Von Peer Schader
14. September 2007 Deutschland liebt Katrin Bauerfeind. Harald Schmidt hat sie schon gelobt, was in der Medienbranche quasi einer Seligsprechung gleichkommt. Journalisten lieben es, wenn die 25-Jährige ihnen im Café gegenübersitzt und ganz ohne Arroganz von ihrer Karriere erzählt, in die sie einfach so hineingestolpert sei. Und Internetnutzer schwärmen von den kecken Moderationen in der Internetshow Ehrensenf, die sie im Sommer verlassen hat, um doch mal was Anständiges zu machen.
Katrin Bauerfeind ist also ein Star. Warum? Das steht selten so genau in den freundlichen Porträts, die über sie geschrieben werden. Und über Katrin Bauerfeind werden ausnahmslos freundliche Porträts geschrieben. Mal sehen, ob sich das jetzt ändert.
Hui, Schwangerschaftsvertretung!
Seit dieser Woche moderiert sie das ARD-Mischmagazin Polylux, von dem man zwischendurch gedacht hat, es sei schon längst abgeschafft, bis eben die Nachricht durch die Medien flatterte, dass Bauerfeind die Schwangerschaftsvertretung für Tita von Hardenberg übernehmen würde. Die Meldungen dazu haben sich gelesen als sei es die größte Anerkennung, die einem zuteil werden kann, wenn man vorher nur was im Internet gemacht hat: Schwangerschaftsvertretung im echten Fernsehen, hui! Vielleicht hätte Bauerfeind sich das vorher doch mal genauer überlegen sollen.
Denn noch immer gilt: Eine Moderatorin (oder ein Moderator) ist meist nur so gut wie das Konzept der Show, die sie (oder er) moderiert. In dieser Hinsicht ist Polylux für die Vertretungsfrau eine ganz besondere Herausforderung.
Das RBB-Magazin soll ein junger Fleck im sonst fast ganz vergreisten ARD-Abendprogramm sein: ironisch, modern, mutig. Es ist leider nichts davon. Dreißig Minuten dauert Polylux jede Woche, und wer bis zum Ende durchhält, weiß nachher meist nicht mehr, wieso eigentlich. Das liegt unter anderem daran, dass Polylux über Themen berichtet, die allen egal sind - den Zuschauern genauso wie den Redakteuren. Und wenn einer mal etwas aufgeschnappt hat, das nicht egal ist, sondern vielleicht sogar hochpolitisch und spannend, dann unternimmt er alles, um den Beitrag dazu doch noch belanglos erscheinen zu lassen. Die erste Polylux-Ausgabe nach der Sommerpause am späten Donnerstagabend zeigte das geradezu vorbildlich.
Keine Provokation, nirgendwo
Die Wehrpflicht zum Beispiel. Ist das gerecht, wenn Jahr für Jahr massig Leute bei der Musterung rausfliegen, die gerne zur Bundeswehr gegangen wären, und solche, die längst studieren oder arbeiten, befohlen bekommen, alles für ein paar Monate zu unterbrechen? Das hat sich Polylux gefragt. Mehr aber nicht. Es gab keine kontroverse These, die Widerspruch provoziert hätte, nicht einmal den Ansatz einer Diskussion.
Stattdessen hat ein junger Mann erzählt, wie er sich bereits auf die Karriere beim Heer gefreut hat, dann aber wegen einer Knie-OP ausgemustert wurde. Und aus dem Off raunte der Sprecher: Weil er fest mit der Einberufung gerechnet hatte, stand er plötzlich vor dem Nichts. Mensch, das sind Schicksale.
Weiterer Polylux-Höhepunkt: Ein Bericht über Teenager, die Rockmusik machen und Konzerte geben. Als Beleg fand die Redaktion die Bands Killerpilze, Tokio Hotel und Sängerin La Fee, die bei Auftritten in Musikshows wie The Dome fürs Publikum längst zu den Altstars unter den Teenies gehören. Polylux hat es trotzdem fertiggebracht, eine angesagte Under-Age-Kultur draus zu machen. Und hat nachher gleich den nächsten Trend erklärt: Altershipness. Das ist, wenn man mit 40 Jahren immer angesagte Klamotten trägt und mit dem Laptop im Café sitzt. Was ist eigentlich aus dem altmodischen Wort Berufsjugendlicher geworden?
Schon zig Male abgefilmt
Am deutlichsten aber spiegelte der Erstbeitrag über ein Jugendcamp in Hessen die Misere des Magazins wieder: Bei Kassel werden straffällig gewordene Jugendliche mit Sport und Disziplinübungen so lange gedrillt, bis sie Verantwortung beweisen. Eine Neuentdeckung? Von wegen! Das Camp ist schon zig Male fürs Fernsehen abgefilmt worden, Anfang des Jahres hatte RTL 2 sogar eine ganze Dokusoap dazu im Programm, die über mehrere Wochen lief - kein Hindernis für die Trendmacher von Polylux.
Und Katrin Bauerfeind? Die konnte mit ihren Sekundenmoderationen auch nicht mehr viel retten. Am Anfang hat sie gesagt: Ich bin nicht Tita von Hardenberg. Und am Ende: Ich fand's ganz gut fürs erste Mal. Nun ja, wenn man sich damit zufrieden gibt, statt witziger Internetseiten jetzt unwitzige Fernsehbeiträge anzusagen, deren Themen auch noch den letzten Altershippen auf der Couch einschlummern lassen, ist das wohl korrekt. Falls Bauerfeind wirklich so talentiert ist, wie alle sagen, muss sie Polylux aber schleunigst links liegen lassen und was Anständiges machen. Vielleicht ja im Internet.
Und diesen neuen Abschiedsspruch, den braucht sie auch nicht mitzunehmen. Machen Sie's gut. Oder besser. Online hätte ihr das niemand durchgehen lassen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: rbb/Jenny Sieboldt, rbb/Oliver Ziebe