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Polizeifotos als Quotenbringer

Bitte recht unfreundlich

Amtsmissbrauch: Amerikas Zeitungen imitieren eine Unsitte aus dem Internet und drucken Polizeifotos. Diese „mugshots“ zeigen Räuber und Vergewaltiger neben Drogensüchtigen und Verkehrssündern - gehässige Kommentierung inklusive.

Von Nina Rehfeld, Phoenix

Prominente im Visier: Die Schauspielerin Jane Fonda auf einem Polizeifoto vom 3. November 1970. Die Anklage wegen Körperverletzung und Tätlichkeit wurde später fallengelassenProminente im Visier: Die Schauspielerin Jane Fonda auf einem Polizeifoto vom 3. November 1970. Die Anklage wegen Körperverletzung und Tätlichkeit wurde später fallengelassen

13. März 2010 

Amerikas Zeitungen kommen auch auf schräge Ideen. Jüngster Schlager ist der Abdruck von Polizeifotos, der sogenannten „Mugshots“. Auf der Website tampabay.com, dem Internetportal der „St. Petersburg Times“, wird der Leser eingeladen, „155 Leute kennenzulernen, die in den vergangenen 24 Stunden verhaftet wurden“, es folgt eine namentlich gekennzeichnete Fotogalerie. Wer auf ein Bild klickt, bekommt die Daten: Alter, Größe, Gewicht, Verhaftungsgrund. Die Vorwürfe reichen von abgelaufenen Versicherungskarten bis zu schwerer Körperverletzung, von Kokainbesitz und bewaffnetem Raubüberfall bis zu Bettelei oder dem Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit. Dass die Abgebildeten noch gar nicht verurteilt sind, ist einer Fußnote zu entnehmen.

Polizeifotos waren lange eine Domäne der Klatschblätter. Dort druckt man schadenfroh die unvorteilhaften Bilder frischverhafteter Promis ab - Mel Gibson nach seiner Trunkenheitsfahrt, der sichtlich benebelte Basketballspieler Charles Barkley, die in Verwahrung genommene Schauspielerin Lindsey Lohan. Dann entdeckten findige Kleinverleger die Polizeiarchive, im letzten Jahr schossen „Mugshot Magazines“ wie Pilze aus dem Boden: Binnen Wochen wurden Blättchen voller örtlicher Polizeifotos wie „Busted“ (Hochgenommen), „Cellmates“ (Zellengenossen) und „Gotch-Ya“ (Hab dich!) zum Renner.

Die Fotogalerie ersetzt den Polizeibericht

Inzwischen haben auch Tageszeitungen wie die „St. Petersburg Times“, die „Chicago Tribune“ oder der New Yorker „Newsday“ die Bilder aus dem Knast als Attraktion entdeckt. Auf ihren Internet-Portalen veröffentlichen sie Polizeifoto-Galerien - mit durchschlagendem Erfolg. Tampabay.com, das Netzportal der „St. Petersburg Times“, erzielt ein Siebtel des Websiteverkehrs mit Besuchern der „Mugshot“-Seite. Tampabay.com bezieht die Bilder aus dem Polizeireport von vier Bezirken in Florida. Dass die Veröffentlichung von Verhaftungsfotos ethisch bedenklich ist, möchte man nicht hören: Die Galerien seien die zeitgemäße Form des Polizeiberichts.

Solche Berichte veröffentlichen die amerikanischen Zeitungen seit jeher. Doch gegen die spröde Aufzählung von Gesetzesverstößen nehmen sich die Polizeifotos mit ruinierten Frisuren und betrübten Blicken, blutigen Lippen, ausgemergelten Gesichtern und frechen Grimassen weitaus unterhaltsamer aus. Im Internet tummeln sich frisierte Polizeifotogalerien. Mugshots.com lädt seine Leser zur hämischen Kommentierung von namentlich gekennzeichneten Fotos ein - in Kategorien wie „Schläger“, „Promis“, „Historisch“ und „Model-Suche“. Die Seite Mugshotmagazineonline.com treibt die Gehässigkeit noch weiter.

Öffentliche Skandalgeilheit

Die Tageszeitungen geben sich seriöser. Die „Chicago Tribune“ verbindet ihre „Mugs in the News“ mit Berichten zum Geschehen, bei tampabay.com kann man mit einer Mausbewegung den Polizeibericht anklicken, in dem Privatadresse, Arbeitgeber des Beschuldigten und die gegebenenfalls festgesetzte Kaution zu ersehen sind. Floridas lockere Datenschutzgesetze machen es möglich.

Befürworter meinen, der Online-Pranger diene der Kriminalitätsbekämpfung. Ryan Chief, der Herausgeber von „Busted“, das in acht Bundesstaaten erscheint, begreift sein Blatt als „öffentliche Dienstleistung“. Die Betroffenen sehen das anders. „Ich bin ,hochgenommen' worden, weil ich mit einem abgelaufenen Führerschein fuhr. Steht mein Foto deswegen in einer Reihe mit Vergewaltigern und Räubern?“, schreibt ein Kommentator. Medienexperten üben scharfe Kritik an der Lust am Voyeurismus. Nora Paul, Professorin für Journalismus an der University of Minnesota, findet, das Ganze grenze an „journalistischen Amtsmissbrauch“. Aufgabe der Medien sei es, Ereignisse in Zusammenhang zu stellen, die Polizeifotogalerien täten das gerade nicht. Die „St. Petersburg Times“ erntet für ihre Fotos Kritik aus dem eigenen Haus. Die Bilder nährten „die öffentliche Skandalgeilheit“ und seien „ohne journalistischen Wert“, sagte Robert Steele, Journalismus-Professor am Poynter Institute im „Time Magazine“. Der Journalistenschule gehört das Verlagshaus, in dem „St. Petersburg Times“ und tampabay.com erscheinen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP/St. Martin's Press

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