Leser-Reporter

Werden wir jetzt alle Paparazzi?

Von Olaf Sundermeyer

Hobby-Fotograf auf der Lauer bei der Jauch-Hochzeit

Hobby-Fotograf auf der Lauer bei der Jauch-Hochzeit

25. Juli 2006 Der selbständige Badezimmermonteur Michael Ellersberger aus Saarlouis hat ganz schnell reagiert, neulich auf der A8: Im Schrittempo fährt er die Auffahrt Neunkirchen entlang, so daß er den umgekippten Sattelschlepper vor sich auf der Fahrbahn noch gut ins Bild kriegt. Durch das Seitenfenster knipst er den Lastwagen mit seinem Fotohandy und schickt die Bilddatei sofort an die Redaktion der „Saarbrücker Zeitung“. Am nächsten Tag ist sein Motiv schon im Blatt, und die Leser können sich ein Bild von der Stauursache machen, umsonst und in Farbe, für drei Stunden wurde die Autobahn hinter Michael Ellersberger gesperrt, der also das Bild zu einer echten Nachricht hatte.

Der sogenannte „Leser-Reporter“ der Regionalzeitung nahm dafür kein Honorar, „die können mich bezahlen, wenn ich ihnen ein Badezimmer baue, aber nicht dafür“, sagt der Einundvierzigjährige, „das habe ich doch gern gemacht“. Für Anerkennung und ein bißchen Adrenalin: Am nächsten Tag kamen Anrufe und Nachfragen aus dem Bekanntenkreis, schließlich stand sein Name als Bildnachweis unter dem Foto. Michael Ellersberger war stolz; in etwa so wie die Blitzer-Melder, die mit aufgeregter Stimme aus dem Auto im Rundfunk zu hören sind, zunächst bei den privaten, inzwischen auch bei öffentlich-rechtlichen Wellen.

„Supermarkt geschlossen, Kunden stehen vor der Tür“

Neue Form des Sport-Journalismus: Fans vor dem brasilianischen Trainingslager in Offenbach

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Ellersberger hatte die Nummer der „Saarbrücker Zeitung“ auf seinem Handy gespeichert, die eigens zu diesem Zweck eingerichtet wurde: Und alles, was über die 0681/5959800 kommt, egal, ob Bilddatei, SMS, Fax oder Sprachmitteilung, läuft bei Tim Höhn auf. Seit Januar hat seine Redaktion die Stelle des „Leser-Reporters“ eingerichtet, die längst kein Projekt mehr ist, sondern redaktioneller Alltag.

Im Schnitt kommen dreizehn Hinweise täglich, nicht nur Fotos. Jede vierte Information schafft es ins Blatt. Vor allem Geschichten über Brände und Unfälle, lange bevor diese aus den Pressestellen der Polizei gemeldet werden. Aber auch Ärgernisse über unfreundliche Taxifahrer und nichtige Nachbarschaftsstreitigkeiten laufen beim „Leser-Reporter“ ein. Von „Supermarkt geschlossen, Kunden stehen vor der Tür“ bis zu „Bahnübergang verwaist bei Friedrichsthal“, dem Ärger über die Postbank und über die Stadtverwaltung. Volontär Höhn erfaßt die Meldungen in einem internetgestützten Computersystem, einer Art Agenturmaske mit Bildern. Er wertet sie aus und leitet sie kommentiert an eine der elf Lokalredaktionen oder an die Saarland-Seite weiter, so wie Ellersbergers Unfallmeldung von der A8. Von dort aus wird der Leser dann zurückgerufen, die Geschichte wird vom Schreibtisch aus überprüft; Textautor ist allerdings immer ein Redakteur, die Artikel werden mit einem eigenen Logo „Leser-Reporter“ kenntlich gemacht.

Wir machen das auch

Die Idee stammt aus Norwegen, von der größten Boulevardzeitung im Land, der „VG“, die zur Schibstedt-Gruppe gehört. Experten haben längst Begrifflichkeiten für die verschiedenen Formen der Lesereinbindung gefunden, „Citizm Journalism“ und „User provided content“ wird der Amateurjournalismus euphemistisch genannt. Zunächst hat er sich im Internet breitgemacht und wird dort schon hinlänglich diskutiert und von vielen Redaktionen gern genutzt; vor allem, weil es Autorenhonorare einspart. Auch das Fernsehen ist auf den Geschmack gekommen, zuletzt zu besichtigen bei dem amerikanischen Nachrichtensender CNN. Als in Bombay acht Bomben in Vorortzügen detonierten und 207 Menschen starben, blendete CNN immer wieder den Aufruf ein, die „Citizm journalists“ sollten doch ihre Bilder, Videos und Erlebnisberichte an die Redaktion kabeln. Ihre Beiträge wurden von den Moderatoren eigens gelobt.

Nun also das Traditionsmedium Tageszeitung: Vor einem Jahr reist SZ-Chefredakteur Stefan Herbst auf Wunsch des Holtzbrinck-Verlages, zu dem die „Saarbrücker Zeitung“ gehört, nach Oslo, macht sich dort schlau, und schließlich entscheidet sein Verlag, wahrscheinlich richtungweisend: Wir machen das auch.

Dieses berühmte Bild aus der Londoner U-Bahn

50.000 Euro hat Holtzbrinck für das Computerprogramm nach Norwegen überwiesen, wo es seit drei Jahren im Einsatz ist: Vor allem die Bilder und die Leser-nachrichten aus der Tsunami-Region Ende 2004 haben Herbst überzeugt: „Riesige Flutwelle vor Karon-Beach, Phuket“, meldete die norwegische Zeitung auf ihrer Homepage, bevor die Nachricht von den Agenturen kam. Kurz danach schickte der erste Leser ein Foto vom Balkon seines Hotelzimmers, ein anderer gar von einem Boot aus, auf hoher See. In der laufenden Berichterstattung konnte die „VG“ mehr Vermißtenfälle norwegischer Touristen in der Krisenregion aufklären als die Polizei oder das Außenministerium. „Ein Extremfall“, sagt Herbst, „aber es hat funktioniert, oder denken Sie doch nur an dieses berühmte Bild aus der Londoner U-Bahn unmittelbar nach dem Terroranschlag dort.“ Die „VG“ habe es geschafft, den Leuten eine prägnante Rufnummer beizubringen, die sie ebenso wie die Nummern von Polizei und Feuerwehr in ihren Handys speicherten. Der Rücklauf dort sei enorm, auch wegen eines üppigen Honorars, das Herbst allerdings nicht zahlt. In Norwegen gebe es schon Beschwerden von Rettungsdiensten, denen die „Leser-Reporter“ die Arbeit erschwerten. „Wir wollen auch nicht, daß sich unsere Leser in Gefahr begeben, nur um ein Foto zu machen, auf der Autobahn noch mal zurücklaufen oder so.“ Herbst will auch nicht „den Fußballspieler bei der Verrichtung seiner Notdurft, sondern Bilder von Ereignissen, die wir selber nicht erreicht hätten“.

Der Leser-Reporter lauert überall: Samuel Eto'o, wie aus dem Ei gepellt

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Anders freiwillige Feuerwehrleute etwa, die häufig zuerst am Ort des Geschehens sind und sich per Fotohandy oder SMS gerne dicke tun. „,Leser-Reporter' möchten gern mittun“, sagt Herbst zur Motivation seiner ehrenamtlichen Helfer. Der Chefredakteur schwärmt von der „Interaktion mit dem Leser, der erhöhten Leser-Blatt-Bindung und der hohen Authentizität der Nachrichten, weil wir ja einen Augenzeugen haben“. Wie oft komme ein Reporter zu einem Brand, wenn alles gelaufen ist? Überdies habe man die Nachrichten exklusiv. Das ist nicht unwichtig, schließlich liegt man im Saarland im Wettbewerb, vor allem mit der „Bild“-Zeitung.

Haben Sie Brigitte Bardot im Pelzgeschäft gesehen?

Die hat gleich nach dem Ende des Weltmeisterschafts-Nachrichtenbooms einen eigenen „Leser-Reporter“ eingeführt und druckt die Bilder der privaten Knipser - für 500 Euro Honorar: Da fährt fünfspaltig ein Berliner Polizist auf der letzten Seite auf, der während der Tour im Dienstwagen am Steuer mit dem Handy telefoniert; ein brennender Lastwagen fackelt auf der A61 ab, Dieter Bohlen wälzt sich in der Sonne am Strand von Cala Ratjada, und die Tennisspielerin Anke Huber zeigt auf einer Privatfete ihren Babybauch. Die Redaktion fragt ihre Leser gewohnt skrupellos: „Haben Sie Ottfried Fischer bei den Weight Watchers gesehen? Oder vielleicht Brigitte Bardot in einem Pelzgeschäft? Oder hat ein junger Promi in Ihrer Gegenwart eine Schachtel Kukident gekauft?“

Droht Doherty jetzt die Rundum-Bewachung?

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Für den Berliner Medienanwalt Johannes Eisenberg ist das ein unsäglicher Zustand: „Das ist ja ein Aufruf zur flächendeckenden allgegenwärtigen Promi-Jagd, die so nicht zumutbar ist, auch nicht für Personen der Zeitgeschichte.“ Eisenberg vermutet, daß Prominente so zu einer tatsächlichen Verhaltensänderung gezwungen werden, „die müssen ja Angst haben vor der persönlichen Kommunikation im öffentlichen Raum, weil sie ständig damit rechnen müssen, daß jemand eine Handykamera zückt“. Und wer kann dazu in Zeiten der digitalen Bildbearbeitung schon die Echtheit der Bilder prüfen? Der Aufruf der „Bild“ scheint auf Resonanz zu stoßen, „auch gestern haben wieder mehr als 500 ,Leser-Reporter' ihre Schnappschüsse an Bild geschickt“, hieß es vergangene Woche. Reporterzahlen will der Springer-Sprecher Tobias Fröhlich nicht nennen, er stellt auf den Nachrichtenwert der Schnappschüsse ab. „Solche Fotos können Dokumente der Zeitgeschichte sein, aber natürlich ist auch die Berichterstattung über Prominente ein Thema für ,Bild'.“

Langfristig gegen den Personalbestand

Aus Sicht des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) gibt es außer der organisierten Promi-Jagd noch andere Gründe, die gegen den „Leser-Reporter“ sprechen: „Langfristig geht das doch gegen den Personalbestand in den Redaktionen“, sagt Hendrik Zörner, Sprecher der Journalistengewerkschaft. Die Erfindung falle nicht ohne Grund in eine Zeit, in der Verlage Stellen abbauen, bei immer größer werdender Arbeitsverdichtung, und nun würden Bild- und Textinformationen noch von Amateuren geliefert, die keinerlei journalistische Ausbildung hätten, und das teilweise kostenlos. Zörner sieht die journalistische Qualität in Gefahr, „denn die Recherche vor Ort entfällt ja wohl nach so einem Leserhinweis“.

„Das süße Leben” war erst der Anfang - das Fotohandy macht einen jeden zum potentiellen Reporter

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Sicher ist gleichwohl, daß Redakteure ihren Arbeitsplatz immer seltener verlassen, ihre Arbeit als Redaktroniker bewerkstelligen und den Verlagen jedes günstige Mittel der Informationsbeschaffung recht ist. So ist es kein Wunder, daß sich die „Rheinische Post“ als Abbestellerin der Nachrichtenagentur dpa sehr stark für den „Leser-Reporter“ interessiert, oder daß sich der „Nordkurier“ dafür erwärmt, wo doch in Vorpommern die Wege weiter sind als bei jeder anderen Regionalzeitung in Deutschland. Auch aus der Schweiz und aus Österreich kommen Fachbesucher zu Stefan Herbst in die Redaktion der „Saarbrücker Zeitung“, wo der „Leser-Reporter“ inzwischen seinen festen Platz hat. Mit Gesandten aus dreißig Redaktionen rückte die Initiative Tageszeitung (ITZ) neulich an, um sich an der Saar zu informieren. Selten gab es bei den Redaktionsbesuchen solchen Andrang. „Alle wollten wissen, wie der Leserkontakt verbessert und für die Redaktionen zeitsparend und gewinnbringend umgesetzt werden kann“, sagt Herbst. Franz Westing von der ITZ meint: „Das ist eine zukunftsträchtige Sache, denn schneller kommt kein Unfallfoto in die Zeitung.“ Allerdings hält Westing nichts von der inszenierten Promi-Jagd und dem „Wir sind alle Paparazzi“.

Text: F.A.Z., 25.07.2006, Nr. 170 / Seite 36
Bildmaterial: CINETEXT, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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