Von Annika Müller
18. April 2008 Was als anarchistische Aktion einiger kreativer Medienkritiker begann, hat sich zum handfesten Skandal entwickelt: Am Donnerstag vor einer Woche hatte sich ein falscher Protagonist in die ARD-Sendung Polylux eingeschlichen und sich hinterher in einem Bekennervideo auf polylog.tv selbst enttarnt. Er und seine Mitstreiter, die sich Kommando Tito von Hardenberg nannten, wollten mit ihrer Aktion auf unzureichende Recherchemethoden der Polylux-Redaktion hinweisen.
Nachdem das Video im Internet eine rege Diskussion ausgelöst und Polylux sich mit seiner zögerlichen Reaktion Kritik eingehandelt hatte, machte die Redaktion den Vorfall nun gestern Abend in ihrer jüngsten Sendung zum Thema. In einem Beitrag lies Polylux den Fall noch einmal Revue passieren und lieferte zugleich einen Exkurs zu großen Medienbetrügern der Geschichte.
Es ist uns eine große Ehre, in einem Atemzug mit den ,Yes Men‘ genannt zu werden, sagte der Darsteller des angeblichen Drogenkonsumenten im Anschluss an die Sendung gegenüber FAZ.NET. Die Selbstkritik des Senders sei allerdings zu kurz gekommen. Auf die konkreten Vorwürfe des Kommandos Tito von Hardenberg, die sich auf die Methode der Protagonisten-Anwerbung im Internet bezogen, war der Bericht nicht eingegangen.
Sportliche Glückwünsche
Die Polylux-Moderatorin Tita von Hardenberg überbrachte stattdessen sportliche Glückwünsche für den Coup der Anarchogruppe, der gemessen am Medienecho ein Riesenerfolg gewesen sei. Es sei gezeigt worden, dass man auch Journalisten veräppeln könne. Wenn es gelingt, die Medien an der Nase herumzuführen, ist dies eine amüsante Sache, sagte Tita von Hardenberg. Der Tonfall des Berichts selbst war locker und vergnügt: So viel Presse hat ,Polylux‘ sonst nur, wenn Tita von Hardenberg schwanger ist, hieß es da. Der angebliche Drogenkonsument aus dem Beitrag Volksdroge Speed sei im wahren Leben ein Gelegenheitsschauspieler und - laut Tita von Hardenberg - sehr überzeugend gewesen.
Dass dies nicht die erste gesellschaftskritische Handlung des Darstellers war, belegen Auszüge aus alten Polylux-Sendungen. In Spaß am Protest über Anti-G8-Demonstranten und Lachen über Nazis war das Mitglied einer anarchistischen Gruppe, die sich Hedonistische Internationale nennt, bereits in Aktion zu sehen und - vielleicht gönnte sich Polylux mit der neuerlichen Wiedergabe dieser Bilder eine kleine Rache - teilweise bis auf eine Gesichtsmaske splitternackt. Bis letzte Woche waren die Medien noch Verbündete der Anarchogruppe, beklagt Polylux. Nun werde die Sendung ungerechterweise als das mediale Herz der Bestie bezeichnet. Dass diese Charakterisierung nicht ganz zutreffend sei, räumte selbst der Darsteller, des Drogenkonsumenten ein, der sich weiterhin hinter dem Namen Tito von Hardenberg versteckt.
Das kann nicht Recherche genannt werden
Polylux sei ein verhältnismäßig seriöses Format. Es gibt durchaus schlimmere Beispiele, sagte er zu FAZ.NET. Der hohe Zeitdruck beeinträchtige die Qualität in allen Medien. Polylux habe im Falle von Volksdroge Speed allerdings erst eine Woche vor Sendebeginn ein Gesuch im Internet plaziert: Das kann nicht Recherche genannt werden, so Tito von Hardenberg. Es sei immer gefährlich, offen im Internet nach Protagonisten zu suchen. Oft werde einer Person zudem zugunsten einer Geschichte zu leicht geglaubt. Im Fernsehen kommt das sehr häufig vor, so der falsche Speedkonsument.
Das Kommando Tito von Hardenberg hat indes bereits weiter recherchiert. Laut einer Sprecherin habe eine einfache Google-Suche ergeben, dass Polylux häufiger mittels Anfragen in Internetforen nach Protagonisten für Beiträge suche. Die Medienguerillagruppe belegt dies mit einer Liste von Internet-Links. Egal ob Speed-User, Sektenaussteiger, überforderte Studenten oder Menschen ohne Beziehungserfahrung - stets kommt das 'Frischfleisch' für die nächste Sendung aus der 'lieben Community' im Internet, so die Kommando-Sprecherin. Sie bezweifelt, dass es sich bei dieser Art der Protagonisten-Anwerbung überhaupt um Recherche handelt: Wir sehen aber auch, dass es für ein Zeitgeistmagazin, das jede Woche neue Trends präsentieren muss, kaum Alternativen zum Internet gibt, räumt der Darsteller ein.
Wir sind gespannt, wie es weitergeht, sagte er in der Nacht zum Freitag, Ich hoffe, dass ,Polylux' in Zukunft umsichtiger recherchieren wird. Er zeigte sich nach der gestrigen Sendung und der darin enthaltenen überfälligen Stellungnahme der Redaktion positiv überrascht: Wir werden die Sache nun auf sich beruhen lassen, Doch vielleicht, fügte er hinzu, gebe es ja bald ein Kommando Kai Dieckmann. Die hedonistische Internationale hat ihre Mitglieder jedenfalls dazu aufgerufen, die Aktion auf andere Medien zu übertragen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Cinetext