Von Michael Hanfeld
15. Juli 2008 Auf dem Picadilly Circus ist die Hölle los. Das heißt, es tut sich auch nicht mehr als sonst auf dem Londoner Hauptverkehrsplatz. Auf den ersten Blick zumindest. Auf den zweiten entdeckt man zwei Kamerateams inmitten des Touristengetümmels. Und zwei Männer, die ein um das andere Mal über die Straße stürmen. And now? And now?, brüllt der eine. Was nun? Der andere hat keine Antwort. Schnitt.
Die beiden, die sich hier abhetzen, sind Schauspieler. Den einen kennt in Großbritannien jedes Kind. Seit sechzehn Jahren spielt Simon Rouse den Detective Chief Inspector Jack Meadows in der Fernsehserie The Bill, die bei dem privaten Sender ITV seit fünfundzwanzig Jahren im Programm ist. Sechsundneunzig Folgen laufen pro Jahr, zwei von jeweils einer Stunde Länge pro Woche. Mit diesem Marathon ist The Bill auf der Insel ungeschlagen. Kein Wunder, dass Rouse, einmal innehaltend, den Passanten doch auffällt. Den Mann mit dem schwarzen Trenchcoat hingegen kennt hier keiner. Beim nächsten Dreh wird das umgekehrt sein. Denn der findet in Leipzig statt, und da kommt Andreas Schmidt-Schaller, der seit acht Jahren im ZDF, produziert von der Ufa, den Chef der SoKo Leipzig spielt, nicht unerkannt über die Straße.
Platzhirschtreffen auf der großen Lichtung
Dass Rouse und Schmidt-Schaller gemeinsam spielen, ist einigermaßen sensationell und verdankt sich einer Idee der Produzenten Jonathan Young und Jörg Winger. Vor rund einem Jahr schmiedeten die beiden den Plan, ihre Erfolgskommissare für eine Doppelfolge zusammenzuspannen, nach dem Motto: The Bill meets SoKo Leipzig. Die Entführung einer jungen Deutschen in London liefert den Handlungsrahmen. Charlotte Fischer, gespielt von Anna Maria Mühe, ist die Patentochter von Schmidt-Schallers Kommissar Hajo Trautzschke. Nach einem Anruf nimmt der den nächsten Flieger und ist noch vor den Londoner Kollegen am Tatort. Was, gelinde gesagt, für Unstimmigkeiten sorgt.
Wie das mit der Abstimmung klappe, das war auch die große Frage für die Drehteams und die Schauspieler - schließlich tritt jeder auf der Bühne des jeweils anderen auf. Platzhirschtreffen auf der großen Lichtung. Doch etwaige Berührungsängste und Reserven verflüchtigten sich im Nu, insbesondere bei den Hauptdarstellern. Mit Simon Rouse und Andreas Schmidt-Schaller haben sich wirklich die Richtigen gefunden. Auf die Frage, wie das so läuft zwischen London und Leipzig, antworten sie mit dem fast identischen Wortlaut. Wir sind wie zwei kleine Jungs, sagt Rouse. Und also treten sie auf wie zwei - allerdings ziemlich große - Jungs, die erkennbar Spaß an ihrem Spiel haben und sich augenzwinkernd fragen: Was machen wir eigentlich hier?
Das wechselseitige Gastspiel ist nur ein Probelauf
Sie machen einen Probelauf. Denn ihre Produzenten, Jonathan Young von Talkback Thames und Jörg Winger von der Ufa, wollen es bei dem wechselseitigen Gastspiel ihrer Erfolgsmannschaften nicht belassen. Sie sitzen an einem Konzept für eine europäische, zunächst deutsch-britische Krimiserie, die in Berlin spielen soll. Das Verbrechen ist eine internationale Angelegenheit, seine Bekämpfung ist es auch, nur das Fernsehen macht an nationalen Grenzen halt und importiert fleißig Serien aus den Vereinigten Staaten.
Bislang gab es nur einen gemeinsamen europäischen Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Das waren die Eurocops, deren Teams nach nationaler Quote besetzt und deren Geschichten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abgeschliffen waren. Als Europudding zum An-die-Wand-Nageln ist das Projekt in die Annalen eingegangen. Das soll mit The Hub, so der schwer übersetzbare Arbeitstitel - Der Knotenpunkt? - der deutsch-britischen Serie, nicht passieren. Wir fühlen uns ein bisschen als Pioniere, sagt der Produzent Jörg Winger. Einen Sender für die geplante Serie, deren Script Ende Juli vorliegen soll, gibt es noch nicht. Damit beim ZDF zu landen, wie mit der SoKo, würde Winger sich gerne vorstellen können.
Oh, my God hat er gedacht - dabei kann er gar kein Englisch
Wenn es so gut läuft wie bei der SoKo und The Bill, müsste es klappen. Dabei gab es schon einige Klippen zu umschiffen. Etwa beim Schreiben des Drehbuchs, das der Brite Steve Bailie und seine deutschen Kollegen Frank Koopmann und Roland Heep in einem gemeinsamen - wenn auch nicht wörtlich örtlich zu verstehenden - Writers Room entwickelt haben. Zudem drehen die Briten ihre Serie auf Video - mit der Optik hätten sie im deutschen Fernsehen schwerlich Chancen. Die Deutschen kommen mit ihrem Kaliber von sechzehn Millimetern. Die Kompromisslinie fand sich mit Kameraformat HD, das ausreichend körnige Bilder liefert, mit denen alle zufrieden sind, für das Zusammenspiel zwischen dem deutschen Kameramann Henning Jessel und dem britischen Regisseur Robert del Maestro hat das entscheidende Bedeutung. Den Regisseur, angetan mit einer lilafarbenen, großkarierten Hose und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken, erkennt man im Gewimmel auf dem Piccadilly Circus allerdings auch auf den zweiten Blick.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Sprache. Oh, my God, habe er gedacht, als er von dem Gastspiel in London hörte, sagt Andreas Schmidt-Schaller. Er dachte es tatsächlich auf Englisch - einer Sprache, die er ansonsten nicht beherrscht. Da aber auf Englisch gespielt wird und sich die deutschen Schauspieler später erst selbst zurücksynchronisieren, muss sich Schmidt-Schaller seinen Text Wort für Wort erarbeiten. Klängen seine Wort ihm selbst fremd, würde man es sofort merken. Und an Authentizität ist dem Schauspieler gelegen, daran, dass man ihm seinen Charakter abnimmt, und daran, dass seine Figur einen Charakter hat. Als er sich im Jahr 2001 entschloss, bei der SoKo mitzumachen, war für ihn entscheidend, dass der Leipziger Kommissar Trautzschke eine ostdeutsche Vita hat, die in die Zeit vor dem Mauerfall reicht, so wie seine eigene auch. Das war auch der Grund, warum Schmidt-Schaller Mitte der neunziger Jahre aus dem Polizeiruf ausstieg - zu wenig Tiefe gab es da für ihn auszuloten. Dass es bei der SoKo Leipzig anders läuft, zeigen ihm nicht zuletzt die Zuschauerreaktionen aus dem ganzen Land.
The Bill, das heißt dreißig Figuren, drei Drehteams, dreihundertfünfzig Leute
Ihren Charakteren Profil zu verleihen, fällt den britischen Kollegen wiederum gar nicht so leicht. Dreißig Figuren nennt die Besetzungsliste von The Bill, nur zu einigen lässt sich in den Episoden mehr erzählen. Drei Drehteams sind ununterbrochen unterwegs, dreihundertfünfzig Leute haben permanent zu tun, und es könne vorkommen, erzählt der Produzent Jonathan Young, dass sich die Schauspieler von The Bill zwar kennen, aber auf Monate hinaus keine gemeinsame Szene haben.
Simon Rouse ragt dennoch aus der Menge heraus, mit ihm als britischem Kommissar dürften sich die hiesigen Zuschauer schnell anfreunden können. So wie die beiden Schauspieler auf einer Welle zu liegen scheinen, sind auch ihre Figuren angelegt, bodenständig, hart in ihrem und durch ihren Job, aber herzlich. Das Format der Serie mag sich ändern, die Figur tat es nicht, glaubt man Simon Rouse, der sich an Zeiten erinnert, da ihm The Bill zu seifenopernhaft vorkam. Er erinnert sich etwa an eine Szene, in der er von einem Polizisten mit vorgehaltener Waffe bedroht wurde, der zuerst seinen Detective und dann sich selbst erschießen wollte, während bei einer Kollegin, die sich unter dem Schreibtisch verkrochen hatte, die Wehen einsetzten. Das war ihm zu viel.
Fünftausend Pfund fürs Drehen - und die unfreiwilligen Komparsen
Der Produzent Jonathan Young hat The Bill, nach dessen Vorbild vor Jahren die RTL-Serie Die Wache gestaltet wurde, binnen drei Jahren auf Vordermann gebracht. Tempo und Schnitt sind heute amerikanisch, Privates gibt es in Andeutungen und nur, wenn es zur Kriminalgeschichte gehört. Dass The Bill über die Jahre trotz aller Mutationen erfolgreich blieb und Marktanteile um die fünfundzwanzig Prozent erreicht, liegt, so glaubt der Produzent, an zwei Dingen: Wir erzählen Geschichten von einfachen Menschen, die in Polizeiuniformen stecken. Und die Zuschauer wissen nie mehr als die Polizisten. Auch das sieht bei der SoKo mit ihren vier statt dreißig Hauptfiguren etwas anders aus. Und doch sind auf die beiden Teams lauter Gemeinsamkeiten eingestürzt nach dem Motto: Die machen ihr Fernsehen genauso wie wir.
Nach einer Regenpause geht es auf dem Piccadilly Circus mit der nächsten Verfolgungsszene weiter. Abgesperrt ist nichts, das würde die Schaulustigen erst anziehen; in den fünftausend Pfund, welche die Stadt London den Produzenten für das Drehen in Rechnung stellt, sind die unfreiwilligen Komparsen inbegriffen. Und sie verhalten sich auch ganz genauso, wie man es erwartet, wenn ein Verbrechen vor aller Augen geschieht: Anna Maria Mühe, die die Verschleppte spielt, wird von einem bulligen Dunkelmann über den Platz gezerrt und - niemand greift ein. Ein Fall für die SoKo (von den Briten wie Soccer ausgesprochen), für The Bill und demnächst vielleicht für The Hub.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Talkback Thames / Ufa / ZDF