Steinbrück bei Beckmann

Schuld ist immer das Fernsehen

Von Nils Minkmar

Tritt auf vielen Bühnen auf: Steinbrück im Juli beim “Sommerpausen-Fest“ des Finanzministeriums

Tritt auf vielen Bühnen auf: Steinbrück im Juli beim "Sommerpausen-Fest" des Finanzministeriums

09. September 2008 Seit der Erfindung des Flachbildschirms haben aus der Ferne „zugeschaltete“ Gesprächspartner etwas von frühen Science Fiction Filmen: „Auf den Schirm“ hieß es an Bord der USS Enterprise immer, wenn sich ein unbekannter grüner Sternennebel näherte oder der gegnerische Kriegsherr etwas zu sagen hatte und zwar meist nichts Gutes. Darum erwarten Menschen meiner Fernsehgeneration vom Mann auf dem Flachschirm als Anrede immer ein knarzendes “Erdlinge!“ und die Drohung mit völliger Vernichtung durch neueste Waffen.

Umso schöner ist es dann, wenn stattdessen der Bundesfinanzminister erscheint und - wie es die Wettermoderatorin pietätvoll angekündigt hatte- „aus aktuellem Anlass“ mit Reinhold Beckmann reden möchte. Es hatte dann aber doch was von intergalaktischer Kommunikation. Peer Steinbrück hat man selten so verstört gesehen wie bei diesem Auftritt, der vor der Sendung aufgezeichnet worden war, so wie übrigens auch das „Tagesthemen“-Interview mit Steinmeier, die beiden hatten also offenbar noch was vor am späten Abend in Berlin.

Von Selbstkritik keine Spur

Alles, so versicherte Steinbrück wie zuvor schon Steinmeier, war doch so schön verabredet gewesen mit Kurt Beck, man hatte sich geeinigt, verständigt und verstanden und plötzlich ist es Sonntag und huch so was. Von Selbstkritik, die an dieser Stelle mal erfrischend gewesen wäre, keine Spur, durch den Bildschirm geht kein Riss. Beckmann hängt irgendwie in seinem Sitz oder auf dem Stuhl, er muss nur noch Stichworte geben, Steinbrück lässt einen Monolog ab, in den man nicht hineinkommt. Was auch nicht nötig ist, der Minister bringt derartig viele Stilblüten und Verdrehungen, dass sein schlechtes Gewissen und die ganze Merkwürdigkeit der innerparteilichen Intrigen peinlich genau zu erkennen sind.

Steinbrück ist ein hochintelligenter Mann, erfolgreichster Finanzminister seit Jahrzehnten und durchaus zu klaren Sätzen fähig, es ist schon erschütternd, ihn etwas von der Mitschuld der elektronischen Medien faseln zu hören, die halt, die Medien, einen ganz anderen „Resonanzraum“ geschaffen hätten für Indiskretionen und Plaudereien als noch vor „20 oder 30 Jahren.“ In meiner Jugend gab es hier noch keine Autobahn, Herr Wachtmeister, sagt der Geisterfahrer - nein, eine armseligere Verteidigung hat man selten gehört.

Die „elektronischen Medien“, zu denen auch jenes zählt, in dem er gerade zu Beckmann sprach, gehören schon eine ganze Weile zur Politik, man kann ihre Existenz jetzt nicht zur Entlastung von spezifischem Fehlverhalten heranziehen. Wer mit ihnen nicht klarkommt, beherrscht das Geschäft nicht. Es ist reine Ablenkung, denn gerade das Fehlen der Medienvertreter führte ja zum Rücktritt von Kurt Beck: Wenn man etwas unter vier oder sechs Augen bespricht, ein gewisses Prozedere vereinbart und auch, darüber Stillschweigen zu bewahren, bald darauf aber einen Bericht von diesem Treffen in einem nichtelektronischen Medium liest, dann stellt sich doch nicht nur jedem Agatha-Christie-Leser die Frage, wer den Medienvertretern von diesem Treffen berichtet hat? Und wenn der Parteivorsitzende der SPD deswegen zurücktritt, wird er kaum den Kellner in Verdacht gehabt haben.

Medienschelte und Emo-Schiene

An der Intrige gegen Kurt Beck haben keine Blogger und keine Fotografen Schuld. Es hätte ein großer Moment des Fernsehens werden können, wenn Steinbrück ins Offene gegangen wäre und zumindest nachträglich seine Bedenken gegen Beck als Person und seinen politischen Stil dargelegt hätte. Vorher wirken auch seine tapferen Aufforderungen zu neuer Geschlossenheit ebenso flach wie das Bild, das er da gerade abgibt.

Wo er mit Medienschelte nicht weiterkam, wurde von Steinbrück die Emo-Schiene bemüht, von Selbstachtung wurde geflüstert und von der „Wahrnehmung“ des armen Beck, was klang, als habe der Mann Stimmen gehört, die sonst keiner gehört habe. Fehlte nur noch der Hinweis: Herr Beckmann, Sie haben doch Verständnis fürs Menschliche. Der arme Beck litt also unter dem Wahn, seine beiden Stellvertreter arbeiteten irgendwie gegen ihn. Ts ts, wie kam er nur darauf? Durch die tägliche Zeitungslektüre in den vergangenen zwölf Monaten vielleicht?
Immerhin erfrischend war die Ankündigung, sich mit der SPD-Spitze auf ein Segelboot zurückzuziehen und in ein Kloster, um dann in Fotoproduktionen große Opern nachzustellen.

Moment, da sind mir Nutzer dieser neuen Medien wohl die Gäste verrutscht. Ich träumte auch von Sigmar Solbach als Bundesminister und Nadja Auermann als Kanzlerin. Die waren glücklicherweise nicht auf dem Schirm, sondern in allen drei Dimensionen anwesend und redeten so wie immer. Ich hätte sonst noch schlechter geschlafen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Vergleichen Sie jetzt online die Leistungen verschiedener privater Krankenversicherungen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche