Mario Barth

Der Siegeszug des unmodernen Mannes

Von Jörg Thomann

28. November 2007 Der moderne Mann steht im Ruf, ein kompliziertes Wesen zu sein. Er hegt vielschichtige Bedürfnisse, füllt verschiedenste Rollen aus und hat nichts mehr gemein mit dem simpel gestrickten Vorgängermodell früherer Epochen. So bemüht sich heute auch das Fußballheft „Kicker“ darum, seine Helden in allen Facetten zu erfassen, und fragt, welchem Buch sie ihre reichliche Freizeit widmen.

Es gibt indes Männer, die sich dem Trend verweigern. „Ich habe noch nie eines bis zum Ende gelesen, weil ich nicht jemand bin, der stundenlang still dasitzen und lesen kann“, sagt der Nationalstürmer Mike Hanke. „Ich brauche immer Action.“ Eine ernüchternde Antwort. Doch wenigstens hat sich der Buchboykotteur unlängst ein Bühnenprogramm zu Gemüte geführt: „Mario Barth, der ist einfach überragend.“

Das Publikum tobt auch ohne Pointe

Hanke ist kein Einzelfall. Mario Barths Bühnenprogramm „Männer sind primitiv, aber glücklich“ läuft seit Anfang 2006 und ist allerorten ausverkauft; bis zum Abschluss der Tour im Juli 2008 werden 1,5 Millionen Menschen die Auftritte gesehen haben. Ein Barth-Zusammenschnitt bei RTL, wo der Komiker von Freitag an eine eigene Show moderiert, erreichte in der jüngeren Zielgruppe einen sagenhaften Marktanteil von 30,1 Prozent. Seine DVD landete an der Spitze der Album-Charts. Und auch denjenigen, die der Marotte des Lesens nicht abschwören wollen, hat Barth etwas zu bieten: Vom Wörterbuch „Deutsch - Frau, Frau - Deutsch“ wurden 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Der nächste Rekord ist fest verbucht. Seinen Auftritt am 12. Juli 2008 wird Barth im längst ausverkauften Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuschauern absolvieren; ein solches Publikum dürfte ein Solo-Komiker wohl auf der ganzen Welt noch nicht versammelt haben.

All diese Zuschauer erleben ein Programm, das mit Laserlicht und Feuerwerk beginnt. Dann betritt ein Mittdreißiger in Jeans und T-Shirt die Bühne und erzählt im Berliner Dialekt von seiner Freundin, die er im Laufe des Abends nur noch „die“ nennt. Der häufigste gegen Mario Barth vorgebrachte Vorwurf lautet, sein Humor sei frauenfeindlich. Das trifft zu und ist doch nur die halbe Wahrheit, kommen doch beide Geschlechter gleichermaßen schlecht weg.

In der von ihm verbreiteten Weltsicht ist der Mann auf einem bestürzend niedrigen Stand der Evolution stehengeblieben; mit der Zufuhr von Nahrung und ihrem geräuschvollen Ausscheiden ist er hinreichend ausgelastet. Die Frau hingegen hat sich weiterentwickelt, aber in keine gute Richtung. Sie redet zu viel, kauft zu viel ein, braucht zu lange im Bad und raubt dem Mann den Nerv. Zweieinhalb Stunden erzählt Barth solche Sottisen, nennt die Menstruation die „weibliche Meinungsverschiedenheit mit sich selber“, zieht Grimassen und hechtet über die Bühne. Es gibt keine Requisiten und keine Musik. Es gibt nur Barth. Das Publikum, Frauen wie Männer in T-Shirts mit Barth-Sprüchen, tobt. Am Ende dehnt Barth die Nummern länger und länger, ruft ständig „Pass uff!“ und „Is' wahr!“ und präsentiert dann doch keine echte Pointe. Er braucht es gar nicht mehr.

Die Konkurrenz wendet sich mit Grausen

Außerhalb der Hallen findet man die Erfolgsstory irritierend. Äußern sich Kollegen, die natürlich auch Konkurrenten sind, dann klingt es fast, als gehe es um eine gefährliche Seuche. „Er ist ein Phänomen, das mir den Atem verschlägt“, sagt Bastian Pastewka. „Dessen Humor ist definitiv nicht meine Welt“, urteilt Harald Schmidt. Barth fülle Hallen mit 20.000 Menschen „mit einem einzigen Gag“, klagt der Autor Heinz Strunk. Entspannter zeigt sich Oliver Pocher: Er hat eine Mario-Barth-Parodie einstudiert, die aus vielen „Boah ey“-Rufen besteht. Allmählich kommt auch die seriöse Presse nicht mehr an Barth vorbei.

Der schmerzlose „Spiegel“-Reporter Henryk M. Broder hat sich dessen Programm angetan und rächt sich mit dem Genreklassiker der Publikumsbeschimpfung: Barth ist doof, seine Witze sind doof und seine Zuschauer sind es auch, Vokuhila- und Goldkettchenträger allesamt und „extrem einfach gestrickt“. Dabei mutet nicht nur seltsam an, dass dieselben Kritiker, die Barth seine schlappen Späße vorwerfen, Überschriften mit Namenswitzen wählen wie „Beim Barth des Mannes“ oder „Witz mit Barth“; wir warten noch auf „Barth des Proleten“ und „Barth in der Menge“. Merkwürdig ist auch, dass die Schwenks durchs Auditorium eine Menge Leute zeigen, die hinten kurz und gar kein Kettchen tragen. Warum verfallen auch sie, die hier doch nichts zu suchen haben dürften, in den kollektiven Lachrausch?

Die Sehnsucht nach Simplizität

Barths Humor ist voraussetzungslos und in seiner konsequenten Beschränkung fast wieder originell. Jeder, wirklich jeder kann hier alles verstehen - auch weil es nicht, wie bei etlichen Kollegen, um Fernsehen, Prominente oder Politiker geht. Der Horizont dieser Bühnenfigur reicht bis zur Tür der eigenen Wohnung. Wer sich in den Nummern nicht wiedererkennt, mag sich zumindest an eine Lebensphase erinnert fühlen, die er überwunden hat. Schlichte Gemüter dürfen Barth und seine Sprüche cool finden und eins zu eins nehmen. Man kann aber auch die Möglichkeit nutzen, herabzuschauen auf dieses wild herumhampelnde Prachtexemplar des unmodernen Mannes, für den schon als extravagant gilt, wer Zucchini verspeist und einen Korkenzieher besitzt.

„Ich bin schon sehr konservativ“, sagt der gelernte Elektriker Barth über sich selbst; er schwärmt von Mutters Gänsebraten und betont, dass die ganze Familie mit ihm zusammenarbeite. Mit seinen Auftritten erfüllt er, bei allen vulgären Ausfällen, eine Sehnsucht nach traditionellen Werten und nach Simplizität. Wer keine anderen Probleme hat als die Tatsache, dass seine Freundin die Fernbedienung stets auf den Fernseher legt, der muss in der Tat ein glücklicher Mann sein. So lässt Barth seinen Geschlechterkampf vor der Kulisse einer heilen Welt toben, die die Zumutungen des modernen Lebens nicht kennt, und liefert der Globalisierungsgeneration mit seinem Programm das, was für ihre Großeltern der Heimatfilm war. Da ist es konsequent, dass Barth jetzt ins Kino drängt und eine Tragikomödie ankündigt. Es passt: Zum Lachen oder zum Weinen bringt er die Leute ja jetzt schon.

„Mario Barth präsentiert“ läuft am Freitag um 21.15 Uhr bei RTL.



Text: F.A.Z., 28.11.2007, Nr. 277 / Seite 40
Bildmaterial: AP, RTL

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