Bernhard Vogel, von 1976 bis 1988, Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, profilierte sich Ende der siebziger Jahre auch als Medienpolitiker. Am 1. Januar 1984 öffnete er mit dem Kabelpilotprojekt in Ludwigshafen die Tür in die private Medienwelt. Zugleich hielt er an der Dualität des Rundfunks in Deutschland fest: Er war nicht gegen das öffentlich-rechtliche System, wohl aber gegen dessen Ausschließlichkeit. Die jüngsten Entlassungen und die Radikalreduktion der Nachrichtenprogramme beim privaten Senderverbund Pro Sieben Sat.1 lassen ihn nun um sein Pionierwerk bangen. Berhhard Vogel, 1932 geboren und von 1992 bis 2003 auch Ministerpräsident in Thüringen, ist heute Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Ich habe Verständnis für diese Äußerung, weil auch ich sehr skeptisch geworden bin angesichts der Vorgänge der letzten Wochen. Ich fürchte, dass ein Kapitel der deutschen Mediengeschichte zu Ende geht.
Das Motiv meiner Initiative aus den siebziger und achtziger Jahren, privaten Unternehmern die Möglichkeit zu geben, Fernsehprogramme in Deutschland zu machen, bestand darin, das Oligopol der Öffentlich-Rechtlichen aufzulösen und auch hier Konkurrenz zuzulassen. Aber ich wollte eine Konkurrenz der Vollprogramme mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Ich wollte Fernsehen und Hörfunk in Deutschland also keineswegs nur als Wirtschaftsgut, sondern in allererster Linie als Kulturgut. Dies scheint mir jetzt in Frage gestellt zu sein. Deshalb ist die öffentliche Aufmerksamkeit sehr angebracht.
Als wir Ende der siebziger Jahre im Kreis der Ministerpräsidenten vier sogenannte Kabelpilotprojekte planten, habe ich mich sehr engagiert, dass eines dieser Projekte, das von Ludwigshafen, auch die Beteiligung Privater ermöglichte. Das war in der Tat ein Aufbruch in eine neue Medienlandschaft. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es richtig war, diesen Akzent zu setzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass inzwischen im Medienbereich mehr Arbeitsplätze entstanden sind als in der Automobilindustrie. Sie wären ohnehin entstanden, aber ohne unser eigenes Engagement eben jenseits unserer Grenzen, in Luxemburg, im Elsass, in der Schweiz oder in Österreich. Die Entscheidung war richtig. Aber sie war getragen von der Erwartung, dass die Verantwortlichkeit für das Programm von den Privaten ebenso wahrgenommen würde wie von Öffentlich-Rechtlichen.
Ich gehöre nicht zu denen, die, wann immer ein Problem auftaucht, sofort nach dem Gesetzgeber rufen. Ich möchte zunächst einmal die Reaktion der Zuschauer abwarten, die hoffentlich ein deutliches Zeichen bei Pro Sieben Sat.1 setzen werden, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Dass am Ende der Diskussion auch die Länder gefragt sind und möglicherweise die Modifizierung der Staatsverträge zwischen den Ländern zur Debatte steht, will ich nicht ausschließen.
Bei ARD und ZDF sehe ich keinen Grund zum Jubeln. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stehen erhebliche Veränderungen bevor. Zudem wissen wir noch nicht, was das im September zu erwartende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkgebührenrecht für die Öffentlich-Rechtlichen bedeuten wird. Aber davon unabhängig bleibt der Grundsatz bestehen: Konkurrenz belebt das Geschäft. Konkurrenz soll indes auch die Qualität fördern und sie nicht in Frage stellen.
Zunächst hätte diese Furcht auch bestanden, wenn wir in der Bundesrepublik privates Fernsehen nicht zugelassen hätten. Denn die Konkurrenz wäre dann von jenseits unserer Landesgrenzen erfolgt. Politische Grenzen sind keine Mediengrenzen mehr. Insofern ist das Problem, dass zu viel und zu wahllos ferngesehen wird, ganz unabhängig von der privaten oder öffentlich-rechtlichen Verfassung des Rundfunks. So wie Menschen lesen, schreiben und rechnen lernen müssen, müssen sie auch lernen, vernünftig fernzusehen. Und dieses Lernen beginnt im Elternhaus und in der Schule.
Wäre ich noch Ministerpräsident eines Landes, würde ich anregen, dass sich die Ministerpräsidentenkonferenz in Kürze mit diesen Fragen, nicht nur mit der Entwicklung bei Pro Sieben Sat.1, einmal intensiv befasst. Denn letztlich liegt auf staatlicher Seite die Verantwortung für den Medienbereich bei den Ministerpräsidenten. Mit Sicherheit wird das Fernsehen, in welcher Form auch immer, auch langfristig eine nachdrückliche und bedeutsame Rolle spielen. Allerdings glaube ich nicht, dass dadurch andere Medien, etwa die Tageszeitungen, verdrängt werden. Ich hoffe es jedenfalls nicht.
Mein Gebrauch ist sehr untypisch. Ich gehöre auch nicht zu jenen, die täglich zweihundert Minuten am Fernseher verbringen. Aber ich schaue sehr regelmäßig die Nachrichtenssendungen und bedaure auch deswegen, dass Sat.1 die eigenständige Nachrichtenproduktion nahezu einstellen will.
Die Fragen stellte Jochen Hieber.
Text: F.A.Z., 27.07.2007, Nr. 172 / Seite 40
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