EM-Feuer eröffnet

Polens Revolverblätter schießen scharf

Von Jörg Thomann

Es müssen nicht immer Pickelhauben sein: Auch über (ost-)deutsche Autos wird ...

Es müssen nicht immer Pickelhauben sein: Auch über (ost-)deutsche Autos wird gespottet

05. Juni 2008 Dass das englische Team bei dieser Europameisterschaft fehlt, ist auch für die Boulevardzeitungen schwer zu verkraften, die vor englisch-deutschen Duellen allzu gern zum Pressekrieg bliesen und auf finsterste Stereotype zurückgriffen. Diesmal sind die englischen Revolverblätter wie die „Sun“ zum Zuschauen verdammt. Polens Boulevardpresse aber macht sich auf, die Engländer entsprechend unwürdig zu vertreten.

Vor dem Spiel gegen die Deutschen wetteifern die großen Boulevardblätter „Fakt“ und „Super Express“ um die saftigste Geschmacklosigkeit. „Fakt“ aus dem Hause Springer zeigte auf seiner Titelseite am Dienstag eine Karikatur Michael Ballacks, ausstaffiert mit Pickelhaube und dem Umhang der Kreuzritter, und dahinter Leo Beenhakker, den niederländischen Trainer der polnischen Auswahl, mit gezücktem Schwert: „Leo, wiederhole Grunwald“, wird der Coach aufgefordert.

„Leo, tritt die Trabanten!“

Unfair ist die Attacke nicht zuletzt deshalb, weil kaum ein Deutscher sie verstehen wird, ganz anders als die geschichtsbewussten Polen. Dort weiß jedes Kind, dass im Jahre 1410 zwischen den Orten Grunwald und Tannenberg ein polnisch-litauisches Heer den deutschen Ordensrittern eine vernichtende Niederlage zufügte, die nicht nur den deutschen Hochmeister Ulrich von Jungingen das Leben kostete. „Super Express“ ging am selben Tag noch weiter. Hier hält Beenhakker nach schon vollendetem Werk zwei Köpfe in der Hand, den von Ballack und den von Joachim Löw: „Leo, bring uns ihre Köpfe!“ Nachgerade zivil legte „Fakt“ am Mittwoch nach, indem es Beenhakker auf dem Dach eines Trabbis zeigte, den wiederum der arme Ballack steuerte: „Leo, tritt die Trabanten!“, hieß es diesmal.

Geschichtsklitterung sind die Grunwald-Analogien allein schon, weil damals gar keine Holländer dabei waren. Und so mag der Nationaltrainer Beenhakker auch nicht mitspielen: „Das ist Scheiße. Da sieht man, was für kranke Menschen es in dieser Welt gibt“, kommentierte er die Schlagzeilen. Wir sind nun gespannt, wie die „Bild“-Zeitung kontert - und ob dies grammatikalisch korrekter geschieht als bei der WM 2006, als sie titelte: „Klinski, putz die Polski“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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