Von Matthias Hannemann
07. Juli 2008 Es ist fast zynisch: Erst schafft es das Fernsehen, die politischen Debatten vom Bundestag auf die Talkshow-Sessel zu verlagern, als habe sich die Idee des Parlaments, von Abgeordneten, von Rede und Gegenrede, nicht über Jahrzehnte bewährt. Und jetzt beklagt es mit einer Formel den Vertrauensverlust in die Demokratie, nicht weniger populistisch als das effekthascherische Gezeter manch eines Megafon schwenkenden Lobbyisten: Bürger frustriert, Politiker hilflos.
So wirft man sich in Pose, Sonntag abends in Deutschland. So schmückt man sich, seit allerorts von Politikverdrossenheit die Rede ist, mit dem Banner der Demokratie. Und so arbeitet man an ihrer Überwindung, auch dank des Anspruchs, der beste aller Anwälte des Volkes zu sein. Demokratie, nein danke, hatte Anne Will den Programmzeitschriften ins Heft diktiert. Wenn es zum endgültigen Putsch kommt, kann man sich die Riege der Ministerinnen und Minister ja bereits einmal ausmalen. Willkommen in der Mediokratie.
Dabei ist auch die DDR an dieser langjährigen Misere nicht ganz schuldlos. Dachte sich die Redaktion von Anne Will. Und schoss sich an diesem Sonntagabend auf einen Gast ein, der nicht rein zufällig ganz links außen auf dem Podium seinen Platz erhielt. Denn es heißt zwar in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, im Westen der Republik sei jeder Dritte mit dem Stand der demokratischen Dinge unzufrieden. Im Osten aber murrt jeder Zweite. Und ist damit, den Begriffsstutzigen würde es Arnulf Baring in einem Einspielfilm abermals erklären: ein potentieller Kunde der Links- als Protestpartei.
Die nun war in Anne Wills Sonntagsplausch durch eine Dame vertreten, die als SED-Mitglied von einst und amtierende Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion ihrer Partei unumwunden zugab, diese Art von Demokratie könne die Probleme in Deutschland nicht lösen. Ja, Dagmar Enkelmann verhehlte nicht einmal, mit den Ängsten der Wähler Politik zu treiben, seien diese Ängste doch durchaus real.
Doch der bis zur Rednerkakophonie auf dem Podium kalkulierbare Widerstand der übrigen Gäste war kaum mehr als ein müder Reflex. Der Innenminister Brandenburgs, Jörg Schönbohm (CDU), empörte sich erst über die dreiste Frau Enkelmann, dann darüber, wie wenig in der Republik über die Errungenschaften seit der Einheit gesprochen werde: Dass wir noch viel arbeiten müssen, wissen wir auch. Der Fraktionsvorsitzende der FDP im niedersächsischen Landtag, Philipp Rösler, setzte zum Loblied auf Westerwelles Orts- und Menschenkenntnis an. Die Vorsitzende der SPD Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, forderte mehr politische Bildung, rein vorsichtshalber gewissermaßen, ist doch nicht einmal sie selbst zur Distanz von der Linken fähig (zumindest nicht auf Landesebene, wo es nun einmal Mehrheiten zu finden gelte). Und die Schriftstellerin Monika Maron, Chronistin des ostdeutschen Zusammenbruchs, bestätigte zusammen mit der pensionierten Lehrerin und Stadträtin Marlis Schünemann (CDU) aus Haldensleben, was ohnehin diagnostiziert war: Politischer Widerstand habe sich in der DDR in einer Meckerhaltung erschöpft. Was Demokratie und Streitkultur bedeute, müsse da wohl weiterhin noch trainiert werden, erst recht auch unter Jugendlichen, in den Familien.
Noch immer seine beste Bühne
Wie soll man eine Demokratie beleben, wenn ganze Landstriche Wahlen und Parteien als Zumutung und staatlicher Bevormundung als Ideal empfinden? Eigentlich eine wichtige Frage. Nur beschränkt sie sich eben längst nicht mehr auf die ostdeutschen Bundesländer.
Wäre bei Anne Will nicht auch ein kurzer Film über den Bürgerfrust in Bremerhaven gezeigt und, zu einer Tagesthemen-Sendung mit dem Hauptthema Preisexplosion übergeleitet worden: Man hätte glatt vergessen können, wie sehr Frust und Ohnmacht auch im Westen einem Populismus entgegenspielen, der in den hiesigen Talkshows noch immer seine beste Bühne findet.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa