Das Video des Amokläufers

Narziss und Mörder

Von Michael Hanfeld

NBC präsentiert das Video des Mörders

NBC präsentiert das Video des Mörders

19. April 2007 Er nennt sich „Ismael“. Schon das könnte man deuten. Ismael, der verstoßene Sohn Abrahams? Herman Melvilles Ismael, der Erzähler der Geschichte von „Moby Dick“, der uns seinen wahren Namen nicht verrät? Oder schließlich jener „Ismael“ aus dem Roman von Daniel Quinn, der per Gedankenübertragung mit einem Gorilla über den Verfall der Welt räsoniert? Cho Seung-Hui, der Massenmörder von der Virginia Tech University in Blacksburg, spricht - und die ganze Welt soll ihn hören.

Sein Video, seine Bilder und sein hochtrabend „Manifest“ genanntes Pamphlet hat der amerikanische Sender NBC weidlich ausgeschlachtet. Wo CNN mit dem verwackelten Video von Jamal Albarghouti (siehe: Wie CNN-Moderatoren in Virginia ihre Aufgabe vergaßen) aufhörte, machte jener Sender weiter, dem Cho Seung-Hui sein Info-Paket geschickt hat. Er hat es in den zwei Stunden gefüllt, verschnürt und auf die Post gegeben, die zwischen seinen ersten beiden Morden und den dreißig weiteren lagen. Nur weil er die Anschrift des NBC-Hauptquartiers nicht richtig schrieb, ist seine Sendung mit einem Tag Verspätung angekommen. Bei NBC erklären sie das ganz genau, sie buchstabieren die richtige Adresse, analysieren die Handschrift und beschreiben jeden Meter, den die Dokumente auf ihrem Weg ins Nachrichtenstudio nahmen. Es ist, als sähen wir eine Folge der Krimiserie „CSI“.

Die Worte eines Mörders

Um Punkt 9.01 Uhr am Morgen des Massenmordes sei „Cho's Manifest“ bei der Post registriert worden, sagt der Moderator und bekundet sogleich, dass man sich die Entscheidung, Ausschnitte daraus zu zeigen, nicht leichtgemacht habe: „Wir wissen, was es für die Betroffenen bedeutet“, sagt der anchorman, und dass man sich bewußt sei, „die Worte eines Mörders“ zu senden. Man habe sich sogleich mit den Behörden in Verbindung gesetzt. Das Originalband bekam die Polizei, NBC arbeitete mit der Kopie weiter.

Es gebe keine zwei sinnvoll zusammenhängenden Sätze auf diesen engbeschriebenen Seiten, heißt es, also werden sie einzeln herausgelöst: „Ihr hattet Hunderte von Milliarden Gelegenheiten und Wege, das Heutige zu vermeiden. Aber ihr habt entschieden, mein Blut zu vergießen. Ihr habt mich in die Ecke gezwungen und mir nur eine Option gelassen. Das ist eure Entscheidung. Nun habt ihr Blut an den Händen, das sich nie mehr wieder abwaschen lässt.“ Er tue, was er tun müsse, erzählt der Attentäter, nicht für sich, sondern für seine „Kinder und Brüder und Schwestern“. „Ihr“ - also wir - „habt es genossen, mich zu kreuzigen, Krebs in meinen Kopf, Terror in mein Herz zu pflanzen und meine Seele zu zerstückeln.“ So geht es weiter, so geht es fort, im Originalton verbreitet über das Fernsehen und das Internet. Sobald Cho Seung-Hui ein „Four-letter“-Wort oder andere Obszönitäten in den Mund nimmt, ertönt bei NBC der obligatorische Piepton, die Mitschrift dieser ausgelassenen Stellen liefert die Boulevardpresse getreulich.

Der Welt ein Rätsel

Cho Seung-Hui will mit seinem Bekenner-Video ein Vermächtnis hinterlassen und der Welt ein Rätsel aufgeben. Er posiert dabei nicht von ungefähr wie die islamistischen Bombenattentäter, die Allah preisen, bevor sie sich und andere in die Luft jagen, er beruft die Attentäter von der Columbine High School zu Zeugen und schließlich Usama Bin Ladin, befindet sich also in bester Mörder-Gesellschaft. Doch man muss ihm nicht zuhören oder sein Geschwurbel einer Exegese unterziehen und sich fragen, was seine Religion ist, was es mit seiner Kritik an „den Reichen“ und dem Hedonismus der Welt auf sich hat, um ihn zu durchschauen. Man muss nur die Bilder sehen, auf denen er mit seinen Waffen posiert, um zu erkennen: Dieser Irre gefällt sich im Spiegel und hasst alle anderen; er hält sich für Rambo, ja sogar für Jesus und glaubt, sein Tod werde „Generationen von schwachen und wehrlosen Menschen inspirieren“.

Doch er rächt sich für nichts und niemanden, Globalisierungskritik sieht anders aus. Cho Seung-Hui kennt nur sich sich selbst - und die Gesetze des Fernsehens und der Mediengesellschaft, genauso wie die Dschihadis, die sich vor ihren Attentaten fürs Paradies aufplustern, um damit dann doch nur bei Al Dschazira zu landen. „Wir wollen keinen Helden oder Märtyrer aus ihm machen“, sagen sie bei NBC. Cho Seung-Hui hat den postumen Triumph, solange sein Video on air bleibt. Er ist der endgültige, wahnsinnige Ego-Shooter. Er hat uns nichts zu sagen, doch er geht auf Sendung - weil er schießt und schießt und schießt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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