Gespräch mit Armin Mueller-Stahl

Für das Fernsehen lebe ich jedenfalls nicht

02. Juli 2008 Mit bald achtzig Jahren sieht sich Armin Mueller-Stahl zwar im Endspurt, aber nicht am Ziel. Zum Auftakt ihrer Reihe „Deutschland - Deine Künstler“ würdigt ihn die ARD.

Die ARD feiert Sie als einen der bedeutendsten deutschen Künstler. Sind Sie das oder nur einer der bekanntesten?

Bei dieser Frage geht es ja nicht um einen Hundertmeterlauf mit Zielankunft und Sekundenabständen. Man wird aber honorieren müssen, dass ich mit meinen 77 Jahren noch immer am Laufen bin - und das ist ja schon mal was. Ich bin in einem Alter, das man als Endspurt bezeichnet, aber immer noch beschäftigt und habe mehr Angebote, als ich möchte. Denn im Grunde will ich gar nicht mehr so viel drehen. Aber wem obliegt es, das Prädikat „bedeutend“ zu verleihen? Das ist doch zutiefst nebulös.

In Ihrem Fall nicht aus der Luft gegriffen.

Okay, ich habe in Amerika einen ganz guten Ruf. Als Profi. Einen besseren vielleicht, als ich es verdiene. Aber den habe ich mir erarbeitet, indem ich den Beruf stets so ernst genommen habe, wie es geht. Ich habe nie versucht, leicht zu Geld zu kommen, und aufgepasst, was ich tue.

Macht es im eigenen Land wählerischer, wenn man international bekannt ist?

In gewisser Weise war ich immer wählerisch, sonst hätte ich ja die „Schwarzwaldklinik“ gespielt, für die ich im Gespräch war, oder Wedels „Bellheim“, den Mario Adorf mit großem Erfolg verkörpert hat. Ich habe mich aber 1992 für „The Power of One“ in Amerika entschieden. Was nicht heißt, dass ich stets richtig lag. Die Nase geht ja keinesfalls immer konform mit der Zukunft. Nach „Avalon“ hätte ich mir 1990 aussuchen können, was ich wollte. Es lag alles auf dem Tisch, aber das meiste war Mist. Ich habe mich viel geirrt im Leben, aber auch zehn, elf, zwölf Mal nicht.

Zum Beispiel?

Es waren meisten Doppelpacks: „Avalon“ und „Musicbox“, „Oberst Redl“ und „Bittere Ernte“, „Faust“ und „Mephisto“. Den Chef einer jüdischen Familie und einen Kriegsverbrecher im selben Jahr - das klafft ganz schön auseinander.

Gab es eine Rolle, die Sie bereut haben?

Gewiss, aber das führte zu weit.

Der Serienkommissar stünde noch an.

Ganz sicher nicht, es hat sich auskommissart. Ich sollte mal „Der Alte“ spielen, das habe ich damals nicht getan.

Aber darüber nachgedacht.

Das habe ich. Damals bestand durchaus noch ein Wunsch nach Sicherheit, und man hatte mir für deutsche Verhältnisse eine hohe Gage angeboten, als es nicht gänzlich gesichert war, immer meine Brötchen auf den Tisch zu kriegen. Trotzdem habe ich abgesagt. Immer zu fragen: „Was haben Sie gestern um halb sieben gemacht?“ - das wäre mir doch zu wenig.

Wenn die ARD jetzt Ihren Rang betont - fühlen Sie sich gewürdigt oder ein wenig ausgeschlachtet?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich dieses Porträt nicht will, weil es schon ein sehr gutes über mich gibt: von Gero von Böhm - nehmen Sie das! Aber die ARD wollte es anders haben, und ich habe es gemacht, weil mir sehr herzliche Briefe geschrieben wurden, um mich zu überzeugen. Aber ob ein Sendetermin um halb zwölf in der Nacht nun eine Würdigung ist? Schön finde ich das nicht. Wenn man das schon mit sich machen lässt, sollte es auch einen entsprechenden Platz erhalten. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich vielleicht gar nicht . . . obwohl - wollen wir mal sehen, ob ich auch um die Zeit ein paar Menschen glücklich damit mache.

Publikum und Kritik neigen dazu, die internationale Prominenz eines Künstlers nur als nationale Sache zu vereinnahmen. Lassen Sie das mit sich machen?

Was heißt denn „nur“? Worauf sind wir denn stolz? Doch nicht auf Hitler, auch wenn er permanent vorkommt. Stolz sind wir auf Goethe, Schiller, die Kultur der Dichter und Denker, auf Beethoven, Mozart, sogar Arnold Schönberg. Das Zeitalter der Medien ist allerdings weniger stolz auf Kultur, sondern versucht, mit kurzlebiger Tagespolitik Quote zu machen. Wir schaffen es nicht, die Menschen mit interessanten Langzeitgedanken zu fesseln. Alle Geschmäcker wollen befriedigt sein, aber doch bitte nicht auf eine so dumme Weise wie derzeit.

Sie sprechen von Trashfernsehen und Boulevard.

Auch. Im Fernsehen sind die Monster noch immer in der Mehrzahl und nicht die Humanisten, die Krieger, nicht die Brückenbauer. Aber ich bin kein guter Gradmesser, weil ich wenig fernsehe. Gelegentlich ein Konzert oder Tierdokumentationen. In der Regel Nachrichten, die „Kulturzeit“ bei 3sat, dann schalte ich aus. Fernsehen ist nicht gerade das, was mich am Leben erhält. Das ist vielleicht auch altersbedingt; ich lese lieber ein Buch oder höre gute Musik. Und auch das ist breit gefächert. Ich mag guten Jazz ebenso wie den Grönemeyer.

Und moderne Kunst?

Da ist es ähnlich wie im Fernsehen: Wo ein Künstler blutige Tampons zusammenfügt und teuer verkauft, liegt etwas schief. Es gibt halt überall Oligarchen mit viel Geld für, aber wenig Ahnung von Kunst. Die kaufen alles und verkünden den Quatsch als guten Geschmack. Das sind kurzfristige Verkaufsmechanismen. So gesehen ist die Kunst doch tot.

In der ARD-Reihe steht Jonathan Meese für die Kunst. Was halten Sie von ihm?

Er ist momentan ungeheuer in, und sein Kollege Georg Baselitz hat recht: Er ordnet sich nicht in die große Gruppe derjenigen ein, die das machen, was sie gelernt haben, sondern er tut gerade das, was er nicht gelernt hat. Das ist ein guter Ansatz.

Sie selbst sind auf vielen Ebenen Künstler. Welche ist Ihnen die liebste?

Also die Schauspielerei immer weniger, die Malerei immer mehr, und mit meinem Geigenspiel verblüffe ich eigentlich nur noch, weil ich eher mit der Geige spreche, als auf ihr zu spielen.

Ist Deutschland aus Ihrer Sicht immer noch das Land der Dichter und Denker?

Das kann ich nur bestätigen, aber es macht nicht mehr an einer bestimmten Grenze halt und an keiner Schublade. Natürlich können wir stolz sein auf eine Kultur zu einer bestimmten Zeit, wo Dichter, Denker, die Kultur ein Land noch prägen konnten. Heute haben das die Medien übernommen, und die sind aus meiner Sicht nicht denkend, sondern im Gegenteil: Gedanken wegwerfend.

Woran liegt das?

An ihrer Schnelllebigkeit. Um die Quoten in die Höhe zu treiben, richten sich die Medien vor allem nach dem allgemeinen Geschmack derjenigen, die - wenn ich das so sagen darf - nicht so gebildet sind. So verbilden sie uns. Wenn ich jahrelang auf einer verstimmten Geige spiele, verbilde ich auch mein Gehör und höre die Intonation nicht mehr richtig. Genau so verhält es sich mit dem Geschmack, wenn ihm zur Unterhaltung permanent Kitsch serviert wird. Die Medien unserer Tage machen den Klugen klüger und den Dummen dümmer.

Welche Rolle spielt das Fernsehen in diesem Zusammenhang?

Die entscheidende.

Das Gespräch führte Jan Freitag.

Deutschland, deine Künstler - Armin Mueller-Stahl zeigt das Erste am Mittwoch um 23.30 Uhr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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