Von Jörg Becker
12. Juli 2006 Internet in China - das ist ein Phänomen von globaler Bedeutung. Weniger aus menschenrechtlicher Perspektive und einer daraus abzuleitenden Kritik an der chinesischen Zensur im Netz, sondern deshalb, weil China die Vereinigten Staaten als Internet-Markt inzwischen überrundet hat. Bei der Eröffnung eines Google-Forschungszentrums in Peking erklärte Firmenchef Eric Schmidt kürzlich, daß China den Weltinternetmarkt noch viele, viele, viele Jahre anführen werde. So wird also künftig jede Aussage über das Internet unvollständig sein, wenn sie keinen Bezug auf China enthält.
Wer immer über China redet und schreibt, widmet sich der Frage der Größe, und dies vor allem in ökonomischer Hinsicht: economies of scale in schier wahnsinnigem Ausmaß. China hat 1,3 Milliarden Einwohner, es ist mittlerweile der weltweit größte nationale Zeitungsmarkt mit täglich fast hundert Millionen verkauften Exemplaren und 320 Millionen Lesern. Das populäre Magazin Du Zhe, das mit Reader's Digest vergleichbar ist, hat eine Auflage von mehr als zehn Millionen, und bereits 393 Millionen Chinesen besitzen ein Mobiltelefon.
16 Millionen Blogger
Es gibt in China augenblicklich 115 Millionen Internetnutzer. Davon agieren sechzehn Millionen Nutzer als Blogger, führen also öffentlich Tagebuch, und allein 1,5 Millionen spielen das Internetspiel World of Warcraft. Im letzten Jahr wurden in China fünfzig Milliarden E-Mails von rund 72 Millionen Häufignutzern hin und her geschickt. Der Chat-Room des chinesischen Internet-Anbieters Baidu erhält täglich fünf Millionen Nachrichten. Und die chinesischen Sicherheitskräfte haben eine elektronische Datenbank, in der sie die persönlichen Daten von 1,25 Milliarden Chinesen verwalten. Sie unterhalten auch eine Cyber-Polizei zur Überwachung des Internets mit 30.000 Vollzeitmitarbeitern.
Größe ist in China also eine Variable jenseits von Rückschritt oder Fortschritt, jenseits von konservativ, liberal oder kommunistisch, jenseits von Asean oder UN-Sicherheitsrat. Quantität ist hier Qualität.
Auf dem Land herrscht noch der Hunger
Selbstverständlich konzentrieren sich die 115 Millionen chinesischen Internetnutzer auf die verschiedenen regionalen Wachstumszonen, während der Rest des Landes drastisch zurückbleibt. Allerdings ist es beeindruckend, daß die digitale Kluft zwischen Arm und Reich oder Stadt und Land in den letzten Jahren abgenommen hat. Während 1998 rund fünf Prozent der Bevölkerung über rund siebzig Prozent aller Internetanschlüsse verfügten, sind es zu Anfang dieses Jahres nur noch vierzig Prozent der Zugänge.
Freilich dürfte die Frage nach einem Internetanschluß für die achthundert Millionen Menschen in den ländlichen Regionen Chinas unwichtig sein. Hier geht es noch immer um Hunger, unerträglichen Land- und Eigentumsraub durch lokale Funktionäre der Kommunistischen Partei und zunehmende gewaltsame Bauernaufstände dagegen.
Text: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 40
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