18. November 2008 These: Politiker gelten als Opportunisten. Je nachdem, wie gerade die Stimmung, je nachdem, wie fern gerade der Wahltermin ist, reden sie anders. Der geschäftsführende hessische Ministerpräsident, Roland Koch (CDU), zieht diese Beschreibung besonders stark auf sich: Heute subventionsfreundlich, gestern marktwirtschaftlich, heute milde, vorgestern verschärfend.
Und zwar heute milde, weil es vorgestern - minus 12 Prozent bei den letzten Wahlen - mit dem Verschärfen in Sachen Ausländerkriminalität nicht geklappt hat, und heute subventionsgeneigt, weil Arbeitsplätze von Wählern gefährdet sind, denen gestern noch bedeutet wurde, der Weltmarkt sei eben der Weltmarkt.
Antithese: Journalisten neigen dazu, Politikern diese Art von Opportunismus als unpolitisch weil prinzipienlos vorzuhalten. Bemerkenswert daran ist nicht nur die gespielte Naivität, die so tut, als fände sie es erstaunlich, dass Politiker lieber auf Mehrheiten denn auf Grundsätze achten.
Von der Theologie der Macht ?
Bemerkenswert ist auch, dass sie den Politikern nicht nur den Opportunismus, sondern auch sein Gegenteil vorwerfen. Reinhold Beckmann beispielsweise war in seinem Talkshow-Gespräch mit Roland Koch gestern Abend einerseits darauf bedacht, sich über eine Person zu wundern, die mal dies mal jenes sagt. Andererseits fragte Beckmann Koch an einer Stelle ganz unvermittelt, was seine Theologie der Macht sei. Die Frage hatte sich Beckmann zwar nie im Leben selber ausgedacht, und sie war im Gesprächsverlauf überdies völlig sinnlos. Doch sie zeigte eben, dass dem Politiker nicht nur Wechselhaftigkeit, sondern auch Selbstüberhöhung vorgeworfen wird - als schlösse das eine nicht das andere aus.
Synthese: Der Vorwurf der Prinzipienlosigkeit an Politiker geht nicht selten mit einem ganz eigenen Opportunismus des Journalisten einher. Reinhold Beckmann etwa hatte, als in Hessen zuletzt Wahlkampf war, sich sehr in der Frage G8, der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit also, engagiert.
Das Ende unbeschwerter Kindheit, die Überlastung der Familien, der Verlust an Freizeit - so und ähnlich beschrieb er damals die Effekte auch von Kochs Schulpolitik. Man durfte damals den Eindruck haben, Beckmanns und der Seinen Glück selber sei durch sie bedroht. Jetzt aber, da der Zerstörer höchstpersönlich vor ihm saß, kein Wort davon. Soeben noch musste das Liebste und Teuerste gegen Hausaufgaben verteidigt werden. Jetzt aber, obwohl sich seitdem fast nicht geändert hat, war das kein Thema mehr und wie vergessen.
Fazit: Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an, sagt der Politiker. Was geht mich meine Kritik Deines dummen Geschwätzes von gestern an, sagt der Talkmaster. Biologen nennen das nicht Opportunismus, sondern eine symbiotische Beziehung.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Frank Röth