FAZ.NET-Fernsehkritik

Der heiße Herbst 2007

Von Michael Hanfeld

29. Januar 2007 Der heiße Herbst 2007 hat am 1. Januar begonnen. Das hat etwas damit zu tun, dass Jubiläen in der Presse reflexartig bearbeitet werden. Wenn ein zeithistorisches Ereignis zwanzig, dreißig Jahre her ist, rollen Artikel vom Stapel, in der Hoffnung, dass sich darüber eine Debatte entwickelt. Im Fall des deutschen heißen Herbstes von 1977 aber ist es noch etwas anderes: Die verurteilte RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt steht nach vierundzwanzigjähriger Haft vor der Entlassung, die Bundesanwaltschaft hat die Aussetzung ihrer mehrfach lebenslänglichen Strafe zur Bewährung beantragt. Und dem Bundespräsidenten liegt das Gnadengesuch des RAF-Terroristen Christian Klar vor, der eigentlich erst im März 2009, nach sechsundzwanzig Jahren Haft, frühestens freikommen sollte. Die beiden sind für zahlreiche Morde verantwortlich, sie waren der harte Kern der zweiten Generation der RAF, sie und andere haben der Bundesrepublik die größte innere Krise beschert. Jetzt sollen sie aus der Haft freikommen.

„Gnade für Gnadenlos - Eine zweite Chance für Mörder?“ war die Sendung von Sabine Christiansen zu diesem Thema am Sonntagabend betitelt. So plakativ überzogen dieses Motto formuliert war, so differenziert und erhellend war die Debatte, denn sie zeigte, warum das Thema nicht nur turnusmäßig auf der Tagsordnung steht. Wären alle „Christiansen“-Sendungen so wie die von gestern Abend, hätte sich die ARD den Krach um Günther Jauch ersparen können und müsste jetzt nicht auf Anne Will verfallen, sie könnte glatt bei der alten Besetzung bleiben.

Aufklärung, das ist die echte Reue

Das lag aber auch daran, dass zu diesem Thema nicht die übliche Expertenclique das Sagen hatte. Sondern jemand wie Michael Buback, der Sohn des am 7. April 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Er sagte, dass er das Vorgehen des Rechtsstaats akzeptiere, stellte aber zugleich zwei Fragen in den Raum, um die es in der folgenden Stunde immer wieder gehen sollte: Warum bedeutet „lebenslänglich“, dass zwar die Hinterbliebenen der Opfer ihren Leben lang leiden, die Täter aber in jedem Fall irgendwann freikommen? Und warum fordert man von den Tätern nicht Reue dem Sinn nach, dass sie sich wenigstens eindeutig zu ihren Taten erklären?

Im Fall der Ermordung seines Vaters ist bis heute nicht geklärt, wer ihn erschossen hat, es steht allein fest, dass Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg an der Tat beteiligt waren. Wer aber schoss, ist bis heute unbekannt. Auf diesen Aspekt hob auch die Publizistin Bettina Röhl ab. Aufklärung, das ist die echte Reue, sagte sie. Das stehe den Angehörigen und der ganzen Gesellschaft zu. Damit hatte Röhl, deren Mutter die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof war, und die unter anderem mit dem heutigen „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust wegweisende Recherchen zum Thema RAF unternommen hat, das meiste schon gesagt. Und den Schwachpunkt derjenigen benannt, die den Spieß gerne umdrehen und aus der Frage, ob Mohnhaupt und Klar freikommen sollen, ein „Rache“-Bedürfnis des Staates destillieren möchten. So wie das frühere RAF-Mitglied Till Meyer, der in einer eingespielten Interviewsequenz sagte, es gebe keinen Rechtsanspruch darauf, dass die ehemaligen Gefangenen Reue zeigten, sie hätten ihre Sühne abgesessen. Alles andere wäre „Rache“ - des Staates.

Wie die Gesellschaft mit dem Terror fertig wird

Sich das anzuhören war eine Zumutung. Für jemanden wie Michael Buback oder Michael Esper, der mit seinem Sohn den islamistischen Terroranschlag von Djerba schwer verletzt überlebt hat, erst recht. Zeigt es doch, dass die Täter von einst - die für sich ja in Anspruch nahmen, einen politischen Kampf auszufechten - immer noch nicht wissen, was sie ihren Opfern, was sie uns allen und am Ende auch sich selbst schuldig sind: eine offene, wahrhaftige Erklärung zu ihrer Tat. Nicht diese längst überkommene Freund-Feind-Beschwörung, wie sie von verschiedenen Seiten her anschwillt - die „taz“ zum Beispiel hat endlich mal wieder ein Thema, das nicht nur lustige Titelmontagen hergibt. Und auch nicht dieses verschwiemelte Um-den-heißen-Herbst-Herumreden. Das Ende ihrer Haftzeit hängt von den Selbsterklärungen der Täter nicht ab, wohl aber, wie die Gesellschaft mit dem Terrorismus fertig wird, nicht nur mit dem historischen der RAF, sondern auch mit dem viel umfassenderen islamistischen Terror von heute.

Gerhart Baum, der FDP-Politiker und ehemalige Innenminister, hatte es in der „Christiansen“-Runde nicht leicht, seinen Standpunkt, den er mit „Gnade nach Recht“ umschrieb, zu vertreten. Selbst bei Debatten über Kindsmörder, etwa dem Mord an dem Bankierssohn Jakob von Metzler, haben wir immer wieder erlebt, dass hinter der Würde der Täter diejenige der Opfer und ihrer Hinterbliebenen vollständig verschwand, und vor der Güte des Grundgesetzes und der Auslegung ihrer Hüter jede emotionale Note sich scheinbar verbot. Das ist diesmal anders. 91 Prozent der befragten Zuschauer waren am Ende der Sendung dagegen, dass Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar nun freikommen sollen, nur neun Prozent dafür.

Das mag man populistisch nennen. Auch mag man kritisieren, dass eine Frage zu kurz kam, nämlich, welche Prognose die Inhaftierten haben, ob man annehmen muss, dass sie weiterhin eine Gefahr für andere darstellen und deshalb nicht freikommen dürfen. Gerhart Baum fand das Abstimmungsergebnis einfach „bedenklich“. Wobei zu fragen ist, was bedenklicher ist: Dass viele Menschen so denken? Oder dass die Verfassungswirklichkeit dieses Landes dafür sorgt, dass sich eine solche Frage gar nicht stellt, weil „lebenslänglich“ nicht ein Leben lang ist: Brigitte Mohnhaupt kommt in jedem Fall frei und bei Christian Klar liegt es im Ermessen des Bundespräsidenten.

Keine kleinen Fußstapfen für Anne Will

Und erstaunlich ist, dass sich Gerhart Baum, wie er in der Sendung bekundete, keinen Reim darauf machen kann, warum das Thema RAF im Jahr 2007 so hoch gespielt wird. Die Gesellschaft scheine mit der Sache wohl immer noch nicht fertig zu sein, meinte er und meinten auch andere. Man könnte es auch etwas schärfer fassen: Es gibt in dieser Gesellschaft eine Generation, und zwar eine, die heute an vielen maßgeblichen Stellen die Debatte bestimmt, die gar keine Lust hat, sich mit den alten Lebenslügen noch einmal - und dieses Mal vielleicht ehrlich - zu befassen. War doch so schön, irgendwie links, irgendwie gegen den Staat, gegen das „Schweine-System“ zu sein. Doch wo sind sie geblieben, all die Sympathisanten? Was könnten sie beitragen, wenn ihre bewegte Jugendzeit heute Thema im Oberstufenpolitikunterricht ist? Wie lauteten ihre Lehren, die jetzige dritte Generation des Terrors, der heute „Dschihad“ heißt und für den Täter von Kindergartenbeinen an herangezogen werden, von ihrem Weg abzubringen? Das ist ein Thema, nicht nur für 2007.

Das angerissen zu haben und die eingangs von Michael Buback gestellte Frage, warum lebenslänglich bei uns für die Täter nicht lebenslang heißt, war ein nicht geringes Verdienst von „Christiansen“. Den zweiten Punkt verdeutlichte noch einmal die Tochter einer Frau, die Opfer des so genannten „Todespflegers von Sonthofen“ wurde, der wegen Mordes an 29 Patienten verurteilt wurde. Auch er habe, sagte die Frau, welche die Gerichtsverhandlung komplett verfolgt hatte, keinerlei Reue gezeigt und nichts erklärt. Sie wolle keine Rache, sondern nur eins: verhindern, dass der Täter mit Anfang fünfzig wieder freikommt. „Ich möchte, dass er sitzt.“

Nach „Christiansen“ erschien übrigens Anne Will auf dem Schirm. Die Intendanten der ARD werden sich Anfang Februar aller Wahrscheinlichkeit nach darauf verständigen, dass sie die Nachfolge von Sabine Christiansen antritt. Ihr Konkurrent Frank Plasberg bekommt auch eine Sendung im Ersten, allerdings nicht die Polittalkshow am Sonntagabend. Und Sandra Maischberger ist die lachende Dritte, die vielleicht Anne Will bei den „Tagesthemen“ folgt. Das wäre im ewigen Zwist der ARD endlich mal eine fast salomonische Lösung. Und nach der Sendung von Sonntag könnte man fast sagen, Anne Will trete in gar nicht so kleine Fußstapfen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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