Im Gespräch: Mathias Döpfner

„Springer ist Unrecht widerfahren“

Es ist zu wenig über die intoleranten Züge von 68 gesprochen worden: mathias Döpfner

Es ist zu wenig über die intoleranten Züge von 68 gesprochen worden: mathias Döpfner

07. Juni 2009 Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Verlags, blättert beim Gespräch mit der F.A.S. in den Bild-Zeitungen aus dem Juni 1967 und spricht über Kurras und die Macht der SED, über antiautoritäre Lehrer und den Modernisierungsschub der 68er.

Herr Döpfner, wie bewerten Sie heute die Revolte der Studenten in den späten 60ern? War das ein Irrtum, die letzte Zuckung des Totalitarismus? Oder hat sie der deutschen Gesellschaft den fälligen Modernisierungsschub verpasst?

“Man kann ja auch manchmal mit dem Falschen Erfolg haben“

"Man kann ja auch manchmal mit dem Falschen Erfolg haben"

Beides. Es war ein fälliger Modernisierungsschub, der leider totalitäre Züge getragen hat und der sich in den Mitteln und in der Rhetorik zu wenig zur Freiheit gewendet hat. Die aufklärerischen Wirkungen der Studentenbewegung wurden oft gepriesen, das ist nichts Neues. Ich glaube, über die intoleranten Züge, auch über manipulierte Elemente in der Bewegung, insbesondere über den Einfluss der DDR, der SED und der Stasi, ist bis heute zu wenig geredet worden.

Was waren die Zustände, die Ihrer Ansicht nach dringend geändert werden mussten?

Als jemand, der 1963 geboren ist, fällt es mir naturgemäß schwer, das zu beurteilen. Mit der 68er-Bewegung bin ich als Schüler in den siebziger Jahren in Berührung gekommen. Wir hatten Lehrer, die wir duzen mussten und die uns verboten haben, Hausaufgaben zu machen, die im Geschichtsunterricht immer nur die Französische Revolution durchgenommen haben. Und ansonsten – zu meiner großen Freude – Sexualkunde satt.

Keine Hausaufgaben machen zu dürfen ist doch auch erst mal nicht suspekt?

An diesem Lehrertypus zeigten sich symbolhaft Widersprüche und Verlogenheiten der Bewegung. Oft stellte sich heraus, dass die Lehrer, die am antiautoritärsten auftraten, am autoritärsten agierten. Wenn sie sich mit ihren progressiven Pädagogikkonzepten nicht durchsetzen konnten, haben sie blaue Briefe nach Hause geschrieben und schlechte Noten verteilt. Das fanden wir nicht lustig. Da waren uns die lieber, die ein bisschen streng auftraten, aber am Ende hatten wir was gelernt und bekamen eine vernünftige Beurteilung.

Seltsam, wie die Bewegung heute beurteilt wird: Ihre Protagonisten erklären sie für gescheitert, ihre Gegner bescheinigen ihr das Gelingen. Wo würden Sie sich da positionieren?

Ja, das ist interessant. Man kann ja auch manchmal mit dem Falschen Erfolg haben. Ich würde schon sagen, dass die Umwertung aller Werte, die man sich vorgenommen hat, in Teilen sehr erfolgreich war. Und der Marsch durch die Institutionen hat funktioniert. Protagonisten der 68er-Bewegung stellten wesentliche Teile der letzten Bundesregierung, sind in den Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft angekommen, in der Wissenschaft, in jedem großen Verlagshaus in Deutschland – so auch bei uns mit Thomas Schmid bei der „Welt“ und Rudolf Knepper im Vorstand. Die Werte der 68er sind sehr stark in den Mainstream der Gesellschaft vorgedrungen, in die tiefbürgerliche, bisweilen spießbürgerliche Denkstruktur, wenn Sie so wollen. Aber meine These ist, dass Deutschland seine Freiheitsfähigkeit noch nicht bewiesen hat. Deutschland hat immer noch ein stark gestörtes Verhältnis zur Freiheit. In diesen Tagen staatshöriger, staatsinterventionistischer, fast planwirtschaftlicher Politik ganz besonders. Insofern ist die 68er-Bewegung für mich als Karriere- und Propagandaprojekt ein großer Erfolg, als Freiheitsbewegung ist sie weitestgehend gescheitert.

Sind Sie denn mit diesen Werten, die die 68er implementiert haben, einverstanden?

Der Springer-Verlag war “keine zentral gelenkte Meinungsmaschine, die nur das eine Ziel hatte, die Freiheitsbewegung der Studenten zu verhindern“

Der Springer-Verlag war "keine zentral gelenkte Meinungsmaschine, die nur das eine Ziel hatte, die Freiheitsbewegung der Studenten zu verhindern"

Ein ganz wichtiger Wert, der mir zutiefst sympathisch ist, ist der antiautoritäre Grundimpuls. Den brauchte es in Deutschland, der wirkt bis heute positiv. Und sonst: 68 steht für eine ganz stark antikapitalistische Grundhaltung – die halte ich für fahrlässig und falsch. 68 steht für eine antiamerikanische und antiisraelische Grundausrichtung – die halte ich außenpolitisch für hochgradig problematisch. 68 steht für Technologieskepsis – die kommt uns seit Jahrzehnten in Forschung, Entwicklung und Anwendung teuer zu stehen. Und 68 propagierte ein leistungsskeptisches und elitefeindliches Ressentiment – bis heute mit fatalen Folgen, insbesondere in der Bildung.

Aber sind nicht eher die Helden von damals gescheitert? Fritz Teufel hat keine Karriere gemacht, jemand wie Rainer Langhans lebt in einer kleinen Sozialwohnung in München: Die eigentlichen Protagonisten, die, die als Rädelsführer bekannt waren, denen ist doch eigentlich die Karriere versagt geblieben.

Man muss das natürlich differenzieren. Die 68er gibt es nicht. Es gibt sehr unterschiedliche Biographien. Und man muss unterscheiden zwischen dem moralischen Scheitern und dem Scheitern der Karriere. Es gibt vermutlich wenige Generationen, bei denen sich der eigene moralische Anspruch in so drastischem Kontrast zur eigenen Karrierewirklichkeit entwickelte. Der antikapitalistische Straßenkämpfer von einst, der heute mit Derivaten spekuliert und Porsche fährt, ist wahrlich kein Einzelfall. Das Umkehren des eigenen Anspruchs in Zynismus und in oberflächlichstes und angepasstes Karrierestreben ist in dieser Generation besonders tragisch zu beobachten. Auf der anderen Seite gibt es natürlich sehr spannende Biographien, die sich immer wieder auch selbst in Frage gestellt haben. Ich denke an jemanden wie Otto Schily, der einen weiten Weg gegangen ist, aber sich selbst immer treuer geblieben ist, als viele, die ihn wegen dieser Wandlung kritisiert haben. Aber viel wichtiger als diese Psychologisierung finde ich die sachliche Revision. Da ist das, was im Moment passiert, ausgesprochen aufregend.

Der Anlass, warum wir schon wieder über das Thema reden, ist ja die Nachricht, dass Karl-Heinz Kurras SED-Mitglied und Stasi-Spitzel war. Welche Gewissheiten werden dadurch erschüttert?

Es wäre sicherlich mit voller Kenntnis dieser Zusammenhänge nicht zu den einseitigen Feindbildern und damit auch nicht zu den Eskalationen gekommen. Wenn der Repräsentant des repressiven, reaktionären, spätfaschistischen West-Berliner Polizeistaates – und zu diesem Symbol wurde Kurras ja gemacht –, wenn der sich de facto als SED-Bewunderer und Stasi-Spion erweist, der von der DDR finanziert, von der DDR mit Waffen ausgestattet, von der DDR gesteuert wurde, dann ist es am Ende ziemlich unerheblich, ob es auch noch einen offiziellen Befehl zum Todesschuss gab oder ob das aus eigenem Antrieb geschehen ist. Ein Gründungsmythos der 68er gerät hier ins Wackeln.

Klar, die Kurras-Gegner sind aufgefordert, ihre Interpretation der Geschichte zu ändern. Müssten aber jetzt nicht auch die damaligen publizistischen Verteidiger von Kurras mal ganz heftig ihre Interpretation der Geschichte revidieren?

Ich verstehe Ihre Frage nicht. Bezeichnen Sie den Axel-Springer-Verlag als Kurras-Verbündeten? Das würde ich bestreiten.

Als Verteidiger . . .

Dafür finde ich in unseren alten Folianten wenige Indizien. Wenn Sie darauf hinauswollen, dass sich Springer damals in der Eskalation als massiver Kritiker der 68er-Bewegung positioniert und gelegentlich im Ton vergriffen hat, dann haben Sie natürlich recht. Aber dafür haben wir uns öffentlich mehrfach entschuldigt.

Wann? Bei wem?

Zum Beispiel bei einem Kongress, den wir vor fünf Jahren veranstaltet haben. Ich habe davon gesprochen, dass das Haus damals eine Bunkermentalität entwickelt hat, dass es zu Eskalationen gekommen ist, die nicht zu vertreten sind. Interessanterweise kann ich diese selbstkritische Reflexion auf der anderen Seite weniger häufig erkennen. Ich finde, es wäre an der Zeit, dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen. Ich glaube, dem Axel-Springer-Verlag ist Unrecht widerfahren in dieser Auseinandersetzung, die bis heute negativ auf unser Haus wirkt.

Können Sie das genauer sagen: Entschuldigen wofür? Für verbrannte Zeitungen? Für Ostern 68?

Ich meine nicht so sehr die schrecklichen Dinge, die damals passiert sind – brennende Zeitungswagen, ein Bombenanschlag auf das Hamburger Verlagshaus. Ich meine vielmehr die Dinge, die im Sinne einer erfolgreichen Diffamierungskampagne dem Haus unterstellt werden und die bis heute dazu führen, dass der Verlag bei den ewig Gestrigen als Hort des Reaktionären, als zentral gelenktes Meinungsmonstrum wahrgenommen wird. Dieses Klischee wird Springer bis heute nicht los. Und es ist ungerecht. Zum einen, weil sich ein sehr viel differenzierteres Bild ergibt, wenn man genauer hinguckt. Zum anderen angesichts der gezielten Desinformation, die von der SED über dieses Haus betrieben wurde. Wir haben vor einiger Zeit eine Studie bei den Historikern Jochen Staadt und Stefan Wolle von der FU Berlin in Auftrag gegeben, die das Verhältnis der SED und des Axel-Springer-Verlags untersucht und die demnächst veröffentlicht wird. Dabei ist unter anderem herausgekommen, dass der Axel-Springer-Verlag schon in den 50er Jahren systematisch von der SED bekämpft wurde. Kurioserweise aus urkapitalistischen Motiven, nämlich weil Drucker aus dem Osten scharenweise zu Springer abwanderten, wegen der besseren Löhne und Sozialbedingungen. Als man in den sechziger Jahren ein westliches Pressehaus als Feindbild brauchte, um zu zeigen, dass es freie Presse in der DDR nicht braucht, kam man wieder auf Axel Springer. Nun wurde das Haus systematisch zum Klassenfeind aufgebaut: indem der Begriff „Enteignet Springer“ von einem Mitarbeiter der Stasi, Walter Barthel, erfunden und verbreitet wurde; indem Desinformationsdossiers erstellt und unters Volk gebracht wurden, indem die 68er-Bewegung als Multiplikator der Kampagne finanziell unterstützt wurde, zum Teil sogar unter engagierter Mithilfe westdeutscher Wettbewerber.

Die Parole „Enteignet Springer“ war nur reine DDR-Propaganda?

Die 68-Bewegung hat sich damit, wissentlich und unwissentlich, zum Handlanger der SED machen lassen, um den Axel-Springer-Verlag als Feindbild und Fratze der freien Presse zu positionieren. Diese Propaganda-Meisterleistung reicht bis in die heutige Wahrnehmung der berühmten Schlagzeilen hinein. Wenn immer wieder dieselben drei oder fünf Zeilen wiederholt werden, dann entsteht der Eindruck, das Haus war eine zentral gelenkte Meinungsmaschine, die nur das eine Ziel hatte, die Freiheitsbewegung der Studenten zu verhindern. Dem war nicht so.

Gefördert hat es sie auch nicht. Vielleicht liegt das am unterschiedlichen Freiheitsbegriff . . .

Das Haus hat Fehler gemacht, ja. Aber das haben andere auch. Der „Tagesspiegel“ etwa hat in einem Kommentar den Studenten die Schuld am Tod Benno Ohnesorgs gegeben, denn sie hätten dieses Klima der Gewalt geschaffen. So weit ging nicht einmal „Bild“. In der Woche vor dem 2. Juni gab es in der „Bild“-Zeitung keine einzige Schlagzeile, die sich auf den Schah-Besuch bezogen hätte. Von einer Stimmungsmache kann gar keine Rede sein. Und auch in den Tagen danach spielten Ohnesorg und die Studenten fast keine Rolle mehr.

Wie erklären Sie es sich dann, dass es zu Protesten der Studenten gegen Ihr Haus kam?

Ich glaube, das hatte im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen gab es ein ziemlich langfristig entwickeltes Interesse in der DDR, Springer zum Symbol des Klassenfeindes zu erheben. Zum zweiten, weil der Verlag als dezidiert pro-amerikanisches, pro-israelisches, pro-marktwirtschaftliches Haus positioniert war und an der deutschen Wiedervereinigung festhielt. Die Präambeln, die Axel Springer 1967 definiert hatte, waren natürlich Reizthemen für die 68er-Bewegung. Das war der Anti-Zeitgeist.

Ihre Beschreibung der Absichten der SED sind sicher unwiderlegbar. Trotzdem: Es spricht nicht für viel Selbstbewusstsein, wenn Sie das Image, das dem Haus bis heute anhaftet, als Erfolg einer Diffamierungskampagne der SED bezeichnen! Eine so starke Meinungsmacht das Opfer einer SED-Kampagne? Klingt angesichts der tatsächlichen Machtverhältnisse eher unrealistisch.

Ich teile Ihre Einschätzung der Machtverhältnisse nicht: Die sozialistische Propagandamaschine war unglaublich effizient, sie hat das Geschichtsbild der Bundesrepublik bis heute in einem Maß geprägt, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Sogar dieses Haus war ja unterwandert. Eine der engsten Mitarbeiterinnen von Axel Springer war ein Stasi-Spitzel. Ich würde mir wünschen, dass unabhängige Wissenschaftler die publizistische Positionierung der Axel-Springer-Zeitungen in der damaligen Zeit wissenschaftlich aufarbeiten. Da mag es dann unangenehme Überraschungen geben, für uns oder für andere. Vor allem aber muss der Einfluss der SED und der Stasi auf die Bundesrepublik insgesamt erforscht werden. Denn es geht bei der ganzen Sache ja nicht primär um Axel Springer. Wie sehr die manipulative Kraft der ostdeutschen Geheimdiensttätigkeit unser Geschichtsbild geprägt hat, das ist für mich das übergeordnete Thema. Womöglich stellt sich heraus, dass wir seit 45, 50 Jahren mit einem Geschichtsbild leben, das im Wesentlichen von einem nichtdemokratischen System geprägt ist.

Sie halten diesen Einfluss offensichtlich eher für unterschätzt.

Ja. Das hat mich selbst überrascht. Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Ich habe eigentlich auch immer geglaubt, Geheimdienste sind nicht so erfolgreich, dass ihnen solche Sachen gelingen. Aber wenn ich mir diese Details anschaue, die ja kein Stammtischgerede sind, sondern von Wissenschaftlern dokumentierte Fakten, dann bin ich überrascht, wie effizient bestimmte Dinge funktioniert haben. Und welcher Aufwand dabei getrieben worden ist. Zum Beispiel sind über Jahre hinweg gefälschte „Bild“-Zeitungen vertrieben worden.

Nun gab es die 68er-Bewegung ja nicht nur in Deutschland. Wie weit reichte Ihrer Meinung nach der Einfluss des SED-Regimes: bis nach Frankreich? Bis nach Amerika?

Diese Frage würde ich lieber an die Wissenschaftler weiterreichen. Ich möchte mich nicht zum Hobby-Geheimdienstexperten machen.

Wir sind etwas überrumpelt, welche Macht Sie den ostdeutschen Geheimdiensten zubilligen.

Das gleiche Überrumpelungsgefühl habe ich auch. Aber hätten Sie es für möglich gehalten, dass Kurras ein Stasi-Agent ist? Wenn Sie mir das vor vier Wochen nach dem dritten Bier gesagt hätten, hätte ich geglaubt, Sie vertragen keinen Alkohol.

Die Überrumpelung geht offensichtlich so weit, dass heute auch die Akteure von damals von ihrer eigenen Infiltration überrumpelt werden. Leiden alle unter Gedächtnisschwund?

Nein, die meisten haben das natürlich in dieser Form genauso wenig gewusst oder geahnt. Und ein großer Teil hat in seinem Idealismus des Kampfes für die vermeintlich gute Sache vielleicht auch nicht so viel gefragt.

Die Auflage von „Konkret“ stieg um den Faktor fünf, als die SED aufhörte, „Konkret“ zu finanzieren. Es scheint, die Freiheit verkauft sich doch besser.

Ja, das ist ja auch das Geschäftsmodell von Axel Springer.

Interview Claudius Seidl und Harald Staun.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Julia Baier

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