Von Christian Schwägerl
26. Januar 2007 Maybrit Illner ist nicht in die Fußstapfen von Orson Welles getreten, sie hat ihre Sendung nicht gefälscht, und sie hat sich auch nicht von den Machern des Demographie-Thrillers 2030 - Aufstand der Alten einspannen lassen. Illners Talkrunde Berlin Mitte vom Donnerstagabend stammte aus der Gegenwart und beschäftigte sich mit der Gegenwart. Genau deshalb gab sie einer Themenwoche, in der sich das ZDF dem demographischen Umbruch gewidmet hatte, den letzten Schliff.
Deutschland 2007, nicht 2030: Zu Zehntausenden werden in Deutschland ältere Menschen wie am Fließband gepflegt? In extra saugfähige Windeln gepackt, über Magensondern ernährt, gefesselt, nur weil nicht genügend Pflegekräfte auf den Stationen arbeiten? Die Alten werden von überforderten Pflegern alleingelassen, selbst in ihrer Sterbestunde? Der Schauspielerin Grit Boettcher, selbst erst siebzig Jahre, aber bereits erfahren durch die Pflege ihrer Mutter, verschlug es ob der Mißstände, die der Aktivist Claus Fussek anprangerte, die Sprache. Das wäre einem Norbert Blüm nicht passiert, doch der Urheber des sozialpolitischen Schlamassels fiel kurzfristig aus. Die gänzlich prominentenfreie Runde konnte sich der Sache widmen.
Selbsthilfe im demographischen Umbruch
Nicht rührend, sondern vorbildlich, wie die Schauspielerin Mariella Ahrens mit ihrer Initiative Lebensherbst jene Tabuzone durchbricht, die Pflegeheime vom Rest der Gesellschaft trennt. Man kann in die Heime in der Nachbarschaft einfach hineingehen: Ahrens und ihre Mitstreiter besuchen Bewohner, reden mit Pflegekräften, organisieren Ausflüge für die Fitteren.
Auch sie stellte fest: So will man nicht leben. Und meinte nicht: Ich will nicht alt sein. Als nächstes plant Ahrens Senioren-Wohngemeinschaften einzurichten, oder vielleicht ja ein Mehrgenerationenhaus, um die Gettoisierung und Entmündigung Pflegebedürftiger zu lindern. So sieht die Selbsthilfe im demographischen Umbruch aus, denn wer darf annehmen, dass mit den Alten von morgen besser verfahren wird als heute?
Familie als Alternative zum Heim?
Allein die gute Tat reicht wohl nicht. Die FDP klagt sonst stets Marktwirtschaft ein, ihr dreißig Jahre alter Gesundheitspolitiker Daniel Bahr musste für die Pflegeheimbranche aber von Marktversagen sprechen. Zu einem Markt gehört Transparenz, und die gibt es nicht: Die Berichte der staatlich bestellten Prüfkommissionen über vorbildliche Heime und schwarze Schafe bleiben geheim, ein Vergleich verschiedener Anbieter ist so kaum möglich. Daran könnte der Gesetzgeber leicht etwas ändern, doch dann würden Mißstände auf brutale Weise offenkundig.
Die schwierigste Rolle in der Illner-Runde hatte der Interessenvertreter der Pflegeheimbetreiber. Bernd Meurer konnte trotz großer Anstrengung sein Unbehagen gegenüber Praktiken in seiner Branche nicht verbergen. Er beschwor die vielen weißen Schafe und forderte, die Beiträge zur Pflegeversicherung müssten steigen. Doch wie weit? Bis auch der letzte Netto-Euro in die Sozialversicherung fließt? Die Familie wurde beschworen als Alternative zum Heim - leider sagte keiner: sofern man sie hat.
Eine erfreulich tabubrechende Runde aus der Gegenwart jedenfalls, die den Hinweis auf die Zukunft gar nicht geben musste: Die geburtenstarken Jahrgänge stehen heute noch voll im Arbeitsleben, noch sind die Alten nicht zur Mehrheit geworden. Illner sei gedankt für den Nachtschlaf, der möglich war, weil am Ende Vera Brunn aus der Eifel ihren Auftritt hatte, eine Hundertjährige, die wohl bald einen Werbevertrag bei Nike angeboten bekommt. Alles hängt davon ab, wie neu die neuen Alten wirklich sind.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: obs