, Stolpergefahren und unzureichender Brandschutz kritisiert. Die Stadien in Hannover, Nürnberg, Köln und München hätten nur geringe Mängel im Brandschutz wie zu steile Wege für die Feuerwehr.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble warnte vor Hysterie. Er bot an, in Kooperation mit dem OK, Bauministerium und den lokalen Behörden die Ergebnisse zu überprüfen. Der Sportausschuß des Bundestages will sich bereits in der kommenden Woche mit den Ergebnissen beschäftigen. Der Ausschußvorsitzende Peter Danckert forderte, es müsse alles unternommen werden, um die Stadien nachzubessern. Ich bin überrascht über den Umfang der Mängelliste, das habe ich so nicht erwartet, sagte der SPD-Politiker.
Bundesligaspiele nicht beeinflußt
Der Start der Bundesliga-Rückrunde am 27. Januar wird durch die Studie nicht beeinflußt. Weder die Rückrunde noch der Rückrundenauftakt sind durch Sicherheitsprobleme gefährdet, versicherte Geschäftsführer Holger Hieronymus von der Deutschen Fußball Liga. Ein internationaler Imageschaden für den WM-Gastgeber ist zu befürchten, Kritik vom Weltverband Fifa erwartet das OK aber nicht.
Ich habe gestern mit dem Fifa-Generalsekretär Urs Linsi gesprochen und er hat gesagt: 'Keine Panik, wir vertrauen euch, daß ihr die Dinge löst', sagte Schmidt. Im Dezember hatte sich Fifa-Chef Joseph Blatter nach Pannen in den Stadien von Frankfurt, Kaiserslautern und Nürnberg kritisch geäußert und einen Fifa-Test für das Frühjahr angekündigt. Sechs bis acht Stunden sei pro Stadion getestet worden. An der Prüfung waren neben Stiftungsmitarbeitern ein Ingenieurbüro und auch die Stadionbetreiber beteiligt. Die Wahrscheinlichkeit einer Massenpanik sei zwar gering, doch Fußball-Stadien gehören laut Stiftung zu den gefährlichsten Versammlungsstätten. Weltweit kam es dort seit dem Zweiten Weltkrieg zu mehr als 60 schweren Unfällen mit 1500 Toten.
Hintergrund:
Die Sicherheitsrichtlinien des Fußball-Weltverbandes Fifa enthalten die von Spielveranstaltern, Verbänden und Vereinen zu treffenden Sicherheitsvorkehrungen zur Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung im Stadion. Die Richtlinien untergliedern sich in baulich/technische, in organisatorisch/betriebliche und in sonstige Bestimmungen.
Im Forderungskatalog der baulich/technischen Maßnahmen ist unter anderem geregelt, daß der Außenbereich des Stadions mindestens 2,5 Meter hoch umzäunt sein muß. Außerdem sollten die Tore dem Druck von einer nicht näher aufgeschlüsselten Menschenmenge standhalten. Der Innenraum der Spielstätte ist durch eine etwa 2,20 Meter hohe Einzäunung oder einen schwer überwindbaren Graben vor unbefugtem Betreten zu sichern. In Notfällen sollen mindestens zwei Meter breite Fluchttore die Zuflucht aufs Spielfeld ermöglichen.
Als Brandschutzmaßnahmen sind neben den Hydrantenanschlüssen und Feuerlöschern an von der Feuerwehr festgelegten Punkten auch Eimer mit Sand und Schutzhandschuhen bereitzustellen.
Die Lautsprecheranlage im Stadion muß so geschaltet sein, daß Durchsagen auch bei ungünstigen Verhältnissen überall zu hören sind. Sollte die Netzversorgung einmal ausfallen, muß eine Notbeleuchtung mittels Ersatzstromversorgung gewährleistet sein. Außerdem sind dem Ordnungs-, Sanitäts- und Rettungsdienst nach Angaben der Fifa Sammelplätze und Räume zur Verfügung zu stellen. Die Sicherheitsrichtlinien gelten für alle Fifa-Wettbewerbe und die olympischen Fußballturniere sowie für die Spielorganisationen in den einzelnen Konföderationen, angeschlossenen Verbänden, Vereinen und anderen Organisationen.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP und sid
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