
Seltsamer Artikel, geht ja auch alles sehr in eine Richtung. In dem NDR-Interview deutet sie nicht etwa an, dass sie besser eine andere Identität hätte annehmen sollen. Das versucht der Autor des Artikels ihr offenbar in den Mund zu legen. Passt ja auch gut. Die arme Kampusch. Das Opfer der bösen Boulevardmedien... Sie empfielt den Identitätswechsel den Opfern von Amstetten, da diese den Namen des Täters tragen. Man sollte wenigestens in einer seriösen Zeitung noch korrekt zitieren: N. Kampusch sagte in dem NDR Interview: "In meinem Fall war es ja so, dass ich vorher ein ganz anderes Leben geführt hatte und nicht genauso hieß wie der Täter und dass ich mich weder vom Täter, noch von der Öffentlichkeit und den Medien dazu nötigen lasse, meinen Namen oder meine Identität herzugeben. Genau um diese Identität wiederzuerlangen, bin ich ja auch geflohen, weil ich wollte ich sein und nicht irgendjemand im Kellerverlies." Und ich denke, Menschen, die jahrelang ein Leben führen, wie N. Kampusch, können -sicher reißerische- Fragen von einer Fr. Schrowange auch nichts mehr anhaben. Man sollte einfach mal aufhören, sie wie ein unmündiges Wesen zu behandlen. Und wenn sie eine Talkshow machen möchte, warum denn nicht?

Ich mag solche Artikel, auch wenn sie scheinheilig sind. Zeigen sie doch, dass der Boulevard auch bei den vermeintlich intellektuellen funktioniert. Der Großteil berauscht sich am Thema selbst, lässt sich darin fallen und folgt blindlings fragwürdigen Moderatoren mit zum Teil verachtungswürdigen Fragen. Der andere Teil erregt sich an solch Schmutz und geißelt das Thema. Und wieder hat der Boulevard gewonnen. Machen wir uns nichts vor. Ackermanns, Wagners und Middelhoffs werden das Thema gar nicht kennen, was ihre Position dazu überlegen macht. Der Rest gibt sich so oder so hin. Dabei bedienen beide Seiten - RTL und FAZ - nur die weit geöffneten Mäuler ihrer Klientel. Schließlich haben Sie den Artikel ja auch gerade gelesen. Die Moral von der Geschicht: Jede Aufmerksamkeit verstärkt das Problem. Auch diese hier.

Seine Gefühle zur Schau stellen ist doch in. Wenn man regelmäßig die Privatsender sieht - und das sollte man, damit man weiß, in welche Richtung Otto Normalverbraucher steuert -weiß man, was das Volk will. Wer in solche Shows geht sollte wissen, was ihn oder sie erwartet. So manche ehemals seriöse Tagesszeitung färbt auch ab.Ich glaube, das stört so richtig nur die Generation 50 plus. Ich hoffe auch, die FAZ hat das nie nötig, so abzudriften.

Und hier geht die Horrorshow weiter. Ich frage mich nur, was uns von Gruselsüchtigen unterscheidet. Wir Faz-Autoren und -leser bekommen ergötzen uns doch auch an dem Horror. Mit einer kleinen, intellektuellen Distinktion: Ja, indem wir den Boulevard geißeln, sind wir natürlich was besseres. Auch dieser Mechanismus hat etwas Fürchterliches: Er ermöglicht uns, die Gier nach menschlichem Leid zu füttern und uns dabei auch noch moralisch zu erheben. Was soll ich mir von Ihnen, Herr Hannemann wünschen? Dass Sie das alles durchschauen - und auf zynische Weise nutzen - oder, dass Sie diesem Mechanismus naiv unterliegen?