04. März 2008 Wenn wir eine Wette eingehen sollten, wie die SPD-Spitze den späten Montagabend verbracht hat, dann würden wir sagen: vor dem Fernseher, um Andrea Ypsilanti bei Reinhold Beckmann zu sehen. Und so aus erster Hand zu erfahren, worauf gerade die neue Linie der Partei lautet. Und wie hoch die Aktien von Kurt Beck stehen. Sie stehen wider Erwarten gut, möchte man meinen, wenn man Andrea Ypsilanti hört, die eine Parteisoldatin im Dienste des Vorsitzenden ist, die noch jede neue Volte, die jeden Marschrichtungswechsel - die Augen links! - mit brutalstmöglichem Charme als selbstverständlich und die größten Widersprüche als reine Harmonielehre darzustellen weiß.
Dabei allerdings, das zeigt das fast halbstündige Gespräch mit Reinhold Beckmann ganz deutlich, leidet sie am Morbus Schröder in fortgeschrittenem Stadium. Der ehemalige Bundeskanzler hatte am Abend seiner Abwahl wenigstens ein paar Stunden nach Schließung der Wahllokale begriffen, dass er nicht gewonnen hatte. Andrea Ypsilanti aber glaubt bis heute, dass sie die Wahl in Hessen gewonnen hat und Ministerpräsidentin werden muss. Die Wähler, die Hessen, ja die ganze Welt scheint es so zu wollen. Was also kann falsch daran sein, wenn die Linkspartei ihr hilft, den Gerhard zu machen?
Vielleicht geht es ja auch um staatspolitische Verantwortung?
Reinhold Beckmann macht es ihr jedoch ziemlich schwer, die Widersprüche locker wegzulächeln und durch hohle Semantik dialektisch aufzulösen, was zuvor als unverrückbarer Gegensatz galt. Zum Beispiel das mit Abscheu und Empörung heruntergebetete Nie mit der Linken, das die SPD vor der Wahl angestimmt hatte. Keine Koalition, keine Duldung, kein Garnichts. Und jetzt? Eine kleine Wahl der Ministerpräsidentin zwischendurch. Ist das kein Wortbruch? Ist es nicht, wenn wir Andrea Ypsilanti folgen. Denn ihr Wort, dass sie die Studiengebühren abschaffen, die Bildungspolitik verändern und in die soziale Moderne aufbrechen will, das will sie auf gar keinen Fall brechen. Also muss sie abwägen. Wir können uns denken, wie die Abwägung im hessischen Landtag am 5. April ausfällt.
Aber - wie sagt Andrea Ypsilanti immer, also auch bei Beckmann: Es geht nicht um mich. Allerdings geht es schon darum, dass sie sich als Ministerpräsidentin zur conditio sine qua non der Regierungsbildung in Hessen erklärt hat. Doch hätte sie nicht die Chance gehabt, die CDU direkt nach der Wahl mit dem Angebot einer großen Koalition zu überfahren, unter SPD-Führung, aber vielleicht ohne sie an der Spitze, um aus dem Eitelkeitsduell mit Roland Koch herauszukommen? Als Beckmann das fragt, beginnt Andrea Ypsilanti, wie stets, wenn es schwierig wird, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen: Warum soll jemand, der diese Partei zusammengeführt hat, der einen hervorragenden Wahlkampf gemacht hat, der ein wirklich neues Programm aufgelegt hat, der persönlich soviel Zustimmung gekriegt hat - auch in den persönlichen Werten -, warum soll der verzichten zugunsten einer Partei, die abgewählt wurde? Tja, warum wohl? Um der staatspolitischen Verantwortung willen vielleicht, die man bei jeder Gelegenheit gerne von anderen - der FDP zum Beispiel - abfordert? Es geht nicht um mich, sagt Andrea Ypsilanti. Natürlich nicht.
Auf einmal steht Beckmann ohne die zweite Namenshälfte da
Das Gespräch bei Beckmann ist eine Lehrstunde, wie wir sie im ZDF wahrscheinlich im ganzen Jahr nicht erleben. Denn obwohl Andrea Ypsilanti partout auf keine Frage des Moderators eine klare Antwort geben, sondern den Wahlkampf weiterführen und sich selbst als unfair Verfolgte darstellen will, erfahren wir doch eine Menge: Eine große Koalition wird es nicht geben, weil die hessische CDU nicht satisfaktionsfähig ist; die FDP hat einen netten Brief, aber kein inhaltlich fassbares Angebot für eine Regierungszusammenarbeit bekommen; die Grünen machen auf jeden Fall mit, egal wobei; und die Linken (soweit ich weiß, sind da keine mit einer schwierigen Vergangenheit dabei) werden am 5. April, so sie will - man kann nicht ausschließen, dass ich zu dieser Entscheidung komme - , Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin wählen, mit jeder einzelnen Stimme, so wie die Mitglieder der SPD-Landtagsfraktion auch.
Jetzt darf der Fraktionschef Jürgen Walter zwar noch reden (und gegen die Linken wettern), dann aber darf und wird er zustimmen. Und Kurt Beck hat sowieso und immer recht und darf auch einmal mit Grippe darniederliegen und - angeblich - nicht zu erreichen sein. Kurt Beck hat sogar so sehr recht, dass Andrea Ypsilanti dem guten Beckmann mitten im Gespräch einmal die zweite Silbe seines Namens nimmt: Nochmal, Herr Beck. Was für ein Versprecher. Es geht nicht um mich. Herr Beck, äh, Beckmann.
Dann kam einer, dem es wirklich nicht um sich geht
Das ist die erste Runde an diesem späten Abend, und sie ist gut. Danach wird es - sehen wir einmal vom Auftritt von Heidemarie Wieczorek-Zeul ab - ganz anders und noch viel besser. Denn es geht um den Schauspieler und Aufbauhelfer in Äthiopien, Karlheinz Böhm, dem in einer Zuspielung der Regisseur Martin Scorsese zum bevorstehenden achtzigsten Geburtstag, zu seiner Schauspielkunst und vor allem zu seiner Darstellung in dem legendären Film Peeping Tom von Michael Powell gratuliert. Böhm, der mit seiner ein ganzes Land umspannenden Aktion Menschen für Menschen ein großer Helfer ist, aber nicht zu großen Gesten oder Sentimentalitäten neigt, ist wie vom Donner gerührt und es hat so gar nichts Peinliches. Zum guten Schluss passt sogar Wladimir Klitschko in die Runde, weil der im Ring nicht nur Weltmeistergürtel sammeln, sondern The People‘s Champion werden will. So ein Champion der Herzen, meinte Klitschko, wie Karlheinz Böhm längst einer sei, weil es diesem tatsächlich nicht mehr um sich, sondern um andere und das große Ganze gehe.
In Hessen wird noch nach einem Champion gesucht: Wie sagt Andrea Ypsilanti? Es geht nicht um mich. Wenn man das lange genug sagt, fangen die Leute irgendwann an, es zu glauben. Und dann wird man Champion, auch als Linksausleger.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP