30. Oktober 2007 Mit dem Tod von Evelyn Hamann hat Deutschland nicht nur eine seiner großen Schauspielerinnen verloren. Der Tag, an dem die traurige Nachricht bekannt wurde, hat uns auch schlagartig in Erinnerung gerufen, welch Verluste unser Land erlitten hat seit jenen Tagen, als Hamann an der Seite Loriots ihren Aufstieg im Fernsehen erlebte. Nicht nur in ihren alten Sketchen wirken diese beiden wie Botschafter aus einer anderen Zeit. Der Abend, an dem das Fernsehen Abschied nahm von Evelyn Hamann, führte uns vor Augen, wie konsequent sich sowohl die Schauspielerin als auch ihr Ziehvater Loriot - er stand bei Beckmann Rede und Antwort - den Gesetzen, die die Medienwelt ihren prominenten Bürgern vorschreibt, stets verweigert haben.
Evelyn Hamann war eine Volksschauspielerin, die sich dem Volke mit Leib und Seele hingab - in ihren Rollen. Mit ihrem Witz und ihrer Gabe, auch verschrobenste Charaktere zu Sympathieträgern aufzubauen, wurde sie zu einem Publikumsliebling, der - und darin war sie heutzutage fast ein Solitär - seine Popularität ausschließlich seiner Arbeit verdankte. Hamann war eher öffentlichkeitsscheu, sagte Johannes B. Kerner in seiner ZDF-Sondersendung nach den heute-Nachrichten, was eine klare Untertreibung war. Homestories ließ sie nicht zu, von Fernsehshows und roten Teppichen hielt sie sich fern. Nur einmal hat sich Hamann, wie Ausschnitte in den Gedenksendungen belegten, auf die Wetten, dass...?-Sitzgruppe verirrt, wo sie wie stets Haltung bewahrte und doch deplaziert wirkte.
Keine Skandale und Skandälchen
Evelyn Hamann war von einer Diskretion, die von einer Gesellschaft, die ihre Stars als Gemeingut betrachtet, als schiere Zumutung empfunden werden musste. So traf ihr Tod alle, die nicht zum engsten Freundeskreis zählten, überraschend, und so griffen die Medien zur Floskel der kurzen, schweren Krankheit, obgleich jene, was jedoch nur die wenigsten wussten, so kurz beileibe nicht war. Mit der ihr eigenen Disziplin und Zurückhaltung war es ihr gelungen, auch diesen Teil ihres Lebens verborgen zu halten. Der Produzent Markus Trebitsch, einer ihrer Vertrauten, erstickte bei Kerner vorsorglich den Keim jeglichen Verdachtes, der aufzukommen pflegt, wenn die Öffentlichkeit sich ausgeschlossen fühlt: Skandale und Skandälchen, so Trebitsch, die habe es nicht gegeben bei Evelyn Hamann.
Auch wenn, gewiss zum Bedauern von Kerner, seine Gesprächsrunde mit privaten Details nicht dienen konnte, schärfte sie doch die Konturen des Bildes, das wir von der Schauspielerin haben. Präzise und perfektionistisch war Evelyn Hamann, die beim Drehbeginn einer Serie den Text nicht nur einer, sondern gleich sämtlicher Folgen parat hatte und daher die Bücher einer Serie schon Monate vorher anforderte - und Gnade mir Gott, wenn sie nicht fertig waren, erinnerte sich Trebitsch. Als Freund war's eine große Freude mit ihr, aber als Produzent war's schwierig. Rudolf Kowalski, der an ihrer Seite bei Loriot und später in ihren Fernseh-Specials auftrat, sagte: Sie hat's sich nicht leicht gemacht, auch nicht dem Team. Dass das Ergebnis die Anstrengung, die man ihm nicht ansah, wert war, zeigten die unverwüstlichen Sketche mit Hamanns Fräulein Hildegard und Frau Hoppenstedt, die inhaltlich nach wie vor aktuell und vom Rhythmus doch ein wenig aus der heutigen Fernsehzeit gefallen sind. Manchmal braucht's einen ganzen Sketch und in voller Länge, sagte Kerner, wie um sich beim Publikum zu entschuldigen, dass die Schnittfolge eben nicht rasanter war.
Falsche Reihenfolge
Um Loriot selbst zu hören, musste der Zuschauer später den NDR oder noch später das Erste einschalten. Dort sprach der bald 84-jährige seine Abschiedsworte in die Kamera, die der Kollegin bestimmt gefallen hätten, wahrten sie doch kunstvoll die Balance zwischen Komik und Tragik: Mit Evelyn habe ich eine treue Partnerin und wir alle eine wunderbare Schauspielerin verloren, der es immer gelang, die heiklen Seiten des Lebens durch Komik zu überwinden, sagte er. Dein Timing war immer perfekt. Nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Und dann folgte ein mit traurigem Blick, aber dem Ansatz eines Schmunzelns vorgetragenes: Na warte.
Es war, so sagte Reinhold Beckmann, der persönliche und innige Wunsch Loriots, diese Botschaft am Montag noch auszusprechen. Das Schicksal hatte es gewollt, dass Beckmanns als seltener Coup geplantes Gespräch mit dem längst fernsehscheuen Loriot schon am Freitag aufgezeichnet worden war, zu einem Zeitpunkt also, als Evelyn Hamann noch lebte. Am Montag abend nun die Beckmannsche Loriot-Huldigung auszustrahlen, ohne ein Wort über den Tod der Kollegin zu verlieren, verbot sich für die ARD wie für den Humoristen. Also wurde nachgedreht, und Loriot antwortete gefasst auf Beckmanns banale letzte Fragen: Wird sie Ihnen fehlen? - Das kann man wohl sagen, ja. Auf die Frage, was so persönlich als Erinnerung bleibe, gab Loriot eine Antwort, die manche überraschen dürfte. Denn er verbindet mit der disziplinierten, selbst im größten komischen Chaos die Contenance wahrenden Hamann vor allem ein ungeheures Lachen, ein Lachen, das ich von keinem anderen Menschen so gehört habe und nie wieder hören werde.
Wenn Sie mitschreiben möchten
Das nachfolgend ausgestrahlte Gespräch, das am Freitag aufgezeichnet worden war, hielt die melancholische Stimmung, die den Abend über herrschte. Ein gebrechlicher, geistig aber agiler Loriot gab weise, bedächtige und komische Antworten, ohne sich vom demonstrativ aufgekratzten Gastgeber aus der Ruhe bringen zu lassen. Er verlas eine mit medizinischen Fachvokabular gespickte Abhandlung über Bandscheibenprobleme (Haben Sie das? Ich meine, wenn Sie mitschreiben möchten), sprach über die penible Vorbereitung seiner Sketche (Ich glaube, dass sie so längere Zeit funktionieren) und bekannte, viel lieber Musiker geworden zu sein, wenn sein Talent nur gereicht hätte. Und er erklärte seine Abneigung gegen jegliche Versuche der jüngsten Zeit, Hitler filmisch zu ergründen oder ihn gar zu karikieren: Ich hätte jedes Mal schreien mögen ob der Fehler.
Zum Abschluss stießen Olli Dittrich und Max Raabe zu der Runde, um mit dem von ihnen verehrten Loriot Schmeicheleien auszutauschen. Die Begegnung zwischen Loriot und Dittrich war insofern anrührend, als hier zwei Künstler, die einander seit vielen Jahren bewundern und im Medienzirkus wahrlich genug Gelegenheiten gehabt hätten, sich zu begegnen, tatsächlich erstmals aufeinandertrafen. Wie wenig ein Loriot heimisch ist in der lauten und aufdringlichen Fernsehwelt unserer Tage, demonstrierte er, indem er den sich routiniert heranmenschelnden Beckmann charmant und höflich auf Distanz hielt. Ich kann's einfach nicht weiter erörtern, ist mir zu peinlich, sprach er über seine Probleme, den geschwächten Körper morgens aus dem Bett zu hieven, und als Beckmann das Geheimnis hinter seiner bald sechs Jahrzehnte währenden Ehe wissen wollte, konnte ihm Loriot spontan nicht antworten und fragte zurück: Können wir mal 'ne Pause machen? Beckmann tat ihm den Gefallen, aber nur kurz. Es passte nicht. Die Loriotschen Sketche, in der man auch die großartige Evelyn Hamann noch einmal sehen konnte, wurden in seiner Show nur in Fragmenten gezeigt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, NDR/Morris MacMatzen/ddp