Von Stefan Niggemeier
08. Juli 2007 Darüber kann man natürlich lange streiten, ob Rudi Carrell das gewollt hätte: Dass zu seinem ersten Todestag seine größten Show-Momente in kleine Schnipsel zerhackt von Schnipselkommentierern wie Aleksandra Bechtel und Ralf Möller kommentiert würden, natürlich ebenfalls in Form kleiner Zitatschnipsel.
Wir sehen noch einmal, wie Muhammad Ali 1975 in Am laufenden Band mit einem Mütterchen in den Ring steigt, seine Knie schlottern lässt und sich umstandslos von ihr k.o.-schubsen lässt, während Carrell sich im Hintergrund - ausnahmsweise nicht der kontrollierte Superprofi - wegwirft vor Lachen. Aber vor diese Szene hat die Technik nun die Moderatorin Susanne Fröhlich kopiert, die sagt, da wären sicher viele Frauen gerne mit im Ring gewesen, und den Tagesschau-Sprecher Jan Hofer, der sagt: Hoho, der hätte nur einmal treffen müssen, und den angeblichen Komiker Paul Panzer, der sagt: Der hat sich doch fallen lassen.
Alle abgewatscht
Man weiß nicht, ob Rudi Carrell das gewollt hätte. Vermutlich hätte er es ausgehalten, ein bisschen grimmig geguckt und hinterher in einem Interview alle als Nichtskönner abgewatscht. Und vor Ort hätte er vielleicht noch zu verhindern versucht, dass zum Auftakt der Show alle Gäste gemeinsam auf der Bühne stehen und Showmaster war sein Beruf singen, obwohl höchstens ein Viertel der Sänger sich sowohl an den Text als auch die Melodie erinnern konnte.
Andererseits: Vielleicht hätte ihm, der wirklich nicht an falscher Bescheidenheit litt, gerade das gefallen: Dass das Fernsehen zeigt, was für ein Großer er war, indem es sein Talent und Handwerk ungewollt mit dem heutigen Showalltag kontrastiert. Moderiert wurde Danke, Rudi von Bernd Stelter, den die ARD vor einigen Wochen wieder unter Vertrag genommen hat, und obwohl er sich viel Mühe gab, fast staatsmännisch durch den Abend zu führen, gab es immer wieder Momente, in denen das Gespräch stockte, in denen es plötzlich ungeplante Emotionen gab und in denen er sehr hilflos wirkte. Und auch da erinnerte man sich wehmütig an Rudi Carrell und seine Art, die manchmal sehr geplant und nicht immer warmherzig wirkte, bei der man sich als Zuschauer aber jederzeit auf sein Geschick verlassen konnte, alle Situationen aufzufangen.
Trauriger Anlass, fröhliche Show
Die Tochter Carrells hatte vor der Sendung Kritik geübt, dass die ARD seinen ersten Todestag als Anlass für diese Show gewählt hatte und nicht zum Beispiel seinen Geburtstag. Und tatsächlich tat sich die Sendung manchmal schwer, den richtigen Ton zu finden angesichts des traurigen Anlasses für eine natürlich überwiegend fröhliche Show: Die Macher hatten zum Beispiel das Publikum zu Beginn stehen lassen, wohl als Zeichen der Ehrerbietung. Aber schon zwei Minuten später, als Carrell mit einem Golfspieler zu sehen war, der einen Ball aus seinem Mund wegschlagen sollte, machte Paul Panzer den Witz, dass viele damals wohl gehofft hätten, der Spieler möge daneben treffen: Zack, die Rübe ab zurück nach Holland.
Der Abend wurde dann doch nicht so schrecklich, wie der Auftakt befürchten ließ. Auf dem Sofa, auf dem nacheinander ungezählte Nachfolger, Weggefährten und Skechtpartner Platz nahmen, entwickelten sich gelegentlich Gespräche, die Carrell würdigten, ohne ihn zu verklären. Die Kollegen erzählten von seiner Begabung, seinem Fleiß und seiner Professionalität, aber auch von seinen Schwächen. Bernd Stelter drückte sich nicht vor der schönen Frage: Was hatte Rudi, was wir alle nicht haben, Beatrice Richter schilderte, wie sie einmal erstaunt menschliche Züge an Carrell festgestellt hatte, und Jürgen von der Lippe erklärte seine Bewunderung für Carrells schöne Distanz zu Vorgesetzten: Ich brauche diese Arschlöcher, habe er gesagt, die mir vor der Sendung erzählen, wie Humor geht.
Ein Laith-Al-Gramm
Die ARD hatte sich sichtlich Mühe gegeben, die Show wie eine große Show wirken zu lassen. Es gab eine Big-Band und Live-Gesang, und offenbar glaubte sie, dass es umso eindrucksvoller ist, je mehr Menschen man einlädt und in Einspielern zu Wort kommen lässt. (Einige ursprünglich angekündigten Teilnehmer wie die Scorpions, Gaby Köster und Guildo Horn fehlten dann aber doch.) Dennoch wirkte alles im Vergleich so klein, so vernachlässigenswert; vor allem die Versuche, das nachzustellen, was Rudi Carrell gemacht hatte: Andy Borg und Marijke Amado sangen ein Medley seiner Lieder, drei Nachfolger Carrells als Herzblatt-Moderatoren spielten eine Variante der Kuppelshow mit einer Angela-Merkel-Parodistin, und der Sänger Laith Al-Deen brachte der Über-90-jährigen, die vor zwanzig Jahren von Rudi Carrell mit einem Wiedersehen mit einer befreundeten türkischen Familie überrascht wurde, etwas, das angeblich ein Rudigramm sein sollte. Aber das Lied hatte nicht einmal etwas mit ihr zu tun, es war nur der Carrell-Song Du bist mein Hauptgewinn, und der Sänger stand hilflos und ungelenk hinter der alten Dame, die auch nicht wusste, wie ihr geschah, und das hätte Carrell, der schroffe Profi, sicher so nicht durchgehen lassen.
Diese Versuche, den großen Showmaster durch Nachahmung zu ehren, mussten schiefgehen - nicht nur, weil er eine Ausnahmeerscheinung war und viele der Beteiligten dieser Sendung eher Alltagspersonal. Sondern auch, weil es, wie die Ausschnitte zeigten, eine andere Fernsehzeit war, in der das Medium und seine Protagonisten eine ganz andere Bedeutung hatten. Wenn Rudi Carrell mit dem jungen Heintje aus Tulpen aus Amsterdam ein selbstironisches Nulpen aus Amsterdam machte, war das Gesprächsstoff für Tage und Wochen - und der Grund dafür, warum es auch über dreißig Jahre später noch bewegt und fasziniert.
Was bleibt, fragte Bernd Stelter zum Schluss, und Jürgen von der Lippe antwortete: Auf jeden Fall für die nächsten 50 Jahre: Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: WDR/Max Kohr
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