18. März 2008 Die neue Ausgabe von Wetten, dass..? - natürlich mit Günther Jauch. Das Frühlingsfest der Volksmusik - natürlich auf Pro Sieben. Die Nachrichten bei Sat.1 - natürlich um 20 Uhr. Diese drei Aussagen haben eines gemeinsam: Sie widersprechen unseren Sehgewohnheiten so offensichtlich, dass das natürlich eine ungewollt komische Konnotation erhält. Zwei von ihnen sind dann auch barer Unsinn. Die dritte aber hat einen wahren Kern. Die Sat.1-Nachrichten nämlich laufen seit gestern Abend immer um 20 Uhr. Natürlich um 20 Uhr, behauptet der Trailer, doch natürlich ist das natürlich nicht.
Um 20 Uhr läuft, natürlich, die ARD-Tagesschau. Zur selben Zeit laufen sonst nur die RTL 2 News, die Nachrichten für Leute, die keine Nachrichten mögen; Pro Sieben, das eine Zeitlang ebenfalls diese Zeitschiene besetzte, zeigt inzwischen eine zehn Minuten kurze News-Sendung um 18 Uhr. So weit ist man bei Sat.1 noch nicht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten aber ringt der Sender schon um Informationskompetenz und hat den Sprung aufs Podest doch nie geschafft. Ob die Nachrichten um 19 Uhr, 18.45 Uhr oder - wie in den vergangenen dreizehn Jahren - um 18.30 Uhr liefen, ob ihre Präsentatoren Ulrich Meyer, Thomas Kausch oder Hans-Hermann Gockel hießen, stets lag Sat.1 deutlich abgeschlagen hinter ARD, ZDF und RTL.
Keine Kampfansage
Jetzt also startet man einen neuen Versuch, und zwar auf dem, wie es heißt, Lieblingsplatz deutscher Nachrichtenfreunde: 20 Uhr. Dort will man jene ansprechen, denen die Sprache der Tagesschau zu sperrig und die Ausstrahlung von RTL aktuell zu früh ist, und setzt auf ein neues, wenn auch nicht mehr junges Gesicht. Peter Limbourg, seit Jahren Chefredakteur des konzerneigenen Info-Kanals N24, wäre schon vor vier Jahren eine naheliegende Lösung als Sat.1-Anchor gewesen, war aber, wie er erzählt, nicht gefragt worden. Das hat man nun nachgeholt, und Limbourg hat einen reizvollen Job übernommen, der freilich auch kein Lebenstraum für ihn gewesen sei.
Weil Limbourg mit seinen siebenundvierzig Jahren kein Träumer mehr ist, ließ er sich vorab zu keiner plakativen Kampfansage hinreißen, sondern nannte lediglich die rund zehn Prozent Marktanteil, die in der ARD die Tagesschau bei den Zuschauern zwischen vierzehn und neunundvierzig erreicht, einen auch für Sat.1 erreichbaren Wert. Sein Ziel sei nicht etwa, die schönsten, besten oder revolutionär neuesten Nachrichten zu machen, sondern klare und verständliche. Hierbei immerhin scheint der Sender, so viel darf man nach der Premierensendung gestern sagen, auf einem ganz guten Weg.
Seien Sie heilfroh, wenn Sie heute keine Aktien besitzen: Mit diesem Grußwort leitete Limbourg über zur Finanzkrise in Amerika und ihren Folgen für die Weltwirtschaft und die Privatanleger - auf allen großen Sendern das Thema des Tages. Sat.1 hielt hier die Balance zwischen Wirtschaftsnachrichten und Verbraucherinformation, schilderte kurz die hausgemachten Ursachen in den Vereinigten Staaten, erklärte den Begriff Einlagensicherungsfonds und schaltete zum Finanzexperten nach Berlin.
Nachrichten und Nutzwert
Mit gleich zwei Beiträgen dazu, einmal aus Amerika und einmal aus Deutschland, berichtete etwa die Tagesschau noch ausführlicher, die sich inzwischen auch um eine lebendigere Sprache bemüht und erklärte, die Bank Bear Spears sei zu einem Spottpreis verkauft worden. Am augenfälligsten war der Kontrast zu RTL aktuell, wo man Wirtschaft fast ausschließlich aus Verbrauchersicht beleuchtete: Unter Angst um unser Geld wurde das Thema zusammengefasst.
Die Emotionen und das, was man heute Nutzwert nennt, rückt keine andere der großen Nachrichtensendungen so stark in den Vordergrund wie RTL aktuell. Dort widmete man sich ausführlich dem fiestesten und ungemütlichsten Osterwetter seit Jahren und untersuchte mögliche Fluchtwege. Einen vom Verkehrsministerium produzierten Film, der mit drastischen Bildern vor Unfällen durch überhöhtes Tempo warnt, zeigte man gleich zweimal. Außerdem ging es um den tragischen Tod eines Jungen, der mit einem entzündeten Blinddarm ins Krankenhaus gebracht, dort aber falsch behandelt wurde - ein Beitrag, der besser in ein Magazin passt als in eine klassische Nachrichtensendung.
Verbrauchernähe demonstrierte Sat.1 mit einem Film über den Plan, durch längere Arbeitszeiten auf Autobahnbaustellen Staus zu entschärfen. Ansonsten unterschied sich die Sendung thematisch kaum von Tagesschau oder heute im ZDF, deren Korrespondentenberichte - etwa zu tibetischen Flüchtlingen in Indien (ZDF) - allerdings stärker in die Tiefe gingen. Der neuerliche Versuch Kurt Becks, seinen Führungsanspruch zu untermauern, war nur Sat.1 eine Meldung wert. Eine eigene Meldung fabrizierte man mit einer selbst in Auftrag gegebenen Umfrage, der zufolge nur noch zweiundvierzig Prozent der Deutschen glauben, ihr Land habe eine besondere Aufgabe gegenüber Israel. Und nur die Tagesschau, nicht aber die Konkurrenz von RTL, ZDF und Sat.1, sparte sich die Meldung über die vor allem für Heather Mills erfolgreiche Scheidung des Ehepaars McCartney.
Ihm fehlt die Wärme
Und Peter Limbourg? In den kurzen Moderationen, die ihm die zwölf Minuten knappe Nachrichtensendung ermöglichte, wirkte er so, wie man es erwarten konnte: sachlich und solide. Kein Versprecher. Böse ausgedrückt, könnte man sagen, er fiel nicht weiter auf. Und genau hier liegt das Problem: Anders als der RTL-Mann Peter Kloeppel oder auch Steffen Seibert vom ZDF verfügt Limbourg offensichtlich nicht über die nötige Wärme, die ein Überbringer meist schlechter Nachrichten braucht, damit ihn der Zuschauer dennoch gern ins Wohnzimmer lässt.
Eine solche Ausstrahlung kann man nicht über die Jahre hinweg aufbauen - man hat sie oder eben nicht. Wäre Limbourg ein solches Naturtalent, hätte man ihn, den Nachrichtenprofi, schon viel früher an einem prominenten Pult verankern müssen; tatsächlich aber wirkt er nicht wie ein Verkäufer, sondern wie ein Verwalter von Nachrichten und insofern kaum charismatischer als die adretten Vorleser der Tagesschau-Meldungen.
Besonders deutlich wurde das bei Limbourgs unbeholfenen Abschiedsworten. Zum Glück, sagte er nach dem Rausschmeißer-Beitrag über Mills und McCartney, gebe es ja auch glückliche Liebesgeschichten, zum Beispiel jene, die man gleich im Anschluss bei Sat.1 sehen könne. Gemeint war die achtzehn Jahre alte, nicht nur bei Sat.1 zigmal wiederholte Romanze Pretty Woman - was den Zuschauer daran erinnerte, dass den Sender noch ganz andere, viel größere Probleme plagen als seine ewig erfolglosen Nachrichtenjournale.
Nachtrag: Am Morgen meldete Sat.1 für den Sender sehr erfreuliche Marktanteile - vor allem für Pretty Woman. Der Film kam bei den Vierzehn- bis Neunundvierzigjährigen auf einen Marktanteil von 19,7 Prozent und war damit Tagessieger. Die Sat.1 Nachrichten konnten davon aber nicht profitieren: Ihr Marktanteil lag bei 8,0 Prozent, erst nach ihrem Ende schalteten viele Zuschauer zu Sat.1 um.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: obs