Von Peer Schader
17. Juli 2007 Die Ringe sind noch nicht angefertigt! Der italienische Inneneinrichter macht Stress! Und beim Frühstück im Hotel gibt es Streit, weil sie seinen Koffer mit den falschen Sachen gepackt hat. Einmal in der Woche ist bei Gülcans Traumhochzeit gerade zu bestaunen, wie die Viva-Moderatorin Gülcan Karahanci und der Bäckersohn Sebastian Kamps ihre vorehelichen Wehen austragen, bevor im August live im Fernsehen geheiratet wird. Das ist in etwa so peinlich wie befürchtet, aber nicht so erfolgreich, wie Pro Sieben sich das erhofft hatte.
Doch wer kann schon in die Zuschauer hineinsehen? Niemand. Martin Hoffmann muss es trotzdem versuchen. Als Geschäftsführer der Berliner Produktionsfirma MME Moviement, die sich die Promisoap ausgedacht hat, wacht der Siebenundvierzigjährige über eine Reihe von Fernsehproduktionen, die ziemlich gut widerspiegeln, was das Fernsehen derzeit so ausmacht - und die sind längst nicht alle so anstrengend wie Gülcans Traumhochzeit.
Bauern, Bullen und die Besten
MME Moviement liefert die RTL-Erfolge Einsatz in vier Wänden sowie Bauer sucht Frau. Für Sat.1 entstehen Richterin Barbara Salesch und Niedrig & Kuhnt, für RTL 2 The Dome - Vox lässt sich Schmeckt nicht, gibt's nicht zusammenbrauen. Die ARD ist durch Jörg Pilawas Der große Schultest, das Geschichtsquiz und Frag doch mal die Maus endlich wieder mit Unterhaltungsshows erfolgreich. Für den WDR wird der Münster-Tatort produziert, beim ZDF lief Unsere Besten, und RTL hat das Spielfilmevent Prager Botschaft in Auftrag gegeben.
Kaum eine Produktionsfirma in Deutschland hat in den vergangenen Jahren so kontinuierlich expandiert wie MME. Seit der Übernahme der Moviement-Gruppe mit deren Töchtern Filmpool und Allmedia im Jahr 2004 ist fast jährlich Verstärkung hinzugekommen. 2005 kaufte MME Jörg Pilawas Firma White Balance, im vergangenen Jahr holte Hoffmann Vera Int-Veens time-2-talk (Helfer mit Herz) und die Münchner Lunet Entertainment (Alles außer Sex) in den Konzern. Alle Firmen existieren mit eigenen Geschäftsführern innerhalb der Gruppe weiter. Hoffmann, der 2003 als Sat.1-Geschäftsführer gehen musste und der Sage nach anschließend mit seinem Kumpel Harald Schmidt (siehe auch: Harald Schmidts Freundschaftsdienst) zur See fuhr, bevor er zur MME kam, erklärt: Für jedes einzelne MME-Label steht eine Produzentenpersönlichkeit. Und es gibt ein jahrelang gewachsenes Vertrauensverhältnis der Sender zu diesen Produzenten. Das lässt sich nicht zentralisieren.
In britischem Besitz, mit Blick über den Kanal
Die Bandbreite der Aufträge ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Sender ihre Produzenten gerne an den eigenen Konzern binden. RTL arbeitet eng mit der Bertelsmann-Tochter Ufa zusammen, und bei der ARD-Tochter Bavaria beteiligt sich das ZDF, was den unabhängigen Produzenten einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Hoffmann kritisiert: Ich bin sicher, dass wir das im Markt spüren werden. Wofür sonst gibt es diesen Zusammenschluss als für die Hineingabe weiterer Produktionsaufträge der Sender in die gemeinsame Gesellschaft? Dadurch könnten weniger Aufträge bei freien Firmen landen.
Dabei ist es auch mit der Unabhängigkeit der MME Moviement vorbei: Seit Mai gehört das Unternehmen der britischen All 3 Media von Produzentenlegende Steve Morrison. Wir sind in Deutschland dennoch weiter selbständig aktiv, hält Hoffmann dagegen und will sich mit den britischen Partnern künftig regelmäßig zusammensetzen, um frühzeitig Programme auszutauschen und für die beiden Märkte gemeinsam Neues zu entwickeln. Die Schülerserie Skins soll als deutsche Version getestet werden, die Briten haben bereits Interesse an Pilawas Geschichtsquiz gezeigt. Vor allem beim Factual Entertainment glaubt Hoffmann von den Briten profitieren zu können: Der englische Fernsehmarkt ist einer der innovativsten der Welt.
Rückt MME näher an Pro Sieben Sat.1?
Was Synergieeffekte angeht, wird sich der MME-Chef in nächster Zeit öfter einmal auf den Finanzinvestor Permira ansprechen lassen müssen. Permira hat in Deutschland mit KKR die Pro Sieben Sat.1-Gruppe gekauft und will diese nach der Fusion mit SBS Broadcasting zum europäischen Medienkonzern umbauen, der dem Marktführer RTL trotzen soll. Anders als dem Konkurrenten fehlt Pro Sieben Sat.1 eine eng ans Haus angebundene Produktionsfirma. Mehr als ein Zufall mithin, dass Permira sich im Frühjahr auch bei All 3 Media eingekauft hat. Spekulationen, dass MME Moviement damit näher an Pro Sieben Sat.1 rücken werde, wehrt Hoffmann ab: Wir würden einen großen Fehler begehen, uns künftig mit unseren Produktionen vor allem auf eine Sendergruppe zu konzentrieren. Wesentliche Umsätze macht MME vor allem mit RTL, ein Wegfall wäre womöglich schwer zu kompensieren.
Permira ist allerdings auch nicht gerade bekannt für großzügige Investitionen in die kontrollierten Unternehmen - gerade wurde bekannt, dass Sat.1 sich quasi vom eigenen Nachrichtenfernsehen verabschieden soll und in großem Umfang Personal abgebaut wird (siehe auch: Pro Sieben Sat.1 baut 180 Stellen ab). Ist die enge Zusammenarbeit der MME mit den Briten womöglich bloß eine hübsche Umschreibung für anstehende Einsparungen? All 3 Media kennt die Unwägbarkeiten des Geschäfts sehr gut, weicht Hoffmann aus: Die Kollegen wissen, dass nicht jedes entwickelte Format automatisch verkauft ist. Ohne eigene Ideen gehe es aber kaum - denn dazu sind die europäischen Märkte oft zu verschieden.
Lasst sie heiraten. Täglich talken soll sie nicht
Trotz der Größe ihres Markts schauen viele deutsche Produzenten neidisch ins Ausland, wo sich die Kreativität nicht darauf beschränkt, erfolgreiche Shows zu adaptieren und nachher von Kai Pflaume moderieren zu lassen. Der MME-Chef erklärt das damit, dass etwa der englische Markt für Produktionsfirmen wesentlich attraktiver sei, weil es dort klare Vorgaben gebe, die freien Firmen ein gewisses Volumen an Produktionsaufträgen zugestehen. Das Produktionsvolumen sei deutlich höher als in Deutschland - bei geringerer Einwohnerzahl. Das Geschäftsmodell, mit dem wir hier arbeiten, ist einfach antik. Es verhindert eine lebendige und sich kreativ ausweitende Produktionslandschaft, sagt Hoffmann: Ich wünsche mir in Deutschland eine stärkere Anerkennung der produzentischen Entwicklungsarbeit.
Allerdings trägt auch die MME ihren Teil zur gebremsten Kreativität bei. Im Vordergrund stehen Projekte, die von den Sendern für eine lange Zeit eingekauft werden - inhaltsleere Gerichtsshows ebenso wie Reality-Vorabendkrimis. Mit denen lässt sich verdienen. Als Nächstes wird für RTL die Helpdoku Susan - Familienhilfe mit Herz geliefert, die am Nachmittag das Familiengericht ablöst, dazu sind mehrere TV-Movies in Planung. In Sachen Show hat Hoffmann aber noch so einiges aufzuholen - trotz der Erfolge mit Pilawa in der ARD. Und dann kommt vielleicht endlich auch die Renaissance der Talkshow am Mittag, die von Produzenten schon seit Monaten beschworen wird. Mit den Ex-Talkern Vera Int-Veen und Jörg Pilawa hätte MME das passende Knowhow im Haus. Hoffentlich kommt niemand auf falsche Adaptionsgedanken: eine täglich talkende Gülcan wäre dann doch verhängnisvoll.
Text: F.A.Z., 17.07.2007, Nr. 163 / Seite 38
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