Rußland

Die letzte Hoffnung wurde erschossen

Von Kerstin Holm, Moskau

Anna Politkowskaja: von Verehrern als journalistische Mutter Teresa bezeichnet

Anna Politkowskaja: von Verehrern als journalistische Mutter Teresa bezeichnet

23. Oktober 2006 Man hatte es immer schon geahnt, jetzt ist es amtlich. Der russische Staat, der auf der Weltwirtschaftsbühne sein imperiales Comeback feiert, hat die Schwachen zum Abschuß freigegeben.

Die Ermordung von Anna Politkowskaja, jener journalistischen Mutter Teresa, wie sie ein Verehrer nannte, hallt nach wie die Salve, welche die Jagd eröffnet. Frau Politkowskaja war Zeitungsreporterin, die die Kellerverliese der russischen und tschetschenischen Kriegsmaschinerie aufsuchte. Dabei wurde die vor allem im Westen mit Auszeichnungen überhäufte Autorin, die manchmal Armeeeinheiten durcheinanderbrachte und die Zeugnisse ihrer Gesprächspartner nicht überprüfen konnte, von Zunftkollegen oft nicht als wirklich professionell anerkannt.

Ihr wirksamster Schutz lag in ihrer Schutzlosigkeit

Anna Politkowskaja sammelte das, wofür sich außer ihr keiner mehr zu interessieren wagte, die Stimmen der Geschundenen, die ohne Idealisten wie sie im Nichtsein verschwinden. Die zarte Frau, die trotz Anschlägen und Morddrohungen keine Leibwache haben wollte, war Rußlands Stimme der menschlichen Anteilnahme.

Ihr wirksamster Schutz, in den besorgte Bewunderer der Politkowskaja ihre Hoffnung setzten, lag in ihrer Schutzlosigkeit. Daß der unwirksam wurde, wirkt wie ein Dammbruch. Soeben wurde die Gesellschaft für russisch-tschetschenische Freundschaft in Nischni Nowgorod von der Staatsanwaltschaft geschlossen. Die allrussische Invalidengesellschaft meldet, die Bestimmungen für einen Behindertennachweis würden ständig verschärft und nach der Abschaffung von Steuererleichterungen für Arbeitgeber fänden Behinderte kaum noch Beschäftigung.

Kannibalische Gruppenkämpfe

Unter Journalisten und Menschenrechtlern herrscht Niedergeschlagenheit und Panik. Der Publizist Richard Lourie sieht in Rußland nach der Demokratie die Zivilisation selbst sterben, deren Kennzeichen es sei, Individuen zu achten und informieren zu wollen. Der Publizist Waleri Panjuschkin hat seine Kolumne in der Zeitung „Kommersant“ eingestellt. Denn die russische Politik bestehe nur noch aus kannibalischen Gruppenkämpfen, begründete Panjuschkin seinen Entschluß.

Der Menschenrechtler Oleg Orlow legte sein Amt als - wenn auch höchst nomineller - Berater von Präsident Putin nieder, nachdem das Staatsoberhaupt die Lebensleistung der Gemeuchelten firmendirektorhaft als für Rußland schädlich einstufte. Wenngleich ihr Tod dem nationalen Image noch mehr schade.

Spektakulären Mordtaten nehmen wieder zu

Zwölf Journalisten sind während Putins Amtszeit in Rußland ermordet worden, die meisten hatten Korruptionsfälle recherchiert. Aufgeklärt wurde keiner. Doch während das Staatsoberhaupt die politische und Presselandschaft gleichschaltete, bekannte er sich gebetsmühlenartig zu Demokratie und Pressefreiheit. Nach dem Tod der Politkowskaja kaschiert er seine Verachtung dafür nicht mehr.

Das soziale Klima wird einem Kriegszustand immer ähnlicher. Im wiedererstarkten Rußland, dessen Lebensfunktionen ein immer dichteres Netz von Sicherheitsdiensten und Kontrollbeamten überwuchert, nehmen die spektakulären Mordtaten wieder zu.

An eskalierende Machtkämpfe erinnert

Vor drei Tagen wurde in Russisch-Fernost der Abgeordnete der Kreml-Partei „Einheitliches Rußland“, Fotjanow, nachdem er sich für die Bürgermeisterstichwahl in der Hafenstadt Dalnegorsk qualifiziert hatte, in seinem Arbeitszimmer erschossen. In Moskau erdolchten Unbekannte den Manager der Nachrichtenagentur Itar-Tass, Anatoli Woronin.

Vor drei Wochen wurde der stellvertretende Vorsitzende der russischen Zentralbank, Andrej Koslow, der die russischen Privatbanken am staatlichen Zügel zu halten hatte, mitten im Stadtzentrum von einem Erschießungskommando abgeknallt. Man fühlt sich an die eskalierenden Machtkämpfe erinnert, da Stalin die sowjetische Machtpyramide errichtete und das paradoxe Dogma ausgab, je näher die Gesellschaft dem sozialistischen Ziel komme, desto schärfer werde der Klassenkampf.

Unter Folter werden Geständnisse erpreßt

Um so mehr beeindruckt die öffentliche Apathie. Die Leute, absorbiert vom Überlebenskampf, sind schon froh, wenn gelegentlich eine Portion Luxus für sie abfällt. Die Ordnungshüter gelten allen als mafiose Organisationen, die sich um die Kontrolle legaler und illegaler Wirtschaftszweige bemühen und gegen Bezahlung jedes Verbrechen decken.

Jeder weiß, daß Untersuchungsbeamte unter Folter Geständnisse erpressen. Wenn die Polizei der Öffentlichkeit gefangene Kriminelle präsentiert, geht der Normalrusse davon aus, daß hier Ganoven ohne Protektion „bearbeitet“ und ihnen ein Fall „angehängt“ wurde.

Frauen aus Männlichkeitskult geschont?

Nach Anna Politkowskajas Tod waren sich russische Kommentatoren auch in der Prognose einig, ihr Mörder würde nie gefunden werden. Ramsan Kadyrow, der tschetschenische Premier, den Politkowskaja als Verbrecher gebrandmarkt hatte und dem ihre Ermordung das Leben zweifellos erleichtert, beteuerte seine Unschuld mit dem Argument, er töte keine Frauen.

Es gehört zum Männlichkeitskult der Kaukasusvölker, daß Frauen, Alte, Kinder geschont werden. Kenner der tschetschenischen Zustände berichten freilich, daß der Krieg die Tabus zerstört. Anna Politkowskajas letzte, nicht fertig geschriebene Reportage, die ihre Zeitung „Nowaja Gaseta“ als Fragment ins Internet stellte, enthielt Videobilder von Polizeiopfern, die zu Tode gequält werden. Von den Peinigern sind nur die Stimmen zu hören, die den Sterbenden Flüche und, wie nach Vergewaltigungen üblich, weibliche Schimpfnamen hinterherschicken.

Putin würde heute größeren Wählerzuspruch finden

In Gefahr schmiegt sich eine schwache Gesellschaft eng auch an den ungeliebten Anführer. Unter dem verbreiteten Gefühl von Bedrohung litt das Vertrauen in den Präsidenten, das innerhalb eines Monats um vierzehn Prozent abfiel.

Weniger als ein Drittel der Bevölkerung vertraut Putin, teilt die Stiftung „Öffentliche Meinung“ (Obschtschestwennoje mnenie) mit. Die gleiche Studie ergab aber auch, daß das Staatsoberhaupt heute paradoxerweise mit 52 Prozent einen größeren Wählerzuspruch finden würde als noch vor vier Wochen.

Freispruch für Mörder

Das russische Fernsehen rüstet das Publikum geistig auf, indem es wöchentlich Sendungen über die Verteidigung Moskaus im Herbst 1941 und jüngst auch einen frisch produzierten russischen Hitlerspielfilm ausstrahlt. Nur der Kampf gegen Feinde, kein konstruktives Ziel bindet die russische Gesellschaft zusammen, stellt der Publizist Andrej Rjabow bitter fest.

Die Bevölkerung, der statt der einst in Aussicht gestellten Rohstoffrente immer höhere Lebenshaltungskosten beschert werden, richtet ihren Zorn bereitwillig auf ethnische Minderheiten. Die antigeorgische Kampagne inklusive Deportation und Schließung georgischer Betriebe kommentiert der Mann auf der Straße mit dem Hinweis, endlich ginge es den georgischen Mafiaklanen an den Kragen.

Die Kraftprobe mit dem abtrünnigen Kaukasusland ist nicht zuletzt populär als stellvertretende Strafaktion gegen Amerika. Zornige junge Russen organisieren sich zu faschistoiden Schlägertrupps, die vorzugsweise über wehrlose Mitmenschen mit dunkler Hautfarbe herfallen. In Petersburg endete unlängst ein Prozeß gegen Jugendliche, die einen vietnamesischen Studenten totgeschlagen hatten, mit Freispruch. Wie zuvor die Verfahren gegen russische Ultranationalisten, die einen Kongolesen und ein tadschikisches Mädchen umgebracht hatten.

Wer zehn Frauen vergewaltigt, wird beneidet

Ob vertriebene georgische Orthodoxe oder wehrlose Gewaltopfer, das russische Christentum macht sich nicht zu ihrem Anwalt. Die Moskauer Patriarchatskirche, die sich nie für die Freiheitsrechte einzelner und stets für die Interessen von Staat und Gemeinschaft stark macht, schweigt zu Menschenrechtsverletzungen. Auch Präsident Putin, ein frommer orthodoxer Christ, weiß, daß man Stärke am besten durch Unterwerfung der Schwachen, auch des schwachen Geschlechts beweist.

Dem israelischen Präsidenten Katsav, gegen den wegen sexuellen Mißbrauchs von zehn Frauen ermittelt wird, ließ er durch seinen Premier Olmert Grüße ausrichten, in Rußland bewundere man Katsav als echten Mann. Wer zehn Frauen vergewaltigt hat, der werde, so Putin, „bei uns“ nur beneidet.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

2 Wochen gratis testen!Möchten Sie die F.A.Z. oder die Sonntagszeitung erstmal kennenlernen? Kostenlos und unverbindlich 2 Wochen testen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche