Von Christian Ulmen
28. August 2008 Die Lederhose kneift. Die Frau auf dem Nachbarsitz schmiert mir Nordhäuser Korn um die Ohren. In meinem rechten Nasenloch steckt ein Stück Babyschnuller. Sie werfen mich weit vor dem Hotel aus dem Wagen, damit es aussieht, als wäre ich allein gereist. Außerdem braucht das Kamerateam einen Vorsprung, um meine Ankunft zu filmen. Aber nicht ich komme an - sondern Knut Hansen aus Hamburg-Farmsen: Aquavit-Fahne, angefaulter Überbiss. Immer dabei: eine Klampfe, eine Handvoll Muschi-Witze. Knut findet, er sei Singer-Songwriter und hochtalentierter Comedian, ein Show-Chamäleon, Entertainer. Vor allem erliegt er der Wahnvorstellung, in Norddeutschland berühmter zu sein als Fips Asmussen, der ständig seine Gags klaue. Knut ist eine unerträgliche Figur, die ich vor drei Jahren in der Serie Mein neuer Freund gespielt habe.
Damals musste sich eine Kandidatin als Knuts Freundin ausgeben, ein Wochenende lang alles tun, was er von ihr verlangte. Sie hielt durch, bekam 10.000 Euro Preisgeld, finanzierte damit ihre Ausbildung. Wie oft wurde ich gefragt, wie die arme Frau das denn überstanden hätte, ob sie heute überhaupt noch Freunde habe oder eher Defekte. Aber kein Mensch fragt, was aus Knut geworden ist. Dabei ist er eindeutig die tragischere Gestalt. Wie schlägt sich der unlustige Stink-Barde eigentlich so durch? Ekeln sich noch alle vor ihm? Wer übt den Schulterschluss? Wer weint und wer lacht, wenn er auf einen wie Hansen trifft?
Um das herauszufinden, musste Knut kurz noch mal erfunden werden. Wir ersannen, er wolle seine eingebildete Berühmtheit territorial erweitern, mit seinem Entertainment Orte erobern, an denen ihn noch keiner kennt: Bayern.
Aufgeflogen
Erste Station: Furth im Wald oder Furz in' Wald, wie Knut sagt. Von hier an gilt: Knut gibt es wirklich. Sieben Tage lang darf mich niemand aus dem Kamerateam mit meinem wahren Namen ansprechen, darf ich nichts tun, was Knut Hansen nicht tun würde. Nicht weil Knut je etwas von Lee Strasberg gehört hätte, sondern damit sich niemand aus Versehen verplappert. Eine Dokumentation über einen erfundenen Typen unter echten Menschen. Damit das klappt, muss auch das Filmteam mitspielen und ab jetzt Knut für Knut halten - immerfort und komme, was wolle.
Im urbayerischen Hotel erwarten mich die Kameras. Knut stiefelt an die Bar, bestellt zwei Wurzelsepps, trällert vier bis fünf Knallergags, in denen Geschlechtsteile vorkommen, während sich der Hotelchef heimlich an den Kameras vorbei zur Aufnahmeleiterin der Crew schleicht und ihr knapp bedeutet, ihm unauffällig in sein Büro zu folgen. Bitte ohne Kamera. Er führt sie wortlos an seinen Schreibtisch. Alles falsch . . ., flüstert er. Er zeigt auf eine Mein neuer Freund-Website auf seinem Computerschirm. Dann außer sich: Der heißt nicht Hansen, sondern Ulmen.
Niemals das Projekt verraten
Wir hatten Google vergessen. Unsere Reise hatten wir extra so disponiert, dass wir kaum mit 14- bis 29-Jährigen in Kontakt geraten, weil die Mein neuer Freund und Knut am ehesten kennen. Saudumm, dabei anzunehmen, Menschen ab dreißig in Bayern können das mit dem Internet nicht. Wir hatten wirklich Google vergessen.
Der Further Hotelchef nimmt an, dass die Kameraleute nicht Teil, sondern genau wie er ebenfalls Opfer einer Inszenierung seien. Dieser Ulmen sei wohl ein ganz skrupelloser Lügner, der alles und jeden hochnehme und dem wir gemeinsam das Handwerk legen sollten. Er glaubt, der Aufnahmeleiterin mit dieser Enthüllung einen großen Gefallen getan zu haben. Die hält sich fest an unsere Abmachung: Niemals das Projekt verraten - und spielt mit. Das kann ich gar nicht glauben. Wahnsinn, der tut nur so? Nein . . .
Auch ich spiele weiter. Obwohl das Hotelpersonal um mich herum weiß, dass ich nicht Knut bin und nicht eine Kunstfigur, sondern mich ganz direkt hasst. Was sich total falsch anfühlt. Und unbehaglich. Und peinlich. Wir machen weiter.
Friedrich und der Gaudibursch
Am nächsten Morgen ist die Stimmung verkatert. Knut ist der Einzige, dem die Frühstücksbedienung keinen guten Morgen wünscht, der Rezeptionist ignoriert ihn. Stattdessen konspirative Blicke aller Hotelangestellten mit dem Kamerateam. Ich glaube, wir scheitern hier. Was, wenn auch der Bürgermeister von Chamerau Knut gegoogelt hat? Mit dem sind wir nämlich jetzt verabredet.
Hat er nicht. Er nimmt Knut, wie er ist. Halb zwölf mittags. Der Bürgermeister von Chamerau bietet Knut ein zweites Weizen an. Er drückt seinen Kugelbauch gegen die Tischplatte und reibt sich die Hände. Knut sagt du zum Bürgermeister. Und nennt ihn beim Vornamen. Friedrich. Der Friedrich akzeptiert das und sagt Gaudibursch zu Knut. Er ist seit acht Jahren Bürgermeister im Ort und zeigt jetzt alles: das Feuerwehrhaus, das Gemeindezentrum, die vorbeifahrenden, drallen Mädels aus dem Ortsteil Staning. Und er lacht über Knuts Witze. Knut freut sich wahnsinnig.
Was die Bayern lustig finden
In ganz Chamerau haben wir nur acht Ausländer, weiß Friedrich zu berichten. Wenn eines Tages ein Bus voller Türken im Ort ankäme, würde keiner eine Wohnung vermietet bekommen. Dafür sorge er persönlich. Für solche Fälle gibt es nämlich eine Kasse in der Gemeinde, aus der die leerstehenden Wohnungen ein halbes Jahr bezahlt werden. Und überhaupt: Ausländer, Drogen, Gesindel oder gar Schwule? Gibt es hier nicht. In Bayern ist das gigantisch, sagt Friedrich und greift sich gemütlich an den Bauch. Die laufenden Kameras werden immer unwichtiger, auch das Mikrofon an seinem Hemd hat er offenbar vergessen, was zählt, sind der Friedrich und der Knut. Darauf noch ein Weizen.
Das Bier dunstet, die Kippe dampft. Die Kamera läuft. Jetzt wird es gemütlich. Friedrich, CSU-Mann seit Jahrzehnten, ganz der Bürgermeister, knufft Knut in die Seite. Wenn du bumsen willst, dann fährst du zwanzig Minuten rüber nach Tschechien. In den Nachtclub ,Pyramida'. Da hat's sechzig, siebzig Frauen. Eine hübscher als die andere. Und verdammt günstig sind sie auch noch. Darauf stoßen die beiden an. Knut ahnt: Jetzt ist er angekommen.
Morgen tritt Knut in einem katholischen Frauenverein auf. Vom Bürgermeister von Chamerau hat er ja jetzt gelernt, was die Bayern lustig finden. Und so Google will, wird das ein gelungener Abend. Glaubt Knut.
Knuts Filmbericht und die neuen Erlebnisse der anderen Charaktere aus Mein neuer Freund sind ab Freitag im Internet unter Ulmen tv zu sehen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: obs