Von Jochen Hieber
17. Juli 2007 Caren Miosga trug einen Nadelstreifenanzug bei ihrem montäglichen Debüt als Moderatorin der Tagesthemen. Sich als Frau, als junge Frau zumal, in Nadelstreifen zu präsentieren - das setzt ein Zeichen. Das Zeichen heißt: Powerdressing. Zum Anzug aber hatte sich Frau Miosga für ein weithin blitzendes T-Shirt, also für ziemlich viel Ausschnitt entschieden. Das signalisierte Weiblichkeit, deutete auf Weiches und auf Charme.
Fast genau sieben der dreißig Tagesthemen-Minuten war sie auf dem Schirm zu sehen und zu hören: Dies war gestern - Angela Merkels Rencontre mit Gordon Brown und ihr Treffen mit Nicolas Sarkozy nahezu in den Schatten stellend - der meistbeachtete Auftritt der Republik. Und Caren Miosga machte ihre Sache gut, sehr gut sogar. Die Republik wird heute vor allem über Frau Miosgas rechte Augenbraue reden, die, wie bereits den Interviews der vergangenen Woche zu entnehmen, einen unabhängigen, damit unkontrollierbaren Willen besitzt - und auf ihre eigene Weise jenes Spiel mit den Zuschauern wiederholt, das bis vor kurzem die linke Augenbraue der Vorgängerin Anne Will zu inszenieren wusste.
Nicht anschmeichlerisch
Auch dieses Spiel ist ein Zeichen: Es ist eine zusätzliche Kommentierungsinstanz, eine absichtslos ironische Möglichkeit des Ausdrucks. Und auch die minimale anatomische Anomalie kam Frau Miosga zugute. Wenn sie moderierte, überleitete oder befragte, war sie eher ernst, jedenfalls nicht anschmeichlerisch. Und sie hatte sich nicht eigens eine Tagesthemen-Frisur zugelegt, keine kompliziert zerzauste Föhnhaube wie etwa Sabine Christiansen, sie war weder onduliert noch gelockt, dafür, auch der Augenbraue sei Dank, auf eine sehr erwachsene Art mädchenhaft.
Um journalistische Inhalte ging es - auch. Der Zufall der Aktualität hatte Frau Miosga eine Debütparallele beschert: Gestern wurde auch Thomas Enders in ein neues Amt, in das des Airbus-Chefs, berufen. Aus dem (vorab aufgezeichneten) Interview mit Enders blieb vor allem Miosgas freundliche Beharrlichkeit in Erinnerung: Ich versuche es noch einmal, sagte sie, als Enders ins Unverbindlich-Abstrakte auswich. Sie versuchte es, mit allmählich zunehmendem Erfolg, drei Mal im Ganzen.
Professionalität und Natürlichkeit
Von Rüdiger Grube, dem neuen und alleinigen Vorsitzenden des EADS-Verwaltungsrates, hieß es in einem Beitrag, er habe noch Kerosin im Blut. Caren Miosga hingegen hat, bei aller Professionalität, ihre Natürlichkeit zu wahren gewusst. Zu bemerken war dies etwa bei der Überleitung zum Einspieler über die ebenfalls gestern in Betrieb genommene und gegenwärtig noch reichlich funktionslose Startbahn in Hamburg-Finkenwerder, bei ihrer Anmoderation zum Kernkraftwerk Krümmel und zu Vattenfall, bei der Einführung zum Treffen des Nationalen Ethikrates ebenso wie bei den Kurzinformationen zum Erdbeben in Japan und dessen Folgen.
Und dann waren ihre sieben Montagsminuten auch fast schon vorbei. Einzuleiten gab es entspannt nur noch den uns entspannenden Schlussbeitrag über Urlaubsfreuden auf einer Schweizer Alp. Bevor sich Caren Miosga - bis morgen - von uns verabschiedete, war noch ein klitzekleiner Versprecher zu korrigieren, der aber den Gesamteindruck nicht mehr im Geringsten schmälern konnte. Ganz im Gegensatz zu Nicolas Sarkozy, dem der Kommentar von Werner Sonne Anfängerfehler attestierte, hatte Frau Miosga in Nadelstreifen ein souveränes und, nicht nur wegen ihres T-Shirt, auch ein lässiges Debüt geboten. Man sieht sich wieder.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa