09. Dezember 2006 Als die Schwedische Akademie am 12. Oktober bekanntgab, daß Orhan Pamuk am Sonntag (10. Dezember 2006) den Literaturnobelpreis bekommen soll, stand die Türkei kopf. Die türkische Presse reagierte mäßig und bedacht. Ganz anders klangen die Stimmen, die sich im Internet zu Wort meldeten: Orhan Pamuk hat den Nobelpreis nicht seinem literarischen Schaffen zu verdanken, sondern der armenischen Diaspora, schrieb ein anonymer Teilnehmer am 17. Oktober auf der türkischen Seite der Internetenzyklopädie Wikipedia.
Bis heute hält dort, aber auch in der englischen Version der Seite das Ringen um die Frage, wer oder was Pamuk ist, an. Wissen gilt den Wikipedianern als demokratisches Gut; jeder darf mitschreiben und verändern, so lange und so oft er will. Der Redigierkrieg um Pamuk entbrannte Minuten nach Aufnahme der Tatsache der Auszeichnung in die Enzyklopädie. Innerhalb von Stunden wuchs der Eintrag über den Autor um mehr als das Doppelte. Die türkische Seite existiert erst seit Juli 2006; wie die englische veränderte sie sich nun im Minutentakt.
Dieser ehrlose Mensch kann kein Türke sein
Orhan Pamuk ist kein Historiker. Seine Ideen über die türkische Geschichte erfindet er aus dem Nichts, tut aber so, als seien sie eine heilige Wahrheit. Die Mehrheit der Türken empfindet das als äußerst befremdlich, schrieb ein Anonymus auf der türkischen Seite. Nach vielen Hin und Her verschwand die Passage am 16. Oktober.
Einen Tag später, um 17 Uhr 49, meldete sich ein Wikipedianer namens Hallelujah zu Wort: Diese unehrenhaften Typen, diese Idioten, die dem Ansehen der Türkei schaden, sind alle meine Feinde. Wer sagt, daß alles stimmt, was Pamuk schreibt? Dieser ehrlose Mensch kann kein Türke sein. Man sollte seine DNS testen. Diesen französischen Idioten empfehle ich seine Bücher, ich werde eines Tages die Häuser der Armenier damit anzünden! Die Schimpfattacke wurde mit der Höchststrafe bei Wikipedia geahndet: Der Zugang des Nutzers wurde durch einen Administrator gesperrt.
Als Wikipedianer darf man keine Stellung beziehen
Die Frage, wie Pamuks Bemerkungen zu den Armeniermassakern in den Wikipedia-Eintrag eingehen sollen, diskutieren die türkischen Nutzer. In der Türkei brachten sie dem Autor eine Klage wegen öffentlicher Herabsetzung des Türkentums ein. Ob es genüge, darauf zu verweisen? Sei es ratsam, den Worten Massaker und Genozid die Worte angeblich und sogenannt voranzustellen? Wenn man über die Massaker spreche, bedeute das, sie als Tatsache zu akzeptieren, schreibt ein Nutzer namens Vikiyazar, dessen Wikipedia-Vita vor allem Beiträge zu geschichtlichen Themen nennt.
Als Wikipedianer darf man keine Stellung beziehen. Sonst mache man sich zum Werkzeug derer, die die Geschichte vom Genozid verbreiteten. Wenn man etwas immer wieder wiederholt, gewöhnen sich die Ohren daran. Pamuk sei wegen Äußerungen über Armenier und Kurden angeklagt worden, heißt es schließlich in der aktuellen türkischen Wikipedia-Version. Die Worte Genozid oder Völkermord fallen nicht. Ungehört blieb ein Nutzer namens Chimera. Er plädierte dafür, den Eintrag über Orhan Pamuk nicht mit dem Begriff Türke zu verlinken - das sei nicht objektiv.
Kein Platz an spöttischem Zweifel an Weltautorität
Wo die Wahl der Begriffe bestimmt, was überhaupt als Tatsache zu gelten hat, enthüllt sich rasch die Naivität des Wikipedia-Optimismus, der eine verbindliche Weltbeschreibung demokratisch produzieren will. Was sich am Tibet-Problem studieren läßt, gilt auch für die Armenier-Debatte. Ob man die Sprachregelung vom Genozid akzeptiert, die in Frankreich nun sogar mit strafrechtlichen Mitteln durchgesetzt werden soll, bleibt eine politische Frage, die bei Wikipedia keiner Entscheidung zugeführt werden kann.
Erst recht ist dort nicht der Platz für spöttische Zweifel an einer Weltautorität vom Format der Schwedischen Akademie. Auf der englischsprachigen Seite bemerkte ein Nutzer am 12. Oktober: Wer einen Nobelpreis bekommen will, muß einfach sein Land beleidigen. Der Eintrag wurde nach einer Minute gelöscht. Wenige Tage später ist für kurze Zeit zu lesen, daß Pamuk sich nur politisch engagiert habe, um den Nobelpreis zu gewinnen. In der aktuellen Version heißt es, Pamuk habe im türkischen Fernsehen verneint, das Wort Genozid im Zusammenhang mit den Armeniern verwendet zu haben.
Text: F.A.Z., 09.12.2006, Nr. 287 / Seite 40
Bildmaterial: AFP
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