04. Dezember 2008 Aber halt - war die Debatte nicht schon längst geführt worden? Hatten wir uns nicht alle miteinander darauf geeinigt, dass traditionelle Medien und Internet in einem fruchtbaren Verhältnis der Ergänzung stehen, statt realitätsfremd das eine Medium gegen das alte ausspielen zu wollen? Müssen wir nun wirklich noch einmal in die Bütt steigen, um das Prinzip der medialen Sphärentrennung in Erinnerung zu rufen: Gebt den Bloggern, was den Webblogs ist, und dem Zeitungsredakteur, was der Zeitung ist?
Auch wollen wir nicht tadeln, sondern loben, wenn ein und derselbe Mensch in beiden Sphären zugleich agiert. Ernst Kantorowicz zufolge ist der Mythos vom doppelten Körper des Königs generell geeignet, um den Machttransfer in politischen Schwellensituationen abzusichern. So steht heute auch immer mehr Journalisten ein doppelter Körper als Redakteur und Blogger zu.
Eine geistige Wende
Wo diese Übereinkunft aufgelöst wird, kommt es zu intellektuellen Entäußerungen, die eigentlich nicht der Rede wert wären, würden sich hier nicht wie in einem Mikrokosmos die Gereiztheiten und Nervositäten der medialen Schwellensituation spiegeln. Jüngstes Studienobjekt ist der Schlagabtausch zwischen zwei Journalisten des Handelsblatts. Der eine, Thomas Knüwer, hatte gebloggt, alle Journalisten sollten so werden wie er, wenn ihnen ihr Überleben lieb wäre. Also auch allzeit mit StudiVZ, Facebook, MySpace oder Twitter vernetzt sein, um sich anzuschauen, was den Zeitgeist gerade umtreibt, statt sich in einer ganz anderen Galaxie (sprich: ohne diese Internetdienste) zu bewegen. Und alle sollten wie er auch das Abbild seines eigenen Gesichts in die Zeitung hängen, statt so etwas als eitles Pfui-Bah, als Nachvornedrängeln von Selbstdarstellern zu diffamieren. Fazit des wackeren Bloggers: Soll unser Berufsstand weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, müssen viele, viele Journalisten eine geistige 180-Grad-Wende vollführen.
Der Gegen-Blogger, Sönke Iwersen, stammt pikanterweise aus derselben Redaktion und fügte einen Kommentar an, welcher den 180-Grad-Wende-Blogger zunächst derart erschreckte, dass er ihn löschte, nach einer Schreckstunde und anschwellendem Blogger-Protest dann aber doch lieber wieder online stellte. Dieser Kommentar bestreitet rundweg, dass das schiere Sichtbarmachen des eigenes Konterfeis irgendetwas mit geistiger Wende, ja mit Geistigkeit überhaupt zu tun habe. Auch sei die Nutzung von Internetdiensten allein noch kein Garant für analytischen Mehrwert. Kurzum: Hier las man ein Plädoyer für jenen Funken Blasiertheit, ohne den kein Journalismus auskommt, der sich Überblick und Urteilsvermögen erhalten möchte, statt als besinnungsloser Recherchierapparat der Aktualität hinterher zu hecheln (als sei Aktualität eine ontologische Größe und werde nicht stets auch durch die Setzungen der Journalisten beeinflusst).
Ein Stilproblem - und ein analytisches
Will man nicht sehen, wie alte und neue Medien aufeinander angewiesen sind, dann gibt es für diese Debatte kein Halten mehr. Das zeigt der kleine Streit im Handelsblatt-Blog mit ernüchternder Deutlichkeit. Er zeigt ein Stilproblem: Kollegen gehen enthemmt auf Kollegen los, weil sie sich gegenseitig bis aufs Blut provoziert fühlen. Und er zeigt ein analytisches Problem: Man erwartet journalistischen Mehrwert dort, wo er nicht zu erwarten ist: vom bloßen Näher-dran-Sein.
Aufgebracht von der Anmaßung seines Kollegen, den einzig wahren Journalismus der Zukunft ausrufen zu wollen, rührt der Kommentator an der parasitären Struktur vieler Blogs: Ich verstehe einfach nicht, schreibt er, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten du selbst lebst. Eine große Zahl deiner Blogeinträge basiert doch auf Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben. Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern, und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du. Es ist Dir unbenommen, in Deinem Blog eine Art Restverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus.
Beckmesserisch und besserwisserisch
Aus der aggressiven Behauptung eines solchen Zukunftsmonopols spricht ein Gefühl von Inferiorität, das der Professionalität abträglich ist. Die Gereiztheit und Schludrigkeit der Sprache, das Beckmesserische und Besserwisserische dieses Mit-uns-geht-die-neue-Zeit-Blogs sprechen für sich. Das freihändige Aufdrücken von geistigen 180-Grad-Wenden hat mit dem guten alten Genre der intelligenten Polemik nichts gemein. An Gefühle der Unter- oder Überlegenheit zu rühren ist immer eine haarige Sache.
Man ist gut beraten, seine eigenen Komplexe und die der anderen ruhen zu lassen, statt sie auszustellen oder gar zum Motor seines Redens und Schreibens zu machen. Man kommt sonst aus der Selbstbeunruhigung (vulgo: Paranoia) nicht heraus, die einen überall feindliche Wesen mit hässlichen großen Fratzen sehen lässt. Und verspielt so das vielleicht schönste Privileg des Journalisten: nicht zu den Getriebenen gehören zu müssen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Handelsblatt