28. Dezember 2007 Für den Kinofilm Vivere ist Angelina Maccarone gerade gefeiert worden. Aber ihr Tatort beschwört unter den in Deutschland lebenden Aleviten ungewollt eine politische Kontroverse herauf. Mit der Regisseurin sprach Michael Hanfeld.
Frau Maccarone, Ihr Tatort. Wem Ehre gebührt“ wird von der alevitischen Gemeinde in Deutschland massiv angegriffen. Überraschen Sie die Vorwürfe?
Das hat mich sehr überrascht, im negativen Sinne natürlich.
Ihre Geschichte handelt von Vergewaltigung in der Familie. Die Tragödie könnte in jeder Familie spielen, aber es ist in diesem Fall eine türkische, eine alevitische Familie. Wie haben Sie diese Geschichte entwickelt?
Es ging darum, eine Kriminalgeschichte zu entwickeln, die in einer türkischen Familie spielt. Ich wollte die Klischees vermeiden, die häufig eine Rolle spielen, wenn es um das Thema Ehrenmord“ geht. Nicht, dass ich denke, dies sei kein wichtiges Thema. Aber ich wollte ein Familiendrama erzählen, das in jeder Nationalität vorkommen kann. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Klischee zu brechen, dass die türkischen Migranten in Deutschland eine einzige, homogene Gruppe seien, und wollte stattdessen aufzeigen, dass es verschiedene türkische Gruppierungen gibt und darin wiederum Individuen, die nicht unbedingt den Erwartungen der eigenen Gruppierung oder Familie entsprechen. Dies handelt der Film durch die Kommissarin ab, die zunächst nicht versteht, was in der Familie vor sich geht. Ich wollte nichts simplifizieren, sondern die Vielschichtigkeit türkischen Lebens in Deutschland zeigen. Dabei geht es mir ganz besonders um die einzelnen Menschen als Individuen. Das wird vielleicht deutlich an den sehr unterschiedlichen Figuren des Täters und des Kommissars, sie sind ja beide Aleviten. Mir ging es bei der Kriminalgeschichte natürlich auch darum, erst einmal ein paar falsche Fährten zu legen.
Der Hintergrund des Vorwurfs, der Ihrem Film gemacht wird, dürfte den meisten nicht bekannt sein: Dass den Aleviten von Sunniten von jeher der Vorwurf gemacht wird, sie hätten – weil bei ihnen Frauen und Männer gleichberechtigte gesellschaftliche Rollen spielen – eine laxe Sexualmoral und betrieben Inzest“.
Ich bin bei meinen Recherchen leider nicht darauf gestoßen, dass den Aleviten seit dem Mittelalter von den Sunniten ausgerechnet der Vorwurf des Inzestes gemacht wird und dass sie in dieser Weise stigmatisiert werden. Es war nicht meine Absicht, Vorurteile, die in diese Richtung gehen, in irgendeiner Weise zu unterstützen.
Können Sie den Vorwurf, Ihr Film spiele quasi den Fundamentalisten in die Hände, nachvollziehen?
Nein, das kann ich in dieser Form nicht nachvollziehen. In dem Tatort“ wird an keiner Stelle gesagt, die Welt müsse sunnitisch werden und dann sei alles in Ordnung. Der Mann, der zur Aufklärung beiträgt, ist ebenfalls Alevit. Die positiven Merkmale des alevitischen Glaubens kommen zur Sprache – die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beispielsweise. Ich wollte weder Aleviten noch Sunniten beurteilen, noch gar verurteilen. Die verschiedenen Glaubensrichtungen des Islams sind nicht das treibende Motiv für die Tat.
Doch wie ist es mit der Rolle der jüngeren Schwester, die sich unter das Kopftuch flüchtet, um den Übergriffen des Vaters zu entkommen?
Dieses Mädchen ist verzweifelt und sucht in alle Richtungen Schutz. Sie sucht zunächst bei der Schwester Schutz, die auch Alevitin ist und auf die Barrikaden geht – und das mit dem Leben bezahlt. Dann sucht das Mädchen Schutz bei dem Mann ihrer Schwester und unter dem Kopftuch. Doch das ist eine Verzweiflungsaktion, Schutz zu suchen in der Verhüllung – die den Schutz schließlich auch nicht bietet.
Letztlich sucht das Mädchen Schutz bei der deutschen Kommissarin, die ihn – aus Unkenntnis – auch nicht richtig bieten kann. Ich werfe die Frage auf, wie damit umgegangen wird, dass dieses junge Mädchen ungewollt schwanger geworden ist, durch sexuellen Missbrauch. Die Tabuisierung dieses Themas ist der Kern der Geschichte. Das junge Mädchen weiß nicht, wie sie sagen soll, was ihr widerfährt und – wem sie es sagen soll. Insofern könnte ein positiver Effekt dieser Geschichte – deren Wirkung ich mir wirklich nicht gewünscht habe – sein, dass nun über dieses Thema, über den Missbrauch in der Familie gesprochen wird.
Sie wollen mit den Kritikern der alevitischen Gemeinde sprechen. Zugleich gehen diese massiv auch persönlich gegen Sie vor. Es gibt Demonstrationen und eine Anzeige wegen Volksverhetzung? Da scheint ein Dialog schwer möglich.
Dem Vorwurf der Volksverhetzung“ ausgesetzt zu sein, trifft mich wirklich mehr, als ich sagen kann, weil es das Gegenteil von dem ist, was ich wollte. Auch die Drohungen, die offenbar gegen mich eingegangen sind, lassen mich nicht kalt. Ich versuche zu sehen, dass sich hier an meinem Tatort“ etwas entzündet, dem alte Stigmata zugrunde liegen, und es wäre gut, diese aus dem Mittelalter stammenden Vorwürfe endlich zu bannen und sich der heutigen Lebenswirklichkeit zuzuwenden. Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass miteinander reden hilft zu erkennen und zu unterscheiden, wo alte Verletzungen vielleicht die Sicht zunächst dergestalt trüben. Deeskalation ist besser, als Öl ins Feuer zu gießen, denn damit ist niemandem gedient.
Die Fragen stellte Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, NDR/Christine Schroeder