26. April 2009 Das alte Babylon liegt heute in Frankfurt am Main. An der der Bertramswiese lautet die Adresse. Hier ist der Hessische Rundfunk zuhause, dessen Führungsriege für Sprachverwirrung sorgt. Denn es heißt, der HR müsse bis 2012 rund 64 Millionen Euro einsparen. Und weil das so sei, müsse man auch beim Programm streichen und - die Nachrichtensendungen reduzieren, das hessenjournal am späten Abend und eine Ausgabe von Hessen Aktuell am Nachmittag. Die Entscheidung fällt heute auf einer Sitzung des Intendanten und der Direktoren. Am Dienstag werden die Mitarbeiter, von denen einige in der vergangenen Woche in gelben Solidaritäts-T-Shirts zur Arbeit erschienen waren, über die Folgen informiert.
Das klingt dramatisch, das klingt nach akuter Finanzkrise, doch wer diese Gleichung mitmacht, der geht den Programmchefs auf den Leim. Denn gespart werden muss beim Hessischen Rundfunk kaum und wenn, dann muss man das nicht beim Programm tun. Denn für sein Programm gibt der HR am allerwenigsten aus. Gilt bei anderen Anstalten die Faustregel, dass von den Einnahmen dreißig Prozent direkt ins Programm fließen, was bei Jahreseinkünften von mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr aus Gebühren für ARD und ZDF peinlich genug ist, wissen Insider, dass diese Quote beim HR noch weit niedriger liegt. Dafür leistet sich der Sender mit seinen 1750 festangestellten Mitarbeitern gigantische Overhead-Kosten, allein für die Fahrbereitschaft kurven 22 Festangestellte herum. Um das Programm kümmert sich derweil eine - im Vergleich dazu - Handvoll freie Mitarbeiter.
Von Krise keine Spur
Schaut man auf die Zahlen, erkennt man, dass beim HR von einer Krise nicht die Rede sein kann: 485 Millionen Euro hat der HR dieses Jahr, das ist der höchste Etat in der Sendergeschichte, 31 Millionen Euro liegen auf der hohen Kante. Als der Intendant Helmut Reitze den Etat für 2009 im vergangenen Dezember vorstellte, ging er davon aus, ein Plus von sechs Millionen Euro zu machen. Allerdings seien auf die nächsten vier Jahre gesehen, Mindereinnahmen von dreißig Millionen Euro zu verzeichnen. Da stellt sich die Frage, ob der Intendant seine Mathe-Aufgaben gemacht hat und wie innerhalb von vier Monaten aus dreißig Millionen 64 Millionen Euro werden konnten und wofür die Rücklagen da sind.
Zum anderen gilt es zu beachten, dass es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht wirklich weniger Geld in absoluten Zahlen gibt, es gibt nur von dem, was man an Mehreinnahmen erwartet, weniger, weil mehr Menschen von der Gebührenpflicht befreit werden. Es gab auch beim HR bis auf den heutigen Tag bei leichten Schwankungen nie wirklich weniger, das zeigen die letzten Jahre: 485 Millionen Euro Einnahmen sind es 2009, 472 Millionen wurden für 2008 erwartet, 2007 war es eine Million Euro weniger, 465 Millionen Euro waren es 2006, 2005 473 Millionen Euro und 2004 459 Millionen Euro.
Kürzer, später oder gar nicht mehr
Selbst wenn bis 2012 besagte 64 Millionen Euro einzusparen sind, dann bedeutet das eine Reduzierung von sechzehn Millionen Euro pro Jahr, was bei einem Jahresetat von 485 Millionen Euro eine Sparquote von weniger als drei Prozent ausmacht. Für diese drei Prozent stellen die Verantwortlichen das Informationsprogramm des hessischen Fernsehens zu fast hundert Prozent in Frage.
Den Plänen zufolge soll eine der nachmittäglichen Hessen Aktuell-Sendungen wegfallen. Das halbstündige hessenjournal, das um 21.45 Uhr in Konkurrenz zum heute journal des ZDF und zu den Nachrichten vier anderer dritter Programme der ARD läuft, soll um die Hälfte oder noch stärker verkürzt und auf 22.15 Uhr oder 22.30 Uhr verschoben werden. All die netten Kleinigkeiten, die sich die Moderatoren Claudia Schick und Holger Weinert mit ihrer Redaktion bislang erlauben durften - vertiefende Liveberichte, Recherche, Gäste im Studio - wären passé. Das Gewicht läge allein auf der Hessenschau, die um halb acht läuft und auf Marktanteile von siebzehn Prozent kommt. Das hessenjournal muss bei fünf Prozent glücklich sein - was ob der Konkurrenz kein Wunder ist.
Ideenlosigkeit, nicht Geldnot
Man kann eine solche Entscheidung treffen. Aber dann sollte man bedenken, dass man damit das Profil dieses öffentlich-rechtlichen Programms deutlich verändert und man ganz nebenbei einer arrivierten Moderatorin wie Claudia Schick (die im Ersten Report München präsentiert) und einer populären Figur wie Holger Weinert die Spielwiese wegnimmt. Das Programm des HR strotzt nicht gerade vor unkonventionellen Typen wie ihm, der im hessenjournal die Dinge stets mit einem gesunden, ironisch grundierten Abstand betrachtet. An dem Tag des Ypsilanti-Untergangs etwa, als manche seiner Kollegen vor der Kamera Amok liefen, hielt er ganz lässig eine Ausgabe von Yps in die Kamera. Yps, das war bekanntlich das Jugendheft mit dem Gimmick, das sein Erscheinen vor Jahren einstellen musste.
Die Direktoren des HR und der Intendant sollten es sich zweimal überlegen, wen und was sie einstellen und sie sollten ihr Publikum nicht für dumm verkaufen. Ihre Entscheidung hat nichts mit Geldnot, sondern mit Ideenlosigkeit zu tun. Auf neue, innovative Sendungen hoffen wir beim HR ja schon gar nicht mehr, doch sollte man das Wichtige nicht auch noch streichen. Samstags, am frühen Abend, zeigt der HR jetzt übrigens eine tolle Serie. Notarztwagen 7 heißt sie und war zum Zeitpunkt ihres Entstehens topaktuell - 1975, als der HR noch nicht sparen musste.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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