Journalisten und Verlagsmanager

Das Regime der Flanellmännchen

Von Michael Jürgs

Journalisten und Verlagsmanager waren sich noch nie ganz grün

Journalisten und Verlagsmanager waren sich noch nie ganz grün

08. Juni 2008 Früher war nicht fast alles besser, aber fast alle. Die einen beäugten misstrauisch die anderen, weil sie Geld ausgaben, das von ihnen rangeschafft wurde; neidisch, weil sie die schöneren Mädchen abkriegten, die statt der Buchhalter lieber jene liebten, die ihnen ihr erstes Buch zu widmen versprachen; sprachlos, weil sie wortreich die Welt verändern wollten, in der das Wort Rendite nicht vorkam - kurzum: weil sie unberechenbar waren und sich nicht in morphologische Kästen zwängen ließen.

Unberechenbares ist der natürliche Feind von Kaufleuten und Buchhaltern. Wir nannten deshalb Verlagsmanager abschätzig Erbsenzähler. Die wiederum drohten im Gegenzug mit Kürzung der Spesen. Es herrschten also klare Verhältnisse, denn nichts geht in dieser Branche über ein belebendes Feindbild, solange sich die Akteure im Fahrstuhl oder in der Tiefgarage auf Augenhöhe begegnen.

Nun, da die letzten Vertreter dieser geliebt-verhassten Art auf der Roten Liste gefährdeter Spezies stehen, brauchen Journalisten, Fotografen, Grafiker in real existierenden Umständen Manager, Kaufleute, Buchhalter. Ohne die müssten wir unsere Texte, Fotos, Layouts in Fußgängerzonen oder Bierzelten vortragen und ausstellen, anschließend beim Volk um Zugaben bitten. Die Alternative, sich einen anständigen Beruf zu suchen, war nie recht prickelnd.

Erstklassige Dramen

Ohne die Betriebswirte hätten wir heute nämlich keine feste Bleibe. Sie sind die Baumeister. Errichten für uns den Betrieb, in dem wir wohnen dürfen. Sorgen dafür, dass die Statik des Gebäudes stimmt, die Mauern dick genug sind, das Dach nicht leckt und das Ganze auf festem Boden steht. Ohne sie wäre das, was wir am liebsten machen, nicht machbar. Aber ohne uns wären sie alle nichts als Macher - Manager, Kaufleute, Buchhalter, die Überwachungsvideos für Lidl entsorgen, bei der Bayerischen Landesbank die Kredite prüfen, eine Wurstfabrik von Hoeneß leiten oder eine Steuererklärung für Zumwinkel abgeben müssten. Alles wichtig. Aber eben nicht so glamourös und prestigeträchtig wie das aufregende Leben im zweitältesten Gewerbe der Welt.

Für einen Neubau oder die Renovierung eines Altbaus in diesem Gewerbe braucht es beide, den Journalisten und den Kaufmann. Software und Hardware. Im Zusammenspiel entstehen erstklassige Dramen und Komödien. Falls die einen, wir also, jedoch versagen, schläft das Publikum ein, wechselt den Provider und begeistert sich für andere Software. Wahres ist, mag es noch so schön und gut sein, eine Ware, die sich letztlich verkaufen muss. Alle großen Nachkriegsverleger, berufene Journalisten, hatten solide Baumeister an ihrer Seite, als sie ihrer Phantasie Flügel verliehen, ihrem Instinkt vertrauten, Ideen unters Volk brachten, Herren der öffentlichen Meinung wurden, Blätter machten, vor vollen Kirchen predigten. Rudolf Augstein, Werner Friedmann, Henri Nannen, Axel Springer. Alle stets unterschiedlicher Meinung, aber einig, dass es im Zweifelsfall immer auf die Köche ankommt, nicht auf die Kellner.

Kellner halten sich für Köche, Köche müssen kellnern

So ist es heute nicht mehr. Kellner halten sich für Köche, Köche müssen kellnern. Das hat Gründe. Der nicht geschützte Beruf des Journalisten ist verkommen, weil viele, die sich Journalisten nennen, andere Berufe schwänzen. So liest sich dann auch, was sie schreiben, oder hört sich an, was sie reden, und zeigt sich, was sie ausstrahlen. Die Frequenz mancher Sender ist höher als der IQ ihrer Betreiber, und bei vielen bunten Blättern sind die Redakteure dümmer als die Leser. Kein Wunder, dass studierte Betriebs- und Volkswirte, Juristen und sogar Diplomingenieure denen vorschreiben, was ihnen gerade so mal einfällt. Das ist zwar nicht viel, aber für die Gemeinten reicht die Einbildung. Blattmacher buckeln vor vorgesetzten Managern, und die zahlen ihnen ausgesprochene Demütigungen - Erbsenzähler! Flanellmännchen! Korinthenkacker! - heim, werfen per Power Point ihre Renditevorgaben menetekelnd an die Wand.

Falls dabei nur Selbstdarsteller und Gossenjungs auf der Strecke bleiben, ist das nicht mal eine üble Nachrede wert. Aber seit sich zu viele Kaufleute einbilden, Journalismus sei ein Beruf wie der ihre auch, trifft es auch Männer und Frauen, die ihr Handwerk beherrschen, unbestechlich sind, Haltung haben, moralisch handeln oder an das glauben, was sie tun. Talent und Instinkt und Leidenschaft sind nicht lehrbar, Marketing ersetzt nicht das Gespür für den Markt, eine Zielgruppe anzupeilen, ohne ein eigenes Ziel zu haben, endet in Gruppendiskussionen. Zu viele Manager großer und kleiner Verlage sind heute aber zutiefst überzeugt davon, sie könnten qua Position auch das, was Könner können.

Die Krise des Journalismus ist die Krise von Eingebildeten der Medienbranche

Dass sie von Journalismus nicht mehr verstehen als von der Psyche ihrer Frauen oder Geliebten, ist ihnen nicht vermittelbar. Dass sie ohne uns nichts weiter wären als mehr oder weniger begabte Manager, die niemand kennt, erstaunt sie. Also muss es ihnen gesagt werden. Die eigentliche Krise des Journalismus ist die Krise von Eingebildeten der Medienbranche, doch werden die agierenden Supermarios nie zugeben, dass sie überall besser aufgehoben wären als da, wo sie sind - oder noch sind.

Keine Macht den Drögen: das war mal selbstverständlicher Konsens, egal, aus welcher politischen Ecke der Wind über die publizistische Landschaft wehte. Heute dünken sich Zwerge, die sich in den Radkappen ihrer Dienstwagen spiegeln, als Riesen. Wir Journalisten sind zwar nur Software. Aber ohne diese Software stürzt selbst die beste Hardware ab. Der legendäre britische Zeitungszar Lord Beaverbrook schrieb einst an einen seiner Chefredakteure: „Es ist mir völlig egal, ob Sie Geld verdienen. Alles, was ich von Ihnen verlange, ist eine großartige Zeitung.“

Wer das nicht schaffte, wurde gefeuert, musste das Haus durch den Hinterausgang verlassen. Diese auf dem Markt unserer Eitelkeiten geltenden Regeln sind nach wie vor gültig. Die, die oben mitspielen wollen, dürfen deshalb nicht jammern, falls es sie erwischt. Bei manchem Rausschmiss in jüngster Zeit fragt man sich allerdings, ob es für die Stabilität des betroffenen Hauses nicht besser gewesen wäre, wenn sich der Chefkaufmann, sein Profil im Spiegel betrachtend, einsichtig gezeigt und beschlossen hätte, selbst künftig anderswo sein Geschäft zu verrichten.

Zweitklassige Retter

Neben selbstherrlichen Schaumschlägern gibt es natürlich nach wie vor selbstbewusste Baumeister von Rang. Falls auf der anderen Seite des Tisches im großen Saal des Hauses Manager mit Mut sitzen, könnten sie mit Journalisten zu gemeinsamen Zielen aufbrechen und deren Visionen in die Realität umsetzen. Mag sein, dass Politiker mit Visionen zum Arzt gehen sollten. In unserem Gewerbe ist es anders. Wer da keine Visionen hat, sollte eine Therapie beginnen.

Richtig ist: immer wenn es kriselt, glauben Flanellmännchen, nunmehr schlage ihre Stunde und die Rettung in Gefahr und Not seien Entlassungen, Kürzung der Honorare, Verzicht auf teure Recherchen. Unrichtig aber ist, dass ausgedünnte Magazine ohne Eigenheiten an den Kiosken reißenden Absatz finden würden. Inzwischen haben bessere Zeitungen, von denen es hierzulande mehr gibt als in den gelobten Vereinigten Staaten, das integriert, das früher nur wöchentlich in guten Magazinen zu finden war - und sind dadurch stärker denn je.

„Back to the roots“ lautet deshalb für die Zukunft die Formel 1 des Printgewerbes, nachdem journalistische Selbstdarsteller und auf fremdem Terrain herumlabernde Manager der Euphorie wie beim Web 2.0 das Blut der anderen und das Geld ihrer Konzernmütter geopfert haben. Die Arbeitsteilung zwischen Koch und Kellner ist vorbei. Die Hausverwalter dürfen mitbestimmen oder wollen gar allein bestimmen über Inhalte, stoßen auf immer weniger Gegenwehr, was auch daran liegt, dass sich seit jenen Zeiten, in denen alles möglich schien, journalistische Blindgänger Publizisten nennen durften, nur weil sie ihren Kopf mit einer Hand abstützen konnten, ohne dabei in Seichtgebiete abzurutschen.

Stimmt schon, Journalisten glauben, alles besser zu wissen

Genial dagegen war einst die Idee der „Zeit“-Macher, die ihrem Verleger, jener feuerköpfigen Mischung aus hanseatischem Juristen, Kaufmann und leidenschaftlichem Störer eingefahrener Verhältnisse, eine Kolumne in seinem eigenen Blatt gaben, die doppeldeutig fein „Gerd Bucerius zu Fragen der Zeit“ hieß und in der er munter gegen alle und alles schreiben konnte, auch gegen die ihn respektierende Redaktion, deren Andersartigkeit er respektierte. Wortgewaltige Überzeugungstäter, überzeugt davon, dass Gedrucktes die Welt nicht nur erklärt, sondern im Innersten zusammenhält, gibt es heute unter denen, deren einzige Vision eine zweistellige Rendite ist, kaum mehr.

Der gebildete Journalist Mathias Döpfner, Chef des Hauses Springer, hätte getreu dem Motto, ein Schuster möge bei seinen Leisten bleiben, für rund 600 Millionen Euro, die das PIN-Abenteuer gekostet hat, einen deutschen „New Yorker“ gründen oder eine Berliner Illustrierte und sogar beide über jahrelange Durststrecken wässern können. Im Vorstand des größten deutschen Zeitschriftenhauses sitzt keiner unserer Wahnsinnigen der anderen Art mehr. Früher haben in dieser Runde Journalisten bei Gruner + Jahr mit Ideen Wesentliches zum Mehrwert des Hauses beigetragen, zudem als Interessenvertreter der ihnen vertrauten Wesen im Zweifelsfall für die Journalisten votiert und Respekt vor ihnen eingefordert. Beim „Spiegel“, nach wie vor einzigartig in seiner Art, ging schon der erste Versuch, einen würdigen Nachfolger für den verdienten Majordomus Karl Dietrich Seikel zu finden, voll daneben.

Stimmt schon, Journalisten glauben, alles besser zu wissen, wie auch an diesem Text wieder mal sichtbar wurde. Aber in den Fällen, in denen es stimmt, sollten die Baumeister auf sie hören. Fragt sich nur, woran man erkennt, dass es stimmt. Genau das aber macht die Faszination unseres Berufes aus: Man weiß es einfach nie.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Raus aus dem Alltag, rein ins Vergnügen! Ob Städtereise, Wellness-Wochenende, Strand- oder Skiurlaub buchen Sie jetzt die nächste Urlaubsreise. Schauen Sie vorbei…

09.02.2010 00:00

Bio-Themen für Realos

10.02.2010 00:00

SRG-Ombudsmann rügt seltener

09.02.2010 00:00

Rentabler Idealismus

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche