21. Januar 2007 Am Sonntag, um 17.40 Uhr, beginnt Pro Sieben mit elf neuen Folgen der Simpsons. Neu wird für die Zuschauer auch Anke Engelke sein. Als Nachfolgerin der Schauspielerin Elisabeth Volkmann, die Ende Juli 2006 verstarb, synchronisiert sie die Stimme von Marge Simpson, der guten Familienseele.
Frau Engelke, Sie haben sich als Nachfolgerin von Harald Schmidt versucht, nun synchronisieren Sie Marge Simpson - mögen Sie Rollen, die unter besonderer Beobachtung stehen?
Wenn der Inhalt gut ist, entscheidet man nicht danach, hinterher gefeiert oder angegriffen zu werden. Marge Simpson ist einfach eine spannende Figur.
Sie wussten aber, wie emotional die Serie betrachtet wird?
Ja, die Zusage bekam ich von Pro Sieben quasi im Kombipaket mit der Vorwarnung, dass ich nicht mit offenen Armen empfangen würde. Aber kritische Fans sind mir lieber als eine tumbe, glotzende Masse, die alles frisst, was aus dem Fernseher kleckert. Ich mag es, wenn Menschen bewusst fernsehen und Bezüge entwickeln, empathisch sind und ihre Meinung vertreten.
Haben Sie sich da vorher umgehört?
Gar nicht. Das frustriert auf Dauer nur, denn meistens hört man da nur Beschwerden und wird selten gelobt. Das behindert die Arbeit, wenn man selber euphorisch ist und sich über diese wunderschöne Serie freut, die so was von rund, scharf, schön, gut und schlau ist.
Stimmlich orientieren Sie sich eher an Julie Kavners Original als an Elisabeth Volkmann.
Mir wurde erzählt, Elisabeth Volkmann habe im Synchronstudio vor den Takes nie die Original-Marge gehört, also direkt das tonlose Bild besprochen. Das kann ich gar nicht, ich muss sehen, wie das gedacht war. Wenn das Original gut ist, muss ich nichts ändern. Keine Ahnung, was sich die Fans vorstellen: dass es gar nicht synchronisiert wird? Dass es ein Hund macht? Wie soll man es denen recht machen?
Durch eine Zweitauflage der Stimme, die sie gewohnt sind.
Unmöglich. Wer Elisabeth Volkmann nachmachen will, wird es nicht leicht haben. Es gehört sich auch nicht. Ich habe schon als Kind Sendungen moderiert, Texte und Hörspiele gesprochen. Sprechen ist das Einzige, was ich wirklich kann. Echt finster, es ist mir vorher noch nie passiert, dass Menschen schon etwas ablehnen, bevor ich was gemacht habe.
Nicht mal bei Anke Late-Night?
Nein, das war etwas völlig anderes. Da ging es um Vorgaben, Erwartungshaltungen, sich nicht in irgendwas reinpressen zu lassen. Bei der Marge gibt es ein Original, das man nicht senden kann, weil wir eine andere Sprache sprechen. Also wird synchronisiert.
Würden Sie sich wünschen, dass weniger synchronisiert wird? Unsere Sicht auf Originaltexte ist durch die permanente Übersetzung ja sehr verwaschen.
Ich sehe gern Sachen im Original. Aber es ist vermessen und ein bisschen arrogant, mehr davon zu fordern. Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Meine Nachbarin womöglich nicht.
Vielleicht würde sich deren Sprachenverständnis bessern, gäbe es wie in Skandinavien mehr Originale.
Es ist eben ein Merkmal unseres Landes, so was nicht zu machen. Da sind wir verkrampft, die Fans manchmal auch, und das macht mich traurig.
Kann eine Serie wie die Simpsons das Publikum dafür begeistern?
Sie läuft hier seit siebzehn Jahren. Und, hat sich was verändert? Ich werde mich hüten, die Resonanz zu analysieren. So deutsch bin ich nicht. Ich kann nur arbeiten, wenn ich froh bin, an Dingen, die mich froh machen, weil mein Frohsinn sich dann überträgt. Wenn's gut läuft, bin ich ansteckend. Diese Euphorie ist das Ziel. Wenn man sein Talent gefunden hat, ist zu viel Analyse, also die ständige Beschäftigung mit sich und anderen, eher hemmend.
Haben Sie einen Lieblings-Charakter bei den Simpsons?
Na ja, ich kenne keinen so gut wie Marge, also finde ich die am geilsten.
Ist sie eine emanzipierte Frau?
Nein.
Aber selbstbewusst und willensstark.
So gesehen ist sie emanzipiert, aber heißt Emanzipation nicht: gleichberechtigt? Wenn ihre Wahl das Hausmütterchen ist, hat sie zwar die Hosen an, wie man so schön geschlechtsspezifisch sagt, ist aber nur bedingt emanzipiert. Nun komme ich aus dem Dunstkreis von Alice Schwarzer und bin da so was von geimpft und alert. Aber das gute an der Figur ist ja, dass sie nicht bemitleidenswert ist, nicht würdelos und armselig.
Und in ihrer Familie wächst eine echte Feministin heran - ihre Tochter Lisa.
Nur, dass sie nicht wächst.
Wird sie das irgendwann?
Moment, ich stell' Sie durch zu Matt Groening (dem Erfinder). Keine Ahnung. Obwohl er kürzlich sagte, jetzt sei so eine Art Halbzeit. Ich bin sehr gespannt auf den Film, den ich im Mai synchronisiere. Da packen die einiges rein.
Wollen wir zum Abschluss ein Simpson-Quiz machen?
Auf keinen Fall! Ich hab nicht alle siebzehn Staffeln gesehen, was erwarten Sie. Schön, Ute (Shaw, ihre Managerin) fällt mir auch in den Rücken. Warum nicht?, sagt Sie. Also . . .
Wie viele Kinder hat Apu, der indische Supermarktbetreiber?
Weiß ich nicht. Wie viele?
Achtlinge. Zweite Frage?
Keine Wissensfrage!
Also eine zu Marge: Nennen Sie drei Süchte, denen Sie mal verfallen war.
Bei mir hatte sie nur mit einem Putzzwang zu tun. Und weiter?
Spielen, Anabolika.
Ach, ich bin ständig auf die Probe gestellt, irgendwelche Andeutungen in den Dialogen oder Fragen des Regisseurs richtig einzuordnen. In der letzten Zeit haben öfter Fans protestiert, weil es da so komische Fehler in den Übersetzungen gab.
Idiome sind oft kaum zu übersetzen.
Und da frage ich mich, warum man nicht einfach den Mut hat, ein deutsches Idiom zu nehmen. Man darf Original und Übersetzung der Simpsons eigentlich nicht parallel hören, weil man da erkennt, wie viel fürs deutsche Ohr und die deutsche Welt verändert wird. Und übrigens: Man muss als Fan keine Spezialistin sein. Vielleicht liegt das an meinem fernsehfeindlichen Leben. Ich habe wie Marge zu viele kleine Dinge zu tun, um fernzusehen.
Raten Sie etwa davon ab?
Nein. Aber für mich ist es nichts, weil es sich auf mein Privatleben nicht gut anwenden lässt. Ich kann drei Kinofilme am Tag sehen, dreimal rein, in eine neue Welt und wieder raus. Aber zu Hause zu sitzen, gerade wenn es von Werbung unterbrochen wird - da denke ich, die rauben mir meine Zeit. Natürlich finanziert mich das, aber es entspricht nicht meinem Naturell.
Auf den Punkt gebracht: Sie lassen sich nicht gern berieseln.
Sie können mich auf überhaupt keinen Punkt bringen. Ich werde total gern berieselt und weiß nicht, woran mein komisches Fernsehverhalten liegt. Es gibt Sachen, da bleib ich hängen, meistens bei Freunden. Ich kann alles gucken, was Bastian Pastewka, Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst machen.
Die haben mehr Kredit bei Ihnen.
Die sind einfach gut.
Pastewka? Der läuft sich doch tot.
ANTWORT: Ich verstehe. Nur weil der Bastian ständig läuft, müssen Sie ihn nicht geil finden.
Werden Sie Kritiken lesen?
Also jetzt bin ich aber mal wirklich gespannt, wie die neuen Folgen ankommen. Aber Kritiken lesen? Nein, dann traue ich mich ja gar nicht mehr zu arbeiten. Wenn es allen gefällt, macht man was falsch, wenn es den richtigen gefällt, ist es gut. So, und jetzt muss ich los, meine Kinder stehen wahrscheinlich an irgendeiner Straßenecke und warten auf mich. Den Ärger hab ich Ihretwegen, überlegen Sie sich mal, wie Sie da wieder rauskommen. Meine Lieblingsblumen sind Ranunkeln.
Die gibt es doch gar nicht.
Tja. Dann checken Sie mal Ihr Blumenwissen.
Mach ich. Und beim nächsten Mal gibt es ein Blumenquiz.
Das ist auch wieder so ein Ding: Männer müssen nicht wissen, wie Blumen heißen.
Ein paar kenne ich.
Ja toll. Rosen, Tulpen, Nelken - alle Blumen welken. Ich lass' mich jedenfalls nicht auf den weiblichen Blumenfetischismus reduzieren. Übrigens: In welcher Folge kommt der vor bei den Simpsons?
Blumenfetischismus? Da können Sie mir jetzt ja werweißwas erzählen!
Richtig, das war eine Falle (lacht). Oh, hätte ich jetzt trumpfen können, Folge vierzehn, Mist. Und jetzt muss ich los.
Das Gespräch führte Jan Freitag.
Text: F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite 39
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