18. März 2008 Maybrit Illners ZDF-Politiktalk am Donnerstagabend pausiert in der Karwoche: Kein schlechter Anlass, mit der Moderatorin über ihre Sendung und die Formate der Konkurrenz zu sprechen.
Wann haben Sie zuletzt an Ihrem schnellen Sprechtempo gefeilt?
Ich glaube, da ist Hopfen und Malz verloren, mich noch vom fünften in den dritten Gang herunterschalten zu wollen. Eine Grundgeschwindigkeit ist einfach da. Meine Sprecherzieherin hatte mich vor zwanzig Jahren auch diesbezüglich liebevoll in die Mangel genommen, aber bald aufgegeben. Wenn wir uns heute sehen, plaudern wir nur noch über das Leben - und zwar schnell.
Kerner kommentiert im ZDF den Sport, Sie sind gelernte, ja studierte Sportreporterin. Warum machen Sie es nicht?
Natürlich, weil Kerner das gut macht und eine Menge anderer Kollegen auch. Ich bin Anhänger der These, dass man am meisten Freude im Leben hat, wenn man sich konzentriert. 1989 war ich noch in der Sportredaktion, habe dann aber festgestellt, dass mich mit der Wende Politik plötzlich viel, viel mehr interessierte. Und wenn das Feuer weg ist, soll man die Finger davon lassen.
Jetzt begeistern Sie sich für die Politik. Ist da nach acht Jahren mit immer wiederkehrenden Gästen nicht der Lack ab?
Ich bitte Sie, es hat ja inzwischen nicht nur einen Regierungswechsel gegeben. Es passiert auch ansonsten viel. Wir leben in politisch extrem bewegten Zeiten. Die Globalisierung etwa ist in unserem Land endgültig angekommen. Dinge, von denen wir gestern noch dachten, dass sie stabil sind, geraten ins Wanken. Das verunsichert - bis in den Mittelstand. Und die nationale Politik kann darauf nur noch begrenzt reagieren. Wo sie es kann, tut sie es meist spät und mit dem kleinen Karo der großen Koalition. Wo sie es nicht kann, sind wir bass erstaunt über die Radikalität und die Geschwindigkeit der Prozesse. Und außerdem hat sich unsere Sendung verändert. Wir laden schon seit Jahren nicht nur Politiker ein. Wir diskutieren über Löhne wie in China mit echten Chinesen, über den Pflegenotstand mit Pflegebedürftigen und über die aktuelle Krise der Sozialdemokratie mit Hans-Jochen Vogel und der Juso-Vorsitzenden. Soll heißen: Wir bauen Konstellationen, auf die wir selbst neugierig sind. Und das Publikum guckt das. Unser Marktanteil liegt jetzt im Durchschnitt bei knapp vierzehn Prozent.
Haben Sie nicht manchmal Beißhemmungen oder Loyalitätsprobleme, wenn Sie kurz vorher noch mit einem Politiker auf einer Party beisammenstanden?
Mit ihnen zu reden ist Teil meiner Arbeit, fragt sich nur, wo und wie. Ich glaube, dass Journalisten gut daran tun, Distanz zu halten. Sie sollten eben nicht privat werden mit Politikern, keine Biographien über sie schreiben, sich einladen lassen. In der Sendung selbst gibt es ein Kriterium, das steht über allem: Fairness.
Sie haben sicher eine politische Meinung. Wie halten Sie die aus der Diskussion heraus?
Gründlich. Die Argumente sprechen ja für sich, und sie müssen auch mich überzeugen. Sonst frage ich weiter. Das ist schlicht mein Job.
Gibt es Politiker, die Sie wirklich achten können, die ehrlich sind?
Sicher. Ich achte grundsätzlich jeden, ich begegne ihnen nur nicht mit Ehrfurcht. Es gibt in jeder Partei Politiker, die keine Heilsversprechen mehr machen. Die sagen Ihnen: Wir haben zehn Möglichkeiten, auf dieses Problem zu reagieren. Wir wissen nicht, welche am besten funktioniert, aber wir probieren die eine jetzt mal aus. Ein Politiker tut sich keinen Gefallen, wenn er behauptet, er habe das Patentrezept.
Haben Sie mit Ihrer ostdeutschen Sozialisation einen besonderen Zugang zur Linken?
Ich fand die PDS/Die Linke seit 1989 inhaltlich die uninteressanteste Partei. Dass es sozial bleiben soll, ist ja klar. Damit hat man nur noch keine Antwort auf die Frage gegeben, was das für das 21. Jahrhundert heißt, mit wem wir auch in Zukunft noch solidarisch sein können. Die Linke ist nur ganz objektiv ein größer gewordener Stachel im Fleisch der Sozialdemokratie. Das hätte anders kommen können. Von Dohnanyi stellte erst neulich wieder die Frage, warum die SPD 1989 nicht die sozialdemokratischen und reformatorischen Kräfte, die es in der SED zweifellos gab, aufgenommen hat. Immer wenn die SPD mitregiert, entsteht links von ihr eine Partei, sagte er. Mit den Grünen, die aus der Apo entstanden, war es ja genauso. Interessante These. Gegebenenfalls gäbe es die Linke gar nicht oder nicht in dieser Stärke.
Viele Fragen knüpfen Sie an Sprichwörter. Verfügen Sie über so einen großen Fundus?
Vielleicht, aber darin liegt natürlich auch ein großer Sport und Spaß der Redaktion. Meine Kollegen präparieren mich nicht nur in kürzester Zeit mit den wichtigsten Fakten, sondern wir sind auch immer auf der Suche nach der besten Formulierung und der tollsten Frage. Ich würde sagen: Zwanzig Prozent Spontanität, achtzig Prozent sind der Vorbereitung meiner Kollegen zu verdanken. Das sind echte Edelfedern auf der Suche nach der Eine-Million-Dollar-Frage.
Wurmt Sie eigentlich Frank Plasbergs Erfolg mit hart, aber fair im Ersten?
Wir haben uns mit ziemlicher Gelassenheit angeschaut, was sich auf Seiten der ARD im letzten Jahr getan hat. Auch wenn die überraschende Erkenntnis lautete: Der Mittwoch liegt dicht am Donnerstag! Unser Marktanteil liegt seit Jahresbeginn bei 13,7 Prozent, der von hart, aber fair bei 13,1 Prozent. Wir sind also Marktführer und bleiben daher weiter recht gelassen. Außerdem räumen wir jetzt endlich mit der Mär auf, dass nur Frauen den Polittalk machen dürfen. Wir haben endlich wieder einen Kerl unter uns und sind nicht mehr als männermordend verschrien. Ist doch hübsch.
Anne Will bleibt aber hinter den Erwartungen zurück.
Ach, das tut sie nicht - warten Sie doch mal das erste Jahr ab. Hundert Tage billigt man doch jedem Politiker zu.
Treffen Sie Absprachen wegen Ihrer Gäste und Themen mit Plasberg?
Eher selten. Am Montag wissen wir aus der Ankündigung, welche Gäste zu welchem Thema bei hart, aber fair sind. Und da ist bis Donnerstag noch viel Zeit. Bisher haben wir erst zweimal dasselbe Thema bearbeitet, jeweils mit überdurchschnittlichen Quoten. Die Theorie geht also auch nicht auf, dass wir uns gegenseitig schaden würden. Wir nehmen uns nichts weg.
Sind Sie mit dem Programmvorlauf an Ihrem Sendeplatz zufrieden?
Wir haben einen guten Sendeplatz und versuchen, das Beste daraus zu machen. Wir hatten 2007 einen besseren Marktanteil als 2006 und sind nun auch noch Quartalssieger in 2008. Was will man mehr?
Wie sieht die Zukunft des Polittalks aus?
Blendend - die Abgesänge auf das Format können wir schon singen. Komischerweise ist dagegen kein Kraut gewachsen.
Die Fragen stellte Michael Seewald.
Text: F.A.Z., 17.03.2008, Nr. 65 / Seite 37
Bildmaterial: ddp, dpa
