„Bild“ geht nach Berlin

Chefredakteur Diekmann: „Müssen uns der neuen Rolle Berlins stellen“

“Bild“-Chef Diekmann: “Berlin und 'Bild' sind Agendasetter“

"Bild"-Chef Diekmann: "Berlin und 'Bild' sind Agendasetter"

02. Mai 2007 Deutschlands größte Boulevardzeitung will nach Berlin umziehen. „Bild“-Chefredaktuer Kai Diekmann im F.A.Z.-Interview über die Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die Zukunft des Medienstandorts Hamburg und das Vermächtnis von Axel Springer.

Herr Diekmann, bei Springer geht das Gerüchte, dass ein Umzug von „Bild“ nach Berlin ansteht. Was ist da dran?

Es gibt zunächst einmal lediglich den Wunsch der Redaktion, darüber nachzudenken, ob Berlin nicht eine besondere Rolle für „Bild“ spielen muss. „Bild“ ist fünfundfünfzig Jahre lang sehr erfolgreich von Hamburg aus gemacht worden. Jetzt überlegen wir, wie wir sicherstellen, dass „Bild“ in den nächsten fünfundfünfzig Jahren genauso erfolgreich ist. In diesem Zusammenhang kommen wir an der Frage des Standorts Berlin nicht vorbei.

„Bild“ geht also nach Berlin. Kann man heute nicht überall Zeitung machen? Muss alles in die Hauptstadt?

Bald in Berlin: Diekmann, noch in seinem Hamburger Büro

Bald in Berlin: Diekmann, noch in seinem Hamburger Büro

In einem föderalen Staat wie Deutschland natürlich nicht. Aber als größte Zeitung Deutschlands müssen wir uns der neuen Rolle Berlins stellen. Berlin ist eine der wichtigsten Städte der Welt und der Mittelpunkt Europas. Berlin ist das politische, ist das kulturelle, ist das Lifestyle-Zentrum von Deutschland. Berlin ist gelebter Informationsvorsprung. Die „Bild“-Zeitung ist gedruckter Informationsvorsprung, deshalb gehört beides zusammen.

Berlin ist Agendasetter, und „Bild“ ist Agendasetter. Wir wollen weiterhin die Themen setzen, über die Deutschland spricht. Daher ist es wichtig, dass wir dort sind, wo die Nachrichten entstehen. Ein Beispiel: Wir sind seit Jahren die meistzitierte Tageszeitung; im ersten Quartal dieses Jahres haben wir mit unseren Exklusivmeldungen aus der Politik erstmals den „Spiegel“ hinter uns gelassen. Berlin ist zudem eine äußerst emotionale, eine kontroverse Stadt. Auch das ist ein Charakterzug, der Berlin mit „Bild“ verbindet. Das ist eine perfekte Voraussetzung für den Journalismus, den wir machen.

Berlin ist aber auch die Schnittstelle zwischen Ost und West - und trifft sich auch in diesem Punkt mit „Bild“. „Bild“ ist die einzige Zeitung in Deutschland, die eine relevante Verbreitung sowohl im Osten als auch im Westen des Landes hat.

Dann wird der Druck von „Bild“ auf die Berliner Politik noch größer. Nach dem Motto: In jedem Restaurant sitzt ein „Bild“-Reporter und hört mit.

Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass schon jetzt in jedem Berliner Restaurant ein „Bild“-Reporter sitzt? Im Ernst: Seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin hat sich das Verhältnis Politik-Medien stark verändert. Die Berichte über die Berliner „Medien-Meute“ sind Legion, der Konkurrenzdruck zwischen den Journalisten durch ihre schiere Masse enorm. Auf den Druck, den „Bild“ auf die Politik ausübt - und wie alle Medien ausüben will, wenn etwas schiefläuft - hätte ein Standortwechsel aber nur geringen Einfluss.

Denn da geht es um Themen, um Inhalte und nicht um unsere personelle Präsenz in der Berliner Gastronomie. Im übrigen haben wir schon jetzt eine große Parlamentsredaktion in Berlin, ebenso wie eine große Lokalredaktion. Aber mit einem haben Sie natürlich Recht: Je mehr „Bild“-Reporter in Berlin unterwegs sind, desto mehr bekommen sie mit. Das gilt aber keineswegs nur für die Politik.

War der Umzug Ihre Idee? Oder ist die Entscheidung in Berlin gefallen - durch den Vorstandsvorsitzenden Döpfner?

Nein. Bislang gibt es noch keine Entscheidung des Vorstands. Aber ich darf Ihnen so viel verraten: Mathias Döpfner war nicht wirklich entsetzt, als wir ihm den Wunsch der Redaktion, nach Berlin zu ziehen, übermittelt haben. Eine Zeitung, die schnell und jung bleiben muss, gehört nach Berlin - gerade in Zeiten der Digitalisierung, in denen wir uns grundsätzlich fragen müssen, wie es uns außer in gedruckter Form noch geben kann. Wir sind davon überzeugt, dass man ein großes nationales Medium wie die „Bild“-Zeitung auf Dauer nicht außerhalb des nationalen politischen Zentrums machen kann. Ganz nebenbei: Der politische Bedeutungsverlust, den andere - auch Hamburger Blätter - verspüren, könnte auch damit zu tun haben, dass sie die Bonner Republik publizistisch nie verlassen haben.

Wie viele Mitarbeiter sind betroffen?

Das kann ich im Moment noch nicht ganz genau sagen. Wir gehen davon aus, dass es sich um bis zu siebenhundert Kolleginnen und Kollegen handeln kann.

Seit dem vergangenen Herbst sieht sich bei Springer eine Arbeitsgruppe von Roland Berger um. Es ist von Synergien und Stellenstreichungen die Rede. Hat Ihr Umzug damit etwas zu tun?

Nein, nichts. Es geht nicht um Rationalisierung oder Restrukturierung. Wir haben den Umzugswunsch an den Verlag herangetragen. Der Verlag muss das Anliegen jetzt diskutieren, prüfen und entscheiden. Mit Synergien hat das nichts zu tun - es ist eine Standortentscheidung.

Für die Zeitungsstadt Hamburg ist das ein Schlag. Was bleibt dort von „Bild“?

Hamburg wird eine bedeutende Medienstadt bleiben. „Bild Hamburg“ ist die mit Abstand größte Zeitung der Metropolregion Hamburg. Die Hamburger Ausgabe von „Bild“ ist unsere größte Lokalausgabe bundesweit, und daran soll sich überhaupt nichts ändern. Es wird hier auch künftig eine große Redaktion mit rund sechzig Mitarbeitern geben. Hamburg ist immer die Heimat von „Bild“ gewesen und soll das auch bleiben. Ich verstehe gut, dass viele Kollegen sagen, Hamburg sei die schönste Stadt Deutschlands, die schönste Stadt zum Leben. Lebensqualität ist allerdings kein qualitativer Maßstab für guten Journalismus. Und wir glauben eben, dass unsere journalistische Zukunft als Zeitung, als bundesweites Leitmedium in der Hauptstadt liegt.

Sind die Koffer schon gepackt?

Nein, die Koffer sind noch nicht gepackt. Jetzt muss erst einmal der Verlag entscheiden, ob er bereit ist, eine Menge Geld für diesen Umzug auszugeben. Aber es gibt ein Wunschdatum: das wäre der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit. Mir würde es sehr gefallen, wenn wir noch in diesem Jahr am 3. Oktober die erste „Bild“-Ausgabe von Berlin aus produzieren würden. Das wäre ein Signal, das der politischen Tradition des Verlages und des Engagements seines Gründers Axel Springer für die Überwindung der deutschen Teilung entspricht.

Wenn es nicht bis zum 3. Oktober gelingt, ist es auch in Ordnung, aber es wäre ein kleiner Traum. Ein Traum, der sich in die historische Verankerung des Axel-Springer-Verlages in Berlin fügt und in die Vision des Verlegers Axel Springer, der heute fünfundneunzig Jahre alt geworden wäre.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z., 02.05.2007, Nr. 101 / Seite 44
Bildmaterial: REUTERS

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