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Ostpreußens Gloria geht grausam zu Ende

Von Michael Hanfeld

Flucht ins Ungewisse: Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler) mit Tochter (Stella Kunkat)

Flucht ins Ungewisse: Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler) mit Tochter (Stella Kunkat)

02. März 2007 Die Ernte im Herbst 1944 ist groß. Groß genug, um durch einen langen Winter zu kommen. Bis zum nächsten Frühjahr. Irgendwann wird dann auch der Krieg zu Ende sein, und irgendwie wird es ein gutes Ende nehmen. Denn Ostpreußen fällt nicht und wird niemals aufgegeben. Mögen die Salven der heranrückenden Roten Armee den Horizont schon rot färben, bis zur eigenen Scholle reicht die Bedrohung nicht.

Zumindest nicht im Geiste der meisten Protagonisten, die der ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ versammelt. Längst stehen sie am Ufer des Mahlstroms, der bald alle ins Verderben reißt, und stecken doch den Kopf in den Sand. Glauben den Durchhalteparolen, die aus dem Volksempfänger dröhnen, oder wollen Hochzeit feiern, mit aller Etikette, die sich gebührt, und all dem Pomp, den man noch zuwege bringt. Auf diesem Vulkan wird Walzer getanzt, bis ein junger Held sich im Salon erschießt und der Bräutigam Reißaus nimmt.

Stunde der Frauen

Es sind die letzten Tage von Ostpreußens verblasstem Gloria, die letzten Stunden einer Gesellschaft, die mit einem Bein noch im neunzehnten Jahrhundert steht, die sich arrangiert hat mit den Nationalsozialisten, auch wenn ihr die Herrschaften plebejisch erscheinen und sie dem eigenen Untergang erst in dem Augenblick ins Auge blickt, in dem der Gutsherr die Pistole an die Schläfe legt.

Die Figuren und die Szenerie, das Panoptikum, das der Regisseur Kai Wessel nach dem Drehbuch von Gabriela Sperl versammelt, erscheinen einem vertraut aus den Erinnerungsbüchern derer von Dönhoff oder Krockow oder zuletzt aus dem Roman „Alles umsonst“ von Walter Kempowski. Es fokussiert sich in der Figur der Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler), die als verstoßene Tochter mit unehelichem Kind aus Berlin auf das elterliche Gut zurückkehrt, das der Vater (Jürgen Hentsch) von seinem Krankenlager aus zu führen nicht mehr imstande ist. Sie ist nicht willkommen, doch fällt ihr die Verantwortung zu, sobald die dienstbare Babette (Gabriela Maria Schmeide) ihr den Koffer aus der Hand genommen hat. Lena muss die Arbeit auf dem Gut organisieren, sich um das Personal kümmern, den französischen, polnischen und russischen Zwangsarbeitern Order geben; die „Stunde der Frauen“ schlägt ihr, kaum dass sie aus dem Zug gestiegen ist.

Zweifellos eine Debatte

Die um ihre Gunst Werbenden lassen auch nicht lange auf sich warten, der Militärrichter Heinrich von Gernstorff (Tonio Arango), der schon immer auf ein Leben an ihrer Seite hoffte, und der anmutige französische Zwangsarbeiter François Beauvais (Jean-Yves Berteloot), der den Adel verachtet und doch dafür sorgt, dass auf dem Gut alles seinen Gang geht. Heimlich baut er mit seiner Truppe Pferdewagen und zerschlägt sie wieder, weil jede Vorbereitung zur Flucht mit dem Tod bestraft wird. Erst im allerletzten Moment, als die Panzer der Roten Armee auf die Allee vor dem Gut einbiegen, setzt sich der Treck der Frauen, Kinder und Alten in Bewegung zur Flucht, die zum Todesmarsch wird.

Zwölf Millionen Menschen sind im eiskalten Winter 1944/45 und in den Monaten danach vor der Roten Armee geflüchtet oder vertrieben worden, zweieinhalb bis drei Millionen sind umgekommen. Ihre Geschichte prägt, obgleich fiktional erst in den letzten Jahren breit erzählt, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Dass hinter ihr das Grauen und die Verbrechen der Nationalsozialisten verschwinden oder die Erzählung davon einen in den Ruch bringen konnte, die Verbrechen Hitlers verschweigen, verkleinern oder gar aufrechnen zu wollen, hat dafür gesorgt, dass sich das Fernsehen des Themas filmisch bis jetzt nur zögernd angenommen hat. Erst die Generation derjenigen, in deren Familiengeschichte dies zwar hineinreicht, sie aber nicht mehr direkt betrifft, kann sich von dem Druck befreien, der auf dem Thema lastet. Und genau dieser Generation der heute Vierzigjährigen gehören der Produzent Nico Hofmann, der Regisseur Kai Wessel und auch der Kameramann Holly Fink an. Sie können eine Geschichte der Flucht erzählen, die Pars pro Toto für das Leid aller Zivilisten im Krieg stehen soll. Das ist eine große Leistung, die zweifellos eine Debatte nach sich ziehen wird.

Schema „frauenaffin“

Nichtsdestotrotz vermögen sie es bei ihrem historischen Projekt nicht, sich von einem pädagogischen Gestus zu befreien. Sie müssen viel erklären. Statuarisch aufsagen lassen, was das Credo der Junker ausmachte. Sie müssen jede Szene, welche die Grausamkeiten der Russen und das Sterben auf der Flucht über das zugefrorene Haff zeigt, mit anderen kontern, in denen die Wehrmacht Verbrechen begeht, Deserteure hingerichtet oder fliehende Zwangsarbeiter hingemetzelt werden. Der russische Soldat, der eben noch mit seinen Kumpanen brutal zwei Frauen vergewaltigte, von denen eine sich wenig später am Fenster erhängt, wird postwendend von seinem Vorgesetzten erschossen.

Das muss man im Fernsehen vielleicht so machen, vor allem, wenn man als Pionier ein Themenfeld absteckt. Man kann wohl den Krieg nicht derart erbarmungslos in Szene setzen, wie es im Kino Spielberg, Eastwood oder Malick tun. Aber muss man deshalb Bilderbögen basteln, in denen Litauen - wo der Film gedreht wurde - so aussieht wie das Cornwall in den Rosamunde-Pilcher-Filmen? Und muss die Heldin Lena von Mahlenberg graziös durch den verschneiten Winterwald reiten, wozu die Streicher heftig fiedeln? Und schließlich: Kann man eine solche Geschichte nicht endlich einmal - auch fürs Fernsehen - ohne das Schema „frauenaffin“ entwerfen, will heißen: nicht schon wieder zwei Männer um eine schöne Frau kämpfen lassen - während drum herum die Welt untergeht?

Mahlstrom der Vernichtung

Man könnte und man sollte. Und Schauspieler wie Angela Winkler, Gabriela Maria Schmeide, Maria Furtwängler, Jürgen Hentsch, Tonio Arango, Max von Thun und Hanns Zischler hätten es allemal verdient, Figuren Profil verleihen zu können, die in ihrer Entwicklung dann nicht doch wieder von einer moritatenhaften Dramaturgie eingefangen werden, die den Zweiteiler folgerichtig nicht mit der Flucht übers Haff, sondern mit der Ankunft in Bayern und mit François' Wiederauftauchen in amerikanischer Armeeuniform enden lässt.

Das ist ein bisschen zu viel des Guten und wirkt am Ende seltsam unpolitisch. Auch wenn immer wieder zwingend deutlich gemacht wird, dass die Folgen des Krieges auf die Deutschen zurückfallen mussten und Millionen von Menschen in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs starben, weil sie Geiseln eines blinden Opferglaubens waren und man ihnen die Flucht verwehrte, als die noch möglich gewesen wäre. Und es ist vor allem deshalb bedauerlich, weil der Film mit den Bildern der Flucht einzigartig starke Momente hat. Doch auf den Film, der im Fernsehen nichts als den Mahlstrom der Vernichtung zeigen will, warten wir noch. Und auf einen Film über die Vertreibung auch.

„Die Flucht“ läuft heute um 20.40 Uhr bei Arte. Die ARD zeigt den Zweiteiler am Sonntag und Montag, jeweils um 20.15 Uhr, im Ersten. Die zwei begleitenden Dokumentationen „Die Flucht der Frauen“ und „Hitlers letzte Opfer“ laufen am Sonntag um 23 Uhr und am Montag um 21.45 Uhr im Ersten.

Text: F.A.Z., 02.03.2007, Nr. 52 / Seite 44
Bildmaterial: ARD Degeto/Conny Klein

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