Das "Wall Street Journal" hat sich an der Spitze des amerikanischen Zeitungsmarkts etabliert
Anfang August 2007 erfüllte sich der australisch-amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch einen Lebenstraum: Er kaufte, für gut 5,6 Milliarden Dollar, den Verlag und Finanzinformationsdienst Dow Jones and Company in New York. Zu dessen wichtigsten Publikationen gehörte seit Jahr und Tag die Tageszeitung Wall Street Journal. Um das führende Wirtschaftsblatt des Landes stand es seinerzeit freilich nicht gut. Die Zeitung war arg grau - inhaltlich wie äußerlich. Die Wirtschafts- und Unternehmensberichterstattung des Blattes war zwar tadellos, aber umfassende Informationen über das Weltgeschehen musste sich der Leser anderswo verschaffen.
Das Konzept, die Zweitzeitung für den wohlhabenden konservativen Investor zu sein, hatte das 1889 gegründete Blatt erfolgreich durch die Zeitläufte getragen. Doch das letzte Jahrzehnt des Journal beim Mutterkonzern Dow Jones war alles andere als glücklich. Der Anzeigenrückgang und die Konkurrenz des Internets forderten ihren Tribut, 1997 trug das Blatt kräftig zum ersten Verlust seit Menschengedenken für den Verlag bei. Die Erbengemeinschaft der Familie Bancroft kümmerte sich nicht um die Entwicklung von Verlag und Zeitung, das Blatt schlingerte zwischen halbherziger Modernisierung und trotziger Verstaubtheit.
Für die Präzeptoren des linksliberalen Medienestablishments stand vor zweieinhalb Jahren fest, dass das Ende des Wall Street Journal gekommen sei: Murdoch, so die Prophezeiung, habe die Traditionszeitung nur deshalb seinem globalen Medienimperium News Corporation einverleibt, um das Blatt auf dem Altar des Boulevard seinem kalten Profitstreben zu opfern. Es kam freilich ganz anders: Die Zeitung erlebte inhaltlich wie gestalterisch eine Frischzellenkur, aus der sie in jeder Hinsicht gestärkt hervorgegangen ist. Das dröge Wirtschafts- und Finanzblatt, dessen charakteristisches Bildelement die einspaltigen Porträts waren, ist zur führenden Qualitätszeitung für Politik, Wirtschaft und auch Kultur mit Farbfotos und Grafiken geworden; nur beim Sport hapert es noch, aber auch dafür haben Murdoch und der von ihm installierte neue Chefredakteur Robert Thomson schon Ausbaupläne.
Am auffälligsten waren der Ausbau des politischen Teils, der mit ausführlicher außenpolitischer Berichterstattung das erste Buch dominiert, sowie der Kommentarspalten. Die Wirtschafts- und Finanznachrichten sind in die beiden folgenden Bücher Market Place und Money and Investing relegiert. Die einst bleigraue erste Seite kommt nicht mehr ohne ein zwei- bis dreispaltiges Farbfoto aus, oft sind es sogar zwei, hinzu kommt eine Informationsgrafik, und auch der gezeichnete Porträtkopf fehlt nicht.
Die revolutionäre Altmodischkeit des Zeitungsverlegers Murdochs, der an diesem Donnerstag 79 Jahre alt wird, hat sich für das rundumerneuerte Wall Street Journal ausgezahlt. Während Qualitätszeitungen in aller Welt rigide sparten und den Personalbestand reduzierten, um schrumpfende Anzeigen- und Verkaufserlöse zu kompensieren, investierte Murdochs News Corporation in ihre neue Erwerbung, stellte Redakteure und Reporter ein, baute aus statt ab. Inzwischen ist das Wall Street Journal mit einer Auflage von gut zwei Millionen Exemplaren die auflagenstärkste amerikanische Tageszeitung, Umsatz und Gewinn sind angesichts einer schwierigen Marktlage bemerkenswert. Das Massenblatt USA Today fiel mit jetzt 1,9 Millionen Exemplaren auf den zweiten Rang zurück. Abgeschlagen auf dem dritten Platz unter den größten Zeitungen des Landes liegt die New York Times mit einer Tagesauflage von knapp 930.000 Stück.
Murdoch konnte mit dem Wall Street Journal auf dem amerikanischen Markt für Printmedien den Erfolg seines 1996 gegründeten Nachrichtensenders Fox News wiederholen. Weit vor CNN und MSNBC hat Fox News zu jeder Tageszeit die höchsten Einschaltquoten unter den Nachrichtenkanälen und überflügelt am Abend inzwischen sogar die Nachrichtensendungen der traditionellen Sender ABC, CBS und NBC mit deren zu nationalen Berühmtheiten hochstilisierten Anchors. Zudem genießt der Sender nach einer Umfrage vom Januar mittlerweile auch den Ruf der zuverlässigsten und vertrauenswürdigsten Nachrichtenquelle.
Von der regelmäßigen Erhebung State of the Media des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center weiß man, dass es unter den amerikanischen Journalisten weit mehr Linksliberale gibt als in der mehrheitlich konservativen Gesamtbevölkerung. Es ist mithin ein schlichtes Marktgesetz, dass es für konservativ geprägte Nachrichten- und zumal Kommentarangebote in den Printmedien wie auch im Fernsehen und zumal im Radio eine deutlich höhere Nachfrage gibt als auf der Linken, wo sich die meisten Journalisten und Anbieter in einem zunehmend selbstreferentiellen System drängen, das sie irrtümlich für die Wirklichkeit halten und das immer weniger von ihnen ernährt.
Doch mit diesem gleichsam natürlichen und für ihn äußerst profitablen Marktvorteil gibt sich Murdoch nicht zufrieden. Als nächste Herausforderung hat er sich eine Art Titanenkampf mit seinem Lieblingsfeind herausgesucht: mit der New York Times. Von April an wird das Wall Street Journal, so enthüllte Murdoch jüngst auf einem Forum für Geschäftsleute, mit einer Lokalbeilage für New York erscheinen. Ohne den Konkurrenten auch nur beim Namen zu nennen, sagte Murdoch über eine gewisse andere New Yorker Tageszeitung, diese habe vor lauter Streben nach Journalistenpreisen und nationaler Reputation faktisch die lokale Berichterstattung über die Stadt und auch über den Bundesstaat New York aufgegeben. Damit habe das Blatt die faszinierendste Stadt der Welt aus den Augen verloren - und ihm selbst eine Marktlücke eröffnet. Das neue tägliche New-York-Buch des Wall Street Journal werde voller Farbe und voller Leben sein, versprach Murdoch, es werde über alles berichten, was New York groß macht. Und Murdochs Leute ließen durchsickern, die ersten Werbekunden seien mit saftigen Anzeigenaufträgen schon zum Wall Street Journal übergelaufen.
Außerdem brüstete sich Murdoch damit, dass zu Zeiten, in denen Zeitungen die deprimierendsten Nachrichten oft über ihr eigenes Metier brächten, nur in seinem Haus eine neue Abteilung entsteht und neue Reporter und Redakteure eingestellt werden. Es ist abermals eine radikal altmodische Idee, die Murdoch in New York zu verwirklichen sucht: ein Vernichtungsfeldzug einer Zeitung gegen einen finanziell schwer angeschlagenen Wettbewerber, der sich ohne die Investitionen des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim kaum mehr über Wasser halten könnte und dessen Reputation wegen gefälschter und erfundener Reportagen stark gelitten hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa