WDR-Hörfunkdirektor Schmitz

Wer nicht streiten kann, ist scheintot

Streitbar: WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz

Streitbar: WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz

11. April 2008 Die Radiowelle WDR 3 steht vor der Reform. Der Plan ist umstritten, der Rundfunkrat hat eine Vorlage abgelehnt. Von WDR-Hörfunkchef Wolfgang Schmitz wollen wir wissen, was ein modernes Kulturradio ausmacht.

Es scheint in Ihren Redaktionen massiven Widerstand gegen die Programmreform von WDR 3 zu geben. Und auch der Rundfunkrat stellt sich quer. Man wirft Ihnen „Entwortung“ und „Entintellektualisierung“ vor.

Als Hörfunkdirektor stehen Sie nicht eines Morgens mit dem Gedanken auf: Heute wird das Programm reformiert. WDR 3 hat ein sehr gutes Image, es ist einer der wichtigen Kulturleuchttürme in unserem Land, bekannt für hochwertige Musikbeiträge und Qualitätsjournalismus. Das soll so bleiben. Gleichzeitig wollen wir etwas gegen abnehmende Hörerzahlen unternehmen.

Warum spielt das bei einem öffentlich-rechtlichen Sender eine Rolle?

Ein Kulturradio wie WDR 3 steht nicht unter Quotenzwang. Wir haben aber über zwei Jahre hinweg beobachtet, dass wir Hörer verlieren. Und da fangen wir an, uns Sorgen zu machen. Denn letztlich ist dies auch eine Frage der Akzeptanz und Relevanz eines Programms. Ein Programm, das am Ende nicht einmal bei denen sonderlich erfolgreich ist, die ein Interesse an Kultur haben, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück und droht an Bedeutung zu verlieren.

Stimmen die Zahlen noch? Sie haben weniger als 250.000 Hörer - am Tag.

Es sind mittlerweile weniger. Der Abwärtstrend hat sich leider fortgesetzt. Und wir haben inzwischen ein Durchschnittsalter von 66 Jahren.

Ihnen stirbt die Zuhörerschaft davon?

Diejenigen, die einen Kultursender einschalten, sind dieselben, die abends in Theatern und Konzertsälen sitzen. Für dieses spezifische Milieu gibt es kaum Nachwuchs. Zwar interessieren sich auch jüngere Leute für Kultur. Sie haben allerdings ein anderes Verständnis davon. Auch wenn es ein schwieriger Spagat ist, wollen wir unsere Stammhörer behalten und Jüngere dazugewinnen.

Haben Sie nicht alle Mittel in der Hand, hier prägend zu wirken?

Den klassisch bildungsorientierten Hörern steht eine Zielgruppe gegenüber, die nicht nur auf die Hochkultur abonniert ist. Die gehen auch ins Kino und schauen Serien im Privatfernsehen. Unter ihnen sind selbst leistungsorientierte Hörer, die das Radio einschalten, um morgens eine Buchbesprechung zu hören, damit sie abends auf der Party mitreden können - auch wenn sie das Buch selbst gar nicht gelesen haben. Dieses Potential gilt es auszuschöpfen.

Wird das Ihre neue Zielgruppe sein?

Das beschreibt zunächst einmal die Herausforderung, vor der wir stehen. Wie kann WDR 3 ein neues Publikum finden, ohne dass wir den Anspruch an die Qualität aufgeben?

Auch Qualität ist leider ein dehnbarer Begriff. Meinen Ihre Redakteure.s

Es gibt eine kleinere Gruppe von Redakteuren, die sozusagen die Lufthoheit über diese Frage beansprucht. Natürlich kann ich sagen: Ein Beitrag hat Qualität, wenn er eine Viertelstunde dauert. Aus meiner Sicht hat eine solche Argumentation wenig Sinn. Wir alle wissen, dass auch kürzere anspruchsvolle Beiträge möglich sind, um die Leute zum Nachdenken zu bewegen oder neugierig auf Unbekanntes zu machen.

Wenn am Ende aber bloß Platz für ein Dutzend Wortminuten pro Stunde übrig bleibt, wie Sie das planen . . .

. . . der Vorwurf der „Entwortung“ ist ein geradezu unerträglicher Kampfbegriff geworden. Der WDR hat verschiedene Programme im Angebot. Eines davon, WDR 5, besteht zu achtzig Prozent aus Wortbeiträgen. WDR 3 ist von der Prägung her ein Musikprogramm.

Die Vorwürfe rühren auch daher, dass schon die Reform 2004 den Wortanteil gesenkt hat.

Ja, sicher. Nur wurde die Sache damals nicht ganz zu Ende gedacht. Wir haben einen neuen Medien-Nutzungstypus vor uns, der mit Magazinradio groß wurde, nicht mit sogenanntem „Einschaltradio“. Besonders nachmittags müssen wir eine neue Dramaturgie für WDR 3 entwickeln.

Sie halten das „Einschaltradio“ für tot?

Überhaupt nicht. Man muss bloß sehen, dass Radio tagsüber weitgehend ein Begleitmedium geworden ist.

Dass es ein Bedürfnis gibt, sich gezielt zu informieren, müsste Ihnen eigentlich die Podcast-Nachfrage zeigen.

Die Möglichkeiten, die es heute dank der Digitaltechnik gibt - das gezielte Herunterladen einzelner Beiträge also -, können dabei helfen, neue, insbesondere jüngere Hörerkreise zu gewinnen. Bei höherwertigen und längeren Beiträgen ist das Bedürfnis des modernen Hörers groß, unabhängig von Sendezeiten zu sein. Viele haben nachmittags keine Zeit, längeren Wortstrecken konzentriert zu folgen. Oder zwischen acht und neun Uhr früh, wo wir bei WDR 3 derzeit einen Wortanteil von fünfzig Prozent haben. Das Radio wird weiterhin ein Alltagsmedium sein.

Ihre Reform zielt auf den Nachmittag?

Nicht nur, aber sehr stark. Der Abend und das Wochenende gehören weiterhin dem „Einschaltradio“, das für viele Hörerinnen und Hörer ja auch eine Alternative zum Fernsehen ist. Es wird nicht weniger Konzerte und auch nicht weniger Kompositionsaufträge geben. Aber etwas mehr Jazz, und für den werden einige der Feature- und Hörspielreihen ins Wochenende oder zu WDR 5 verlagert werden. Und ein bisschen wird auch wegfallen, aus finanziellen Gründen.

Positiv formuliert: Sie setzen auf den mündigen Hörer, der umschalten kann.

Schon jetzt ist es so, dass zwei Drittel der WDR- 3-Hörerinnen und -Hörer auch andere Sender einschalten.

Ihre Redakteure sehen es wenig positiv.

Die meisten sind mit mir der Meinung, dass wir das Programm stärker auf die Interessen und Bedürfnisse der Hörerinnen und Hörer ausrichten müssen.

Das haben andere Sender wie der NDR vor Jahren auch gemacht - mit streitbarem Erfolg.

So schlecht ist das Kulturprogramm des NDR doch gar nicht. Wir wollen freilich kein NDR Kultur haben, auch kein Bayern 4 Klassik. Wir wollen unseren Weg gehen. Es wird künftig bis zu vierzig Beitragsplätze geben für Reportagen, Essays und profilierte Moderationen.

Beiträge, die bloß lose eingestreut werden, sind für Hörer schwer zu finden.

Das wäre richtig, wenn es im Tagesprogramm eine relevante Zahl von Hörerinnen und Hörer gäbe, die so hört. Dem ist aber nicht so. Die meisten Menschen schalten schon jetzt WDR 3 ein, weil sie Entspannung suchen. Nicht jeder ist schon morgens beim Zähneputzen willens und in der Lage, längere Zeit einem anspruchsvollen Diskurs zu folgen - hier gilt: alles zu seiner Zeit.

Ihr Auftrag ist es doch auch, den Hörer zu fordern.

Klar. Aber wir dürfen ihn nicht überfordern. Ich sage gerne: Nicht einmal der Kulturredakteur ist 24 Stunden am Tag diskursiv drauf.

Die entscheidenden Sitzungen des Rundfunkrates finden nächste Woche statt. Was haben Sie unternommen, um Ihre Kritiker zu besänftigen?

Letztlich geht es in der Kritik um handwerkliche Dinge. Ich glaube aber auch, dass wir in den letzten Tagen etwas die Luft aus der Debatte lassen konnten. Ich habe mich überzeugen lassen, dass man gelegentlich auf Nachrichten verzichten kann, um größere Musikstrecken spielen zu können. Und es soll künftig mehrere tagesaktuelle Journale geben, ergänzt um neue Kulturnachrichten, allerdings jeweils kürzer - vorausgesetzt natürlich, dass der Rundfunkrat zustimmt.

Ganz heilen freilich wird sich der Konflikt nicht lassen.

Nein. Mir wäre mulmiger zumute, wenn die Anzahl der Kritiker groß wäre. Aber ich weiß auch, dass diejenigen, die sich gelegentlich zu Klassensprechern stilisieren, nicht unbedingt repräsentativ sind. Die Reform ist das Ergebnis langfristiger Überlegungen verschiedener Arbeitsgruppen, nicht eine Entscheidung an meinem Schreibtisch. Auch von Erfahrungen, die ich etwa als Programmchef des erfolgreich umgebauten Wortsenders WDR 5 gemacht habe. Und im Übrigen: Wer nicht streitet, ist scheintot.

Die Reform von WDR 3

Seit Jahren sucht der WDR eine Linie für die von einer Mischung aus Klassik, Jazz und anspruchsvollen Feuilletons geprägte Welle WDR 3. Schon bei der Reform 2004 ging es um ein gefälligeres „Tagesbegleitprogramm“. Doch die Verringerung des Wortanteils ist umstritten. Das gilt auch für die jüngste Reform, der das Programm von Mai an folgen soll. Im Februar wurde sie durch den Rundfunkrat gestoppt. Der Vorwurf: Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz treibe eine „Entwortung“ voran. Am nächsten Montag steht eine abermalige Verhandlung an. Die Signalwirkung des Entscheids ist allen Beteiligten bewusst.

math

Das Gespräch führte Matthias Hannemann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: WDR/Bettina Fürst-Fastré

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