„Spiegel“-Geschäftsführer Seikel

Unter Augstein war es eine große Zeit

Führte jahrzehntelang den Spiegel-Verlag:  Karl Dietrich Seikel

Führte jahrzehntelang den Spiegel-Verlag: Karl Dietrich Seikel

18. Dezember 2006 Beim „Spiegel“ in Hamburg ist an diesem Montag großer Bahnhof. Der Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel wird verabschiedet, er hat den Verlag jahrzehntelang geführt. Die Gesellschafter und der Chefredakteur Stefan Aust werden ihn offiziell würdigen. Wir haben Seikel, der in der Branche geradezu als Institution gilt, gefragt, was nach 27 Jahren „Spiegel“-Zeit bleibt.

Sie verlassen als Geschäftsführer den „Spiegel“. Was werden Sie vermissen?

Die Frage hat mir meine Frau neulich gestellt, als ich in meine letzte Gesellschafterversammlung ging. Ich habe ihr gesagt: Wenn du mich so fragst - die Gesellschafterversammlung werde ich nicht in erster Linie vermissen.

Sondern?

Ich habe das große Glück gehabt, 27 Jahre lang mit Lust und Freude im Spiegel-Verlag arbeiten zu dürfen, ich war sechzehn Jahre lang Geschäftsführer. In den Runden, in denen sich die Branche trifft, komme ich mir schon als Vertreter einer älteren Generation vor. Ich vermisse nichts, ich habe so vieles gehabt. Im Gegenteil, ich freue mich auf Dinge, die privat ein wenig zu kurz gekommen sind. Für die Branche werde ich noch tätig sein. Ich werde den Vorstand der Publikumszeitschriften im Verlegerverband bis zum nächsten Herbst führen. Und ich werde auch noch das eine oder andere Projekt für den „Spiegel“ begleiten.

Sie hatten es als Geschäftsführer mit einer besonderen Gesellschafterkonstruktion zu tun. Man wundert sich, daß Sie das so lange überstanden haben.

Daß die Gesellschafterkonstruktion ein Problem sei, bestreite ich. Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und ist es Aufgabe des Geschäftsführers, die irgendwie auf eine Linie zu bringen. Aber das ist eine spannende Sache. Ich halte unsere Gesellschafterstruktur nicht für schwieriger als etwa bei Springer oder Gruner + Jahr. Bei Springer haben sich die Verhältnisse erst stabilisiert, seit Friede Springer die Mehrheit hat. Die Tatsache, daß Gesellschafter Interessen formulieren, die ist bei vielen Unternehmen genauso wie beim „Spiegel“.

Das Besondere ist, daß die Mitarbeiter beteiligt sind. Ich bin aber absolut der Meinung, daß das Mitarbeitermodell, das Rudolf Augstein sehr früh einrichtete, dem „Spiegel“ sehr geholfen hat. Für uns als mittelständisches Unternehmen war diese Konstruktion hilfreich. Denken Sie nur daran, wie viele ausländische Investoren - ich will nicht den Begriff von Franz Müntefering strapazieren - die deutsche Verlagswelt durchstöbern. Dagegen ist der Spiegel-Verlag durch seine Struktur gefeit.

Aber die Mitarbeiter-KG hat hinter Ihrem Rücken einen Nachfolger für Sie gesucht. Läßt Sie das kalt?

Mir hat nicht gefallen, daß wir nichts voneinander wußten, denn ich habe parallel gesucht. Wir kamen erst miteinander ins Gespräch, als ich jemanden hatte und sagte: Guckt euch den einmal an. Dann hat die Mitarbeiter-KG gesagt: Ja, wir haben auch einen. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Der Ablauf war vielleicht nicht ganz so professionell.

Aber Ihnen hat doch mißfallen müssen, was Jakob Augstein zu Ihrem Ausscheiden gesagt hat. „Stärkere Hände“ in der Geschäftsführung hat er in einem Interview mit dieser Zeitung gefordert.

Da war ich enttäuscht. Das habe ich nicht erwartet, denn wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Ich kenne Jakob Augstein schon sehr lange, er war zu Lebzeiten seines Vaters Gast in den Gesellschafterversammlungen. Er weiß also, was hier passiert ist und was nicht. Deshalb war ich überrascht und enttäuscht.

Wie war Rudolf Augstein?

Mit Rudolf Augstein - das war eine große Zeit. Es lag nicht in meiner Erwartung, einmal den Spiegel-Verlag zusammen mit Rudolf Augstein führen zu dürfen. Es gab einige, die mir damals sagten: Da stehst du spätestens nach zwei Monaten zum ersten Mal im Regen. Das ist nie passiert. Rudolf Augstein hat sich immer hinter mich gestellt, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung waren. Es war ein großes Vergnügen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben Projekte befördert und gestoppt, etwa das Magazin „Adler“, das Jakob Augstein wollte. Kann es nicht sein, daß die Gesellschafter mit ihren Interessen den „Spiegel“ behindern?

Nein. Ich glaube an die Vernunft. Ich habe bei Jakob Augstein nicht gesehen, daß er unsere Entscheidung gegen das Projekt nicht akzeptiert hat. Im Printbereich muß man zur Kenntnis nehmen, daß wir es mit einem gesättigten Markt zu tun haben. Ein neues Objekt muß andere verdrängen, oder es muß ein Monopol knacken - so wie es „Focus“ gelungen ist, das „Spiegel“-Monopol zu brechen. Nachhaltigen Erfolg durch Verdrängung haben Sie nur mit einer verdammt guten Idee.

Wie stellt sich der „Spiegel“ heute auf, angesichts immer größer werdender Konkurrenz, die alle Märkte zugleich bedient - Print, Rundfunk, Online?

Unser größtes Engagement muß natürlich dem „Spiegel“ gelten, das ist ganz klar. Aber: Wir haben uns sehr früh mit den neuen Kanälen beschäftigt. Dazu zähle ich Fernsehen und Internet. Wenn sich ein Verlag über seine journalistische Leistung definiert, dann ist die Frage, wie er liefert, gedruckt, gesendet oder übers Internet, für mich sekundär. Ich habe das Internet nie als Konkurrenz, sondern als Komplementär empfunden, das ist bei einem Wochenmagazin vielleicht einfacher als bei einer Zeitung.

Wir haben investiert, im Fernsehen wie im Internet, und schnell Geld verdient. Wir haben dort eine ordentliche Umsatzrendite, das Wachstum des Spiegel-Verlags insgesamt läuft vor allem über die Töchter. Und wir dürfen nicht zum Stillstand kommen. Wir haben sehr interessante Pläne für die Integration von Fernsehen und Online. Wir werden Elemente von „Spiegel TV“ im Internet anbieten, Das ist hoch spannend, auch für die Anzeigenkunden. Wir haben beste Voraussetzungen, den Vorsprung, den wir heute schon haben, noch auszubauen.

Wie geht es mit dem „Spiegel“ weiter?

Er wird wachsen. Im Fernsehen und im Internet. Wir werden aber auch das eine oder andere Printobjekt verfolgen, wir beschäftigen uns mit einem Kulturmagazin, da kommt demnächst ein Dummy. Wir haben ein Projekt für das „manager-magazin“, eine Art Lifestyle-Heft. Und wir haben positive Daten zur Einführung einer internationalen monatlichen Edition des „Spiegels“. Das alles wird vorangetrieben, Es muß einem um die Zukunft dieses Unternehmens nicht bange sein.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z., 18.12.2006, Nr. 294 / Seite 42
Bildmaterial: dpa

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