Medien

Spiegel will Financial Times Deutschland kaufen

Von Ulrich Friese, London und Michael Hanfeld, Hamburg

11. September 2007 Beim britischen Großverlag Pearson wächst der Druck der Investoren, das Zeitungsgeschäft rund um den Wirtschaftstitel „Financial Times“ (FT) neu zu ordnen. Nach dem Ausstieg bei der spanischen Verlagsgruppe Recoletos und der Abgabe der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ lässt die Vorstandsvorsitzende Marjorie Scardino jetzt den Ausstieg bei der „Financial Times Deutschland“ (FTD) prüfen. Dabei wollen die Briten ihren 50-Prozent-Anteil an dem Gemeinschaftsunternehmen vorzugsweise an den Hamburger Spiegel-Verlag verkaufen, hieß es in Londoner Medienkreisen. In Rede steht ein hoher einstelliger beziehungsweise ein niedriger zweistelliger Millionen-Euro-Betrag. Damit wäre die „Financial Times Deutschland“ sehr günstig zu haben. Die Entscheidung könnte schon im nächsten Monat fallen.

Kenner von Pearson zeigten sich am Dienstag über den frühen Zeitpunkt des Ausstiegs bei der „FTD“ überrascht. Über den weiteren Verbleib im britischen Verlag sollte nach bisheriger Ansprache erst dann entschieden werden, wenn der deutsche Zeitungstitel Gewinne erwirtschaftet. Doch gegenwärtig weist das im Jahr 2000 gestartete Projekt, an dem neben Pearson auch der Hamburger Großverlag Gruner + Jahr beteiligt ist, einen Verlust in einstelliger Millionenhöhe aus. Die Gewinnzone soll im kommenden Geschäftsjahr erreicht werden.

Unterhändler witterten die Gunst der Stunde

Unterhändler des Spiegel-Verlags witterten offenbar die Gunst der Stunde, als Pearson den Ausstieg bei „Les Echos“ verkündete und damit den endgültigen Rückzug aus sämtlichen Zeitungs-Engagements im Ausland einleitete. Kurz nachdem sich Pearson mit dem französischen Luxusgüter-Hersteller LVMH über den Verkauf der französischen Wirtschaftszeitung einig wurde, erklärte Scardino, an den verbliebenen Zeitungsbeteiligungen der FT-Group festhalten zu wollen. Erst jetzt stellt sich heraus, dass die interne „Bestandsgarantie“ für den deutschen Schwester-Titel nicht gilt.

Die radikale Auslese Scardinos ist als Antwort auf die jahrelange Kritik von mehreren Großaktionären zu verstehen. Namhafte Investoren im Londoner Finanzviertel setzen die Pearson-Lenkerin mit der Forderung unter Druck, sich vom zyklischen Zeitungsgeschäft zu trennen und stattdessen das hochprofitable Geschäft mit Lernmitteln und Schulbüchern zu forcieren. Während Pearson gegenwärtig nur ein Fünftel seines Konzerngewinns aus der FT-Gruppe (FT, Economist, FTD) schöpft, steuern den Löwenanteil der amerikanische Schulbuch-Verlag Simon & Schuster oder die britische Tochtergesellschaft Penguin Books bei. Doch der Forderung der Aktionäre, die vor allem vom amerikanischen Fondsmanager Franklin Templeton vorgebracht wird, konnte sich Scardino bislang erfolgreich widersetzen. Fragen, ob die FT-Group verkauft wird, beantwortete die resolute Verlagschefin mit dem inzwischen legendären Satz: „Nur über meine Leiche.“

Bieterrennen mit Murdoch um „Wall Street Journal“

In Zugzwang brachte sich Scardino allerdings vor wenigen Wochen, als sie die Teilnahme Pearsons an dem Bieterrennen um den amerikanischen Konkurrenten Dow Jones („Wall Street Journal“) verkündete. Dabei hatten die Briten gemeinsam mit dem Mischkonzern GE erwogen, das Angebot von Rupert Murdoch zu übertrumpfen. Doch der kühne Plan Scardinos scheiterte. Murdoch verleibte sich den amerikanischen Wirtschaftstitel für den stolzen Betrag von 5 Milliarden Dollar ein. Die Führung von Pearson muss sich seit dem Rückzug aus der Auktion um das „Wall Street Journal“ von frustrierten Aktionären fragen lassen, wie das Zeitungsgeschäft auf das (durchweg zweistellige) Renditeniveau der übrigen Verlagsbereiche gehievt werden soll.

Pearsons Verhandlungen mit dem Spiegel Verlag sind dem Vernehmen nach schon sehr weit gediehen. Grundsätzliche Widerstände im Kreis der Spiegel-Gesellschafter scheint es nicht zu geben. Das entscheidende Wort spricht die Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent der Anteile hält, Gruner + Jahr hat 25,5 Prozent, die Erben des Magazinsgründers Rudolf Augstein halten 24 Prozent der Anteile.

Journalistische Synergien im Internet

Nach der Übernahme der „Financial Times Deutschland“ soll der Spiegel-Verlag, der auch das „Manager-Magazin“ herausgibt, angeblich die operative Führung bei einigen Verlagsaufgaben übernehmen wie Vertrieb und Marketing.

Die Redaktion der FTD würde arbeiten können wie bisher. Journalistische Synergien verspricht man sich allerdings im Internet, „Spiegel Online“ ist der Marktführer unter den deutschen Verlagsauftritten im Netz. Gestärkt würde mit dem Schritt sowohl der neue Spiegel-Geschäftsführer Mario Frank, der von Gruner + Jahr zum Spiegel kam, als auch Gruner + Jahr als Gesellschafter sowohl im Spiegel wie bei der FTD, an der man schon 50 Prozent der Anteile hält - an der übrigen Hälfte wäre man nun wiederum als Spiegel-Gesellschafter beteiligt.

Gruner + Jahr steht zum Engagement

Allerdings stellen sich Beobachter die Frage, warum der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der auf dem deutschen Zeitungsmarkt allein mit der FTD und der „Sächsischen Zeitung“ vertreten ist, die Hamburger Wirtschaftszeitung nicht gleich ganz übernimmt.

Der Gruner + Jahr-Vorstandschef Kundrun hatte sich immer wieder zum Engagement bei der FTD bekannt. Es ist auch kein Geheimnis, dass das Blatt seine wirtschaftlichen Ziele noch nicht erreicht hat. Seit dem Start der Zeitung im Februar 2000 wurde das Erreichen des Break Even mehrmals verschoben, von 2005 auf 2006 und nun auf 2008. Die verkaufte Auflage des Blattes wird vom Verlag mit 102.000 Exemplaren angegeben.



Text: F.A.Z., 12.09.2007, Nr. 212 / Seite 20
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

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