„Newseum“ in Washington

Die vierte Gewalt hat die besten Aussichten

Von Matthias Rüb, Washington

Fraglos spektakulär: In Washington wird das größte Medienmuseum der Welt eröffnet

Fraglos spektakulär: In Washington wird das größte Medienmuseum der Welt eröffnet

10. April 2008 Ein Museum für Nachrichten? Ein Ort zu Bewahrung oder Betrachtung eines Gutes, das gerade durch seine Vergänglichkeit definiert ist? Und das im Fortgang des technologischen Fortschritts in den immer rascheren „news cycles“ des Internets mittlerweile buchstäblich im Sekundentakt zerfällt? An diesem Freitag eröffnet in Washington das „Newseum“, und natürlich muss es im Mutterland des kategorischen Superlativs mit allerlei Superlativen daherkommen. Es soll laut Museumsprospekt zum Beispiel „das interaktivste Museum der Welt“ sein - wie immer es gelingen mag, Interaktivität zu messen und mithin das Adjektiv „interaktiv“ zu steigern.

Jedenfalls ist das „Newseum“ ein spektakuläres Unterfangen. Da ist zuerst die Lage auf einem der begehrtesten Grundstücke der Hauptstadt, um dessen Verwendung - dort befand sich einst das Gebäude des Arbeitsministeriums des Hauptstadt-Distrikts - jahrelang gerungen wurde: Pennsylvania Avenue 555, Ecke Sechste Straße.

Dass weiter im Nordwesten an der Pennsylvania Avenue, Hausnummer 1600, das Weiße Haus liegt und an deren südöstlichem Ende sich der Kapitolshügel mit dem Kongress erhebt, ist eine fast schon zu aufdringliche Symbolik: Die „vierte Gewalt“ schaut direkt auf die erste, die gesetzgebende Gewalt - von kaum einem anderen Gebäude der Hauptstadt bietet sich ein so grandioser Blick aufs Kapitol wie von der Dachterrasse des „Newseum“. Zwar ist die Sicht in entgegengesetzter Richtung auf den Sitz der Exekutive - das Weiße Haus und das benachbarte „Eisenhower Executive Office Building“ - für das Auge verbaut, aber nicht für den durchdringenden Blick, auf welchen die Zunft der Nachrichtenmacher so stolz ist.

Eine Fassade wie ein gigantisches Fenster

Im Juli 2000 erwarb die Stiftung „Freedom Forum“ das Grundstück für hundert Millionen Dollar von der Stadtverwaltung. Hinter der Stiftung und dem „Newseum“ steht vor allem Allen Neuharth, dessen Lebenswerk in erster Linie die Gründung der Zeitung „USA Today“ im Gannett-Verlag ist. Das 1982 lancierte bunte Blatt stieg zur erfolgreichsten amerikanischen Tageszeitung mit heute fast 2,3 Millionen Exemplaren täglich auf - trotz oder gerade weil sie als „Fernsehen auf Zeitungspapier“ gescholten wird.

Das ursprüngliche „Newseum“, schon damals als interaktives Ereignis sondergleichen gepriesen, wurde 1997 im Washingtoner Vorort Rosslyn in Virginia gegründet, es zog bis zu seiner vorübergehenden Schließung 2002 gut 2,25 Millionen Besucher an. Im Dezember 2003 wurde der Grundstein für das neue „Newseum“ an der Pennsylvania Avenue gelegt. Der Bau des amerikanischen Stararchitekten James Polshek und des Museumsgestalters Ralph Appelbaum kostet fast 350 Millionen Dollar, das meiste Geld steuerte die „Freedom Foundation“ bei, deren Satzungsziel die Verbreitung der Idee „der freien Presse, der freien Rede und des freien Geistes für alle Menschen“ ist.

Ob der Museumsbau mit der lichten Glasfassade, die einem gigantischen Fenster ins Atrium des siebenstöckigen Museumsbaus gleicht, den Gründungsruf und das immerwährende Streben der Presse nach Transparenz genuin widerspiegelt oder ob das Gebäude zumal wegen der überdimensionierten Marmorplatte mit der Aufschrift des ersten Verfassungszusatzes, der die Religions-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit garantiert, in zu disparate und bedeutungsüberladene Fassadenteile gleichsam zerfleddert, ist unter Architekturkritikern umstritten.

Hubschrauber, Satellit, Radiostudio und Memorial

Das Museum selbst, das an diesem Freitag fürs Publikum geöffnet wird - selbst der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nutzt einen Besuch in Washington zu einem Abstecher -, ist eine Mischung aus elektronischem Erlebnispark, aus einer ganzen Landschaft von Fernseh- und Radiostudios, in denen man sich als Reporter und Moderator versuchen kann, aus kleinen und großen Kino- und Vortragssälen, aus einer Fotoausstellung mit lauter Pulitzerpreisträgern und schließlich interaktivem Gedenkmuseum zu Geschichte und Gegenwart des Nachrichtenwesens. Im Atrium schweben, an Stahlseilen an die Decke gehängt, einer jener „Nachrichtenhubschrauber“, ohne die amerikanische Sender nicht auskommen, und ein Nachbau des ersten Nachrichtensatelliten, der 1964 unter anderem ein Konzert der „Beatles“ übertrug.

Im Radiostudio des „Newseum“ werden Sendungen des öffentlich-rechtlichen Senders „NPR“ sowie privater Kanäle produziert. Der einstige Kommunikationsdirektor von Präsident Bill Clinton, George Stephanopoulos, sendet seine Sonntags-Talkshow „This Week“ vom „Newseum“ aus. Dazu kommt ein Memorial für getötete Journalisten, das jedes Jahr um weitere Namen ergänzt werden muss. Mehr als 1843 Namen und Porträts von getöteten Journalisten sind zu sehen. Als Erster wird der Redakteur Elijah Parish Lovejoy aus Alton im Bundesstaat Illinois verzeichnet, der 1837 von einem für die Sklaverei demonstrierenden Mob erschossen wurde. Seit 2003 ist in der Jahresliste der getöteten Journalisten der Abschnitt mit den im Irak Ermordeten stets am längsten - es sind überwiegend die arabischen Namen der einheimischen Reporter.

Eine „9/11 Gallery“ mit Zeitungstitelseiten

Als besonders bedeutende historische Ereignisse und deren Widerspiegelung in den Medien werden mit eigenen Räumen, Exponaten und Dokumentationen der Bau und der Fall der Berliner Mauer sowie die Terroranschläge vom 11. September 2001 ausgewählt - beides in der Tat Ereignisse, die beispielhaft für geschichtliche Epochenbrüche stehen. Das „Newseum“ verzeichnet mit Stolz, dass die „Berlin Wall Gallery“ mit acht Mauerteilen sowie Wachturm die umfangreichste Sammlung von „Erinnerungsstücken“ der innerdeutschen Grenze außerhalb Deutschlands sei.

Gleich darüber befindet sich die „9/11 Gallery“ mit der abstrus verbogenen Sendeantenne vom Nordturm des „World Trade Center“, die beim Einsturz des Gebäudes mehr als 500 Meter in die Tiefe fiel. Auch ein Stein aus dem Pentagon und ein zerfetztes Stück des Triebwerks des vierten entführten Flugzeuges, das auf ein Feld nahe Shanksville in Pennsylvania stürzte, werden gezeigt. Der Fotograf William Biggart, der einzige Journalist, der seinen Arbeitseinsatz am 11. September 2001 in Manhattan mit dem Leben bezahlte, wird mit einer eigenen Dokumentation geehrt - seine in den Trümmern des Südturmes geborgenen Fotoapparate, Notizbücher und schließlich die von ihm aufgenommenen Fotos sind zu sehen. An der Nordwand der „9/11 Gallery“ sind die vergrößerten Titelseiten von Zeitungen aus allen fünfzig amerikanischen Bundesstaaten sowie aus 34 Ländern präsentiert.

Eine fast verschämt kleine Sammlung internationaler Exponate

Das Motiv der Titelseite von Zeitungen kehrt immer wieder. Vor dem Haupteingang sind aktuelle Titel amerikanischer Zeitungen ausgestellt, im siebten Stock werden die Titelblätter von Blättern aus Dutzenden Ländern gezeigt, die jede Nacht elektronisch aus aller Welt ans „Newseum“ übermittelt werden. Die Störungen und Proteste beim Lauf mit der Fackel mit dem olympischen Feuer sind dieser Tage „Front Page News“ in aller Welt.

Gewiss, das Konzept des „Newseum“, die Exponate, die Perspektive sind arg amerikazentrisch. Eine mehr als dreitausend Jahre alte sumerische Lehmtafel mit einer „Nachrichtenaufschrift“, eine Statue des ägyptischen Gottes des Wortes und der Schrift Thoth, dazu eine Gutenbergsche Druckerpresse sind prominente Teile einer fast verschämt kleinen Sammlung internationaler Exponate. Dafür dürfen sich alle wesentlichen amerikanischen Medienunternehmen mit nach ihnen benannten „Galerien“ hervortun - schließlich haben sie sich mit vielen Millionen Dollar an den Kosten des Museums beteiligt. Dass das „Newseum“, anders als die Museen der staatlichen „Smithsonian Institution“, Eintritt verlangt (zwanzig Dollar), dürfte das Interesse kaum dämpfen.

Ein Besuch im „Newseum“ vermittelt den Eindruck, das Nachrichtengewerbe sei ein altehrwürdiges, florierendes und ehrenwertes Gewerbe - obschon die schlimmsten Plagiatoren und Betrüger nicht unerwähnt bleiben. Dazu passt, dass der aus Österreich stammende Starkoch Wolfgang Puck ein im „Newseum“ untergebrachtes Restaurant betreibt. Es heißt „The Source“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Marie Kopcsik, Newseum, REUTERS, Sam Kittner/kittner.com

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