Von Nina Rehfeld, Phoenix
24. Juli 2008 Es kommt vor, dass Menschen den Eindruck erwecken, sie gehörten in ein vergangenes Jahrhundert. Der Medienunternehmer Rupert Murdoch, dessen News Corporation die ganze Welt umspannt, kommt einem dafür jedoch nicht unbedingt als Erster in den Sinn. Doch der amerikanische Journalist und Autor Mark Bowden hat ihn in einem Artikel in der Zeitschrift Atlantic Monthly über die Zukunft des Wall Street Journal nun dorthin verwiesen, genauer gesagt: in das Jahr 1908.
Murdoch, meint Bowden, verhalte sich exakt wie die großen Piraten des Journalismus, William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer. Damals, 1908, also in Murdochs geistiger Gegenwart, seien Reporter weniger Autoren als Bauernfänger und Hochstapler gewesen: Berichterstattung drehte sich darum, der Konkurrenz die nächste Sensationsmeldung vor der Nase wegzuschnappen. Darunter allerdings könnte man wohl nicht nur das Wirken eines Rupert Murdoch subsumieren.
Eine Art Fox News der Printlandschaft
Bowden, Jahrgang 1951, publiziert in Magazinen wie Rolling Stone und Men's Journal, zwei seiner Reportagen wurden in Buchform zu internationalen Bestsellern: Black Hawk Down - A Story of Modern War über den katastrophalen Einsatz der Amerikaner 1993 in Somalia, das Ridley Scott 2003 verfilmte, sowie Killing Pablo über die Jagd auf den kolumbianischen Kokainmafiapaten Pablo Escobar.
Sein jetziges Stück dekliniert anhand von Rupert Murdochs Unternehmerpersönlichkeit den angeblich faustischen Albtraum der Redakteure des Wall Street Journal durch - dass nämlich dank Murdochs enormer finanzieller Ressourcen (und seines berüchtigten Willens, sie zur Aufpäppelung eigener Objekte und der Vernichtung der Konkurrenz einzusetzen) das Überleben der Zeitung gesichert sei, dies aber um den Preis, sich in eine Art Fox News der Printlandschaft verwandeln zu müssen.
Schon jetzt, meint Bowden, würden die eigensinnigen und umfangreichen Hintergrundstücke, die als Markenzeichen der Zeitung galten, zugunsten von Nachrichtenscoops, die man bislang nonchalant auf Kurzmeldungen reduzierte, in den Hintergrund gerückt. Die Journalisten müssten sich im direkten Nachrichtenvergleich mit den Kollegen der Financial Times messen lassen.
Dann kann man überleben
Murdochs Imperium umfasst neben dem Filmstudio Twentieth Century Fox eine Reihe von Fox-Fernsehsendern, die Londoner Times, die New York Post, den Verlag Harper Collins und die Internetportale Askmen.com, IGN.com und MySpace.com. Mit dem Erwerb der Firma Dow Jones und des dazugehörigen Wall Street Journal hat er sich eine Qualitätsmarke sondergleichen gesichert.
In der Branche rätselt man nun, was daraus wird, nicht jeder vermag Zeichen angeblicher Qualitätseinbußen zu entdecken. Im Gegenteil, Murdochs selbst erklärte, man müsse das Wall Street Journal nicht allein als Zeitung betrachten. Sehen Sie es als journalistisches Unternehmen, sagte er dem Magazin Wired: Wenn man Autorität und Vertrauen genießt, wenn man Nachrichten interessant gestalten kann, dann kann man überleben.
Murdoch als widersprüchliche Figur
Mark Bowden macht kein Hehl aus seiner Verachtung für Murdochs vermeintliche Vorstellungen: Murdoch begreift Journalismus nicht als Form der Literatur oder als öffentliche Aufgabe, sondern als Ware, deren Wert sich vor allem aus ihrer Formbarkeit für den Wiederverkauf bemisst. Auf dieser Grundlage erkläre Murdoch nun der krisengeschüttelten New York Times den Krieg, es gehe ihm um nichts anderes als um die journalistische Dominanz in den Vereinigten Staaten - und der ganzen Welt.
Bowden charakterisiert Murdoch als widersprüchliche Figur - als eisernen Kapitalisten, der die chinesischen Kommunisten erfolgreicher umschmeichelt als alle anderen, als eingefleischten, aber wendigen Konservativen, der sich hinter den womöglichen Wahlsieger Barack Obama stellt, als Medientycoon, der sich selbst als Außenseiter und Freidenker sieht. Doch Pioniergeist spricht Bowden ihm ab. Murdoch, schreibt Bowden, werde für seinen unternehmerischen Scharfsinn gerühmt, doch sei er weniger ein Pionier und Visionär als ein vermögender, aggressiver Sammler. Er identifiziert einen potentiellen Markt und kauft dann, gleich einem reichen Kunstsammler, der hohe Summen für die Arbeiten etablierter Künstler bezahlt, Firmen, die sich im jeweiligen Markt vielversprechend bewährt haben.
Kein Idealist, eher ein Pragmatiker
Murdoch als schiere Krämerseele darzustellen greift allerdings zu kurz. Der Sohn eines australischen Zeitungsunternehmers gründete 1956 Australiens erste Fernsehzeitschrift und brachte 1974 in den Vereinigten Staaten mit dem Star Magazine eine der ersten modernen Prominenten-Postillen auf den Markt. Er führte, sehr zur Verärgerung der britischen Gewerkschaften, 1986 die elektronische Produktion für seine englischen Publikationen ein. Und als er 1996 mit dem Fox News Channel dem bis dato konkurrenzlosen Nachrichtensender CNN einen Rivalen gegenüberstellte, gebar er eine neue Form des Journalismus: aggressive Meinungshuberei, die Leute wie Sean Hannity und Bill O'Reilly zu Stars machte und CNN auf die Quotenplätze verwies. Fox News bestimmt den politischen Diskurs in den Vereinigten Staaten.
Murdoch ist kein Idealist, eher ein Pragmatiker - anders als andere amerikanische Unternehmer schmückt er sich nicht mit Millionenspenden für wohltätige Zwecke oder Stiftungen. Einem Bericht des Economist von 1999 zufolge hatte sein Unternehmen in den vergangenen elf Jahren keinerlei Steuern gezahlt. Und als Murdoch im vergangenen Jahr ankündigte, seine News Corp. auf Umweltfreundlichkeit zu trimmen, sagte er lakonisch: In diesem Bereich aktiv zu werden ist einfach eine kluge Geschäftsentscheidung.
Gegner der Political-correctness-Kultur
Der Mann mag - wie sein Großvater, dessen Risikobereitschaft er geerbt haben will - ein Zocker sein und kein allzu eleganter. Er mag dem politischen Diskurs einen Bärendienst leisten, aber er ist ein entschiedener Gegner der Political-correctness-Kultur, die in Rücksichtnahmen zu erstarren droht. Und Murdoch ist von einer Faszination am Wandel durch Modernisierung beseelt.
Um etwas Vergleichbares zu finden, sagte er, muss man fünfhundert Jahre zurückblicken, zur Druckerpresse, zu der Geburt der Massenmedien, die übrigens die alte Welt der Könige und Aristokratien zerstören sollte. Die heutige Technologie verschiebt die Macht von den Medienmachern und Verlegern, dem Establishment und der Elite zum Volk.
Weiß der Himmel, was wir mit MySpace machen
Womöglich entwickelt Murdoch seine Visionen im Vorübergehen. Als er 2005 die Internet-Plattform MySpace erwarb, machte er sich damit ein neues Phänomen zu eigen, das er mit der vagen Idee anstarrte, seinen Konzern von einem inhaltsgesteuerten in ein marketinggesteuertes Unternehmen umzuformen. Weiß der Himmel, was wir mit MySpace machen, sagte er im Interview mit Wired: Wir entdecken ja noch, wozu dieses Ding fähig ist. Ironischerweise ist es ausgerechnet Murdoch, der in seinen Publikationen nun die Devise ausgibt, das Zeitalter des Frontaljournalismus sei vorbei.
Im Internet kulminiert Murdochs Karriere gewissermaßen: Populismus in Reinform. Das Volk nimmt sich, was es braucht, und es liegt an den Medienmachern, die flatterhaften Bedürfnisse zu kanalisieren. Im neuen Selbstvertrauen des Publikums immerhin sieht auch Mark Bowden die Hoffnung für das Wall Street Journal. Seine Rettung, meint er, möge darin liegen, dass seine hochgebildete Leserschaft genau das verlangt, was die Zeitung ihr mehr als ein halbes Jahrhundert lang geboten hat. Das Publikum allerdings hat Rupert Murdoch wohl noch nie unterschätzt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS