Fernsehen

Der Streit um „Spiegel TV“ eskaliert

Von Michael Hanfeld

Der Vater von “Spiegel TV“: Stefan Aust

Der Vater von "Spiegel TV": Stefan Aust

11. Juni 2007 Die Mitarbeiter von „Spiegel TV“ sind beunruhigt. Sie sind sogar sehr beunruhigt. Sie sind so beunruhigt, dass sie den neuen „Spiegel“-Geschäftsführer Mario Frank in einem Brief inständig ersuchen, die anstehenden Pläne für einen Umbau ihrer Fernsehproduktionsgesellschaft zu ändern. Binnen weniger Stunden hatten 184 von zweihundert erreichbaren Mitarbeitern den Brandbrief an Frank unterschrieben.

Sie alle fürchten, dass „Spiegel TV“, das als privates Unternehmen auf dem Markt des Informations- und des dokumentarischen Fernsehens zugleich schnell, flexibel und trotzdem ein Branchenriese ist, bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen und seiner Potenz beraubt wird. Und dies nicht aus wohlerwogenen sachlichen Überlegungen heraus, sondern wegen eines Machtkampfs - des Machtkampfs zwischen Mario Frank, dem neuen Geschäftsführer der „Spiegel“-Gruppe, und dem „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust, der zudem Geschäftsführer von „Spiegel TV“ ist - er hat das Unternehmen aufgebaut.

„Tiefgehendes Zerwürfnis“

Spiritus rector des umstrittenen Umbaus ist der für „Spiegel TV“ zuständige Geschäftsführer Fried von Bismarck. Geht es nach ihm, wird die Gesellschaft in eine Holding umgewandelt und in vier Bereiche gegliedert: Lizenz-, Fremd- und Eigenproduktionen sowie Studiotechnik. Von dieser Struktur müsse „Spiegel“-Chefredakteur Aust noch überzeugt werden, sagte der Geschäftsführer von Bismark dem Branchendienst „Der Kontakter“ kürzlich. Womit der Konflikt sehr zurückhaltend beschrieben wäre.

Die Mitarbeiter von „Spiegel TV“ haben sich nach einer Versammlung - der ersten in neunzehn Jahren - ihre Meinung gebildet. Seine Power-Point-Präsentation zur Neustrukturierung des Unternehmens, schreiben sie Mario Frank, „hat uns alle sehr beunruhigt“. Die Sorgen wüchsen noch angesichts „des tiefgehenden Zerwürfnisses der Geschäftsführung von Spiegel TV“, das auf der Betriebsversammlung „in erschreckender Offenheit“ zutage getreten sei: „Dass zum Beispiel von Geschäftsführer zu Geschäftsführer und auch zu Ihnen die Lage des Hauses völlig unterschiedlich beurteilt wird, macht uns fassungslos. Wir wissen nicht, ob es einen Zusammenhang zwischen ihren Umbauplänen und den Querelen in der Geschäftsführung gibt, aber falls es so ist, wollen wir als Mitarbeiter keinesfalls zum Spielball solcher Machtkämpfe werden. Bestürzt und erschrocken haben wir in den vergangenen Wochen erlebt, wie sie unser Unternehmen öffentlich herabgewürdigt haben.“

Hochwillkommener Partner

Die „Spiegel TV“-Leute fürchten, um den Lohn ihrer langjährigen Arbeit betrogen zu werden. Sie haben angefangen als Außenseiter auf den Doku-Sendeplätzen bei RTL, Sat.1 und Vox, sind mit ihren aktuellen, mehr noch aber den historischen Produktionen, etwa über die Zeit des Nationalsozialismus, derart erfolgreich, dass sie auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern als Partner längst hochwillkommen sind. Als nächstes Großprojekt, das davon Zeugnis gibt, steht im Herbst ein von „Spiegel TV“ gemeinsam mit dem NDR produzierter Mehrteiler in der ARD über die RAF an. „Spiegel TV“, schreiben die Mitarbeiter, sei in den vergangenen neunzehn Jahren „ein Synonym für erfolgreiche Synergien im personellen und materiellen Bereich“ gewesen, nur so sei die „anfangs riskante Ausweitung in neue Geschäftsfelder“ möglich geworden. Heißt im Klartext: Bei „Spiegel TV“ sind sie stets alle selbstausbeuterisch voll ins Risiko gegangen, Misserfolge wurden abgehakt, Erfolge stetig ausgebaut.

Ein schwerer Schlag war freilich die Einstellung der von „Spiegel TV“ erstellten Nachrichten bei Vox. Der Sender hat seine eigene Nachrichtenmarke in diesem Frühjahr eingestellt und sendet jetzt nur noch Nachrichtenfilme, ohne Moderation. Das soll modern sein, sieht aber gar nicht danach aus. Man sieht vielmehr, was fehlt. Die Mitarbeiter von „Spiegel TV“ wollen sich nun nicht auf das Zuliefern von Bewegtbildern für den Internetauftritt von „Spiegel Online“ reduzieren lassen. Der Geschäftsführer Mario Frank hatte im Interview mit dieser Zeitung angedeutet, dass „Spiegel TV“ vor allem als Lieferant für den hauseigenen Onlinedienst fungieren könne und man entsprechend umsteuern müsse (siehe: Der neue „Spiegel“-Geschäftsführer Mario Frank stellt seine Pläne vor). Die Zukunft von „Spiegel TV“ im Netz aber, geben die Mitarbeiter in ihrem Brief zu bedenken, speise sich „nicht zuletzt aus den Inhalten, die alle Redaktionen des Hauses in den vergangenen Jahren hergestellt haben“. Und die bisherigen Fortschritte in Sachen Bewegtbild im Internet und der „Vorsprung gegenüber allen Wettbewerbern“ ergäben sich daraus, „dass ,Spiegel TV' so strukturiert ist und so funktioniert wie jetzt“. Auch könnten sich potentielle neue Partner schon jetzt an „Spiegel TV“ - in der bestehenden Form - beteiligen.

Verloren sind die Mitarbeiter mit ihrem Protest und ihrem Credo noch nicht. Denn am Ende müssen die Gesellschafter der gesamten „Spiegel“-Gruppe darüber entscheiden, was mit „Spiegel TV“ wird. Und 50,5 Prozent der Anteile am „Spiegel“ vertritt bekanntlich die Mitarbeiter KG. Deren Vertreter werden aufmerksam verfolgen, wie stichhaltig die Argumente für einen Umbau sind.

Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite 42
Bildmaterial: Spiegel

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

NEU: Jetzt keine Folge „RICHTERSPRUCH“ mehr verpassen! Testen Sie den kostenlosen Benachrichtigungsservice von FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche