Horst Tappert

„Derrick“ ist tot

Von Michael Hanfeld

Horst Tappert, 1923 - 2008

Horst Tappert, 1923 - 2008

15. Dezember 2008 Welche Bedeutung Horst Tappert für das deutsche Fernsehen, ja, für das Ansehen Deutschlands in der Welt hatte, davon konnte man sich im eigenen Land kaum je ein Bild machen. Zwar lässt sich nachzählen, dass die Krimiserie „Derrick“, in der Tappert fünfundzwanzig Jahre lang und über 281 Folgen hinweg den gleichnamigen Oberinspektor spielte, in angeblich 108 Ländern lief und läuft und weiterhin laufen wird. Aber man muss diesen Tappert alias Derrick schon einmal auf einem Bildschirm am anderen Ende der Welt gesehen haben, synchronisiert in einer anderen als dem halben Dutzend Weltsprachen, um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Identifikation sich an einer populären Fernsehfigur festmachen kann. Zumal an einer, deren Darsteller, anders als Schauspieler es sich wünschen, tatsächlich in ihr aufging.

Nach den ersten Folgen von „Derrick“, der im Oktober 1974 im ZDF auf Sendung ging, war noch nicht abzusehen, dass es für Horst Tappert gar keine andere Rolle mehr als diese geben würde, ganz gleich, was er auch versuchte. Er war Derrick und blieb es, aus dem eleganten Gangster, den er 1966 in dem Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ gespielt hatte, war der Kriminalbeamte schlechthin geworden, mit Betonung auf „Beamter“.

Bewerbung als Buchhalter

Dazu will, im Nachhinein gesehen, Tapperts gesamte Vita passen. Am 26. Mai 1923 in Wuppertal-Elberfeld als Sohn eines Beamten geboren, absolvierte Tappert nach der Hauptschule eine kaufmännische Lehre. Er wurde zur Wehrmacht eingezogen, geriet in Kriegsgefangenschaft und bewarb sich nach dem Krieg am Theater in Stendal - als Buchhalter. Der Spielleiter aber holte den zurückhaltenden jungen Mann auf die Bühne. Tappert nahm Schauspielunterricht, seine Engagements führten ihn an die Theater in Göttingen, Kassel, Bonn, Wuppertal und die Münchner Kammerspiele; als Gastschauspieler wirkte er am Bayerischen Staatsschauspiel, er trat in zahlreichen Kinofilmen auf, von der „Trapp-Familie in Amerika“ (1958) bis zu Simmels „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970). Dann kam das Fernsehen, dann „Derrick“, dann kam die Symbiose, die Epoche machte.

Was es damit auf sich hatte, das kann kaum jemand besser beurteilen als der ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke, der, wenn man ihn als Zeugen aufruft, sagt, was es zu Tappert und Derrick zu sagen gibt: „Ich bin noch einmal wirklich davon beeindruckt, wie sehr Horst Tappert dieser Figur ,Derrick‘ ganz und gar das Seine gegeben hat. Tappert und Derrick sind identisch. Tappert hat diesen Polizisten restlos verkörpert, einen Ermittler, der dem Täter durch Verständnis auf die Spur kommt; einer, der sehr höflich und zivil bleibt, ein Demokrat, ein Gentleman, und damit war er dem Geschichtenschreiber Herbert Reinecker wirklich kongenial.“

Sie litten auch aneinander

Wobei man sagen muss, dass Tappert und der Autor Reinecker auch aneinander gelitten haben. Keinen Funken Humor gönnte der Autor seiner Figur, das Büßergewand durfte er nie ablegen. In die späten Fehden der beiden, hieß es in unserer Würdigung zu Tapperts achtzigstem Geburtstag, schlich sich die Absolutheit im Ton ein, die dem Pathos, das Reinecker in seine Drehbücher packte, gleichkam. Und doch gab es keine große Differenz zwischen Derrick und Tappert, der einen stillen Idealismus für sich in Anspruch nahm, eine aristokratische Grundhaltung und eine Formvollendung, die sich an der eher ins Lässige gehenden Figur des Assistenten Harry Klein und dessen Darsteller Fritz Wepper brach. Nie musste der wirklich die Polizeikarre vorfahren, der Spruch „Harry, hol schon mal den Wagen“ wurde trotzdem zum geflügelten Wort.

Die Überhöhung der Figur und ihres Darstellers hat auch für den langjährigen Wegbegleiter und Patron im Sender, Hans Janke, nichts Falsches. Tappert, sagt er im Gespräch, „hat einen Typus mehr als 280 Mal sehen lassen, mit dem wir uns sehen lassen konnten. Und mit ,wir' meine ich fast ,wir, die Deutschen‘. Das ist ein furchtloser Deutscher, vor dem man sich nicht fürchten muss. Man könnte fast so weit gehen, ihn im Sinne der Zivilisierung für einen nationalen Glücksfall zu halten. Und damit hat Horst Tappert viel zu tun, mit seinem Gesichtsausdruck, mit seiner Melancholie, mit seiner unaufdringlichen Autorität. Er wurde zur Chiffre.“

Dass dieser Horst Tappert auch ein großer Komödiant war, das wurde darüber unsichtbar. Für den Schauspieler freilich war das kein Grund zum Hadern, sein Publikum wusste er schließlich hinter sich. Am vergangenen Samstag ist Horst Tappert im Alter von fünfundachtzig Jahren in München gestorben.

Siehe auch: Der deutsche Zivilist als Welterfolg: Das Phänomen „Derrick“ in der F.A.Z.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Kaatsch, Cinetext/PZ, dpa

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