Henri Nannen Preis 2008

Merkel lobt Reich-Ranicki als „Ikone des Feuilletons“

09. Mai 2008 Mit einer bewegenden Rede hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Lebenswerk des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki gewürdigt. „Die Zeit ist reif, eine Ikone - eine Ikone im besten Sinne des Wortes, eine Ikone des Feuilletons - in diesem Rahmen zu ehren“, sagte Merkel am Freitagabend in ihrer Laudatio bei der Verleihung des Henri Nannen Preises vor rund 1.200 prominenten Gästen im Hamburger Schauspielhaus.

Der 87-jährige Reich-Ranicki wurde mit dem Preis des Verlags Gruner + Jahr und des Magazins „Stern“ für sein publizistisches Lebenswerk ausgezeichnet. Elf weitere Preisträger wurden mit der Auszeichnung, die nach dem 1996 gestorbenen Gründer sowie langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des „Sterns“ benannt ist und 2008 zum vierten Mal vergeben wurde, für herausragende journalistische Arbeiten geehrt.

„Das Lebenswerk von Reich-Ranicki ist nicht allein die Summe aller wortgewaltigen Lobreden oder Verrisse in seiner 50-jährigen Tätigkeit im deutschen Feuilleton“, sagte Merkel weiter. Er lebe Kultur und wolle andere an der Leidenschaft teilhaben lassen, mit allen Mitteln der Kunst: „Mit der subtilen Kraft der Ironie ebenso wie mit ihrer eleganten pointierten Sprache.“ Die Kanzlerin lobte weiter: „Einfühlsamer kann man für mich die Kraft von Literatur und Musik, ja von Kunst und Kultur insgesamt kaum erfassen.“

Reich-Ranicki lobt Merkels Rede

Der sichtlich gerührte Preisträger sagte in seiner Ansprache, er habe schon viele Reden über sich gehört. Aber: „Ich habe keine gehört, die so wie die heutige das Wesen meiner Arbeit in klaren Worten zusammengefasst hätten.“ Er erzählte, wie er Merkel noch zu Bonner Regierungszeiten kennengelernt habe und damals dachte, dass sie sicherlich einmal eine Ministerin werden würde. „Aber mehr nicht“, sagte er unter dem Lachen des Publikums.

Vor der Verleihung sagte Reich-Ranicki im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP, es sei für ihn eine überraschende Auszeichnung, die ihn sehr freue: „Das ist ein anerkannter Preis, und ich habe einen solchen Preis noch nicht.“

Reich-Ranicki gilt als der einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart. Von 1973 bis 1988 leitete er das Literaturressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Einem breiten Fernseh-Publikum wurde er mit der ZDF-Reihe „Das literarische Quartett“ bekannt. Erfolg hatte er auch mit seiner Autobiografie „Mein Leben“.

Kisch-Preis für Reportage über Doppelmord von Tessin

Neben der Auszeichnung für das Lebenswerk wurden Preise in fünf Kategorien vergeben, sowie einer für Pressefreiheit. Dieser ging an die irakische Journalistin Zainab Ahmed für ihre Standhaftigkeit und ihren Einsatz für die Freiheit der Berichterstattung.

Das Herzstück des Henri Nannen Preises ist der renommierte Egon-Erwin-Kisch-Preis, der seit gut 30 Jahren für herausragende Reportagen vergeben wird. In diesem Jahr ging er an Sabine Rückert für ihre Reportage „Wie das Böse nach Tessin kam“, die im „Zeit Magazin Leben“ erschien. Die Gerichts- und Kriminalreporterin der „Zeit“ beleuchtete darin die Parallelwelt des 17-jährigen Gymnasiasten, der im Januar 2007 mit einem Freund in dem mecklenburgischen Dorf Tessin ein Ehepaar brutal erstochen hatte.

Der Henri Nannen Preis in der Kategorie Investigation ging an vier „Spiegel“-Journalisten für den Bericht „Doping im deutschen Radsport“. In der Kategorie Humor wurde der „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein geehrt, im Bereich „Besonders verständliche Dokumentation“ die „GEO“-Geschichte von drei Autoren mit dem Titel „Kampf bis zum letzten Fisch“. Der Preis für die beste Fotoreportage ging an den Chinesen Lu Guang.

Zu der zwölfköpfigen Jury gehören renommierte Journalisten und Chefredakteure, unter anderem Giovanni di Lorenzo von der „Zeit“, Hans Werner Kilz von der „Süddeutschen Zeitung“, Peter-Matthias Gaede von „GEO“, Alice Schwarzer von „Emma“ sowie Frank Schirrmacher von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.



Text: AP
Bildmaterial: AP

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