Von Peer Schader
12. Juni 2007 Mal angenommen, jemand würde das Fernsehen abstellen - jetzt sofort, ohne dass es wieder angeschaltet werden könnte. Vermutlich wäre Rob Vegas innerhalb kürzester Zeit ein echter Star, weil alle, die nach Zerstreuung suchten, ins Internet ausweichen würden. Ein halber ist er ohnehin schon jetzt: Seit dem Wochenende steht beim Videoportal Sevenload.de die fünfzigste Ausgabe seiner Mindtime Show online, einer Entertainment-Videokolumne, die er selbst moderiert, filmt und schneidet. Und die hat eine Menge Fans im Netz.
Rob Vegas heißt eigentlich Robert Michel, ist dreiundzwanzig Jahre alt, wohnt in Oerlinghausen bei Bielefeld und studiert. Vermutlich hätte er nichts dagegen, sich ganz der Mindtime Show widmen zu können, die wöchentlich von ein paar tausend Internetnutzern gesehen wird. Einmal in der Woche steht Michel, der seinen Künstlernamen wegen eines glücklosen Trips in die amerikanische Glücksspielmetropole verpasst bekam, vor einer Art bewegter Las-Vegas-Fototapete und swingt sich durch den Vorspann - ziemlich schief, aber mit hohem Wiedererkennungswert. Anschließend interviewt der selbsternannte Showmaster 2.0 Kollegen aus dem Netz, plaudert über den Alltag oder spielt Gameshows nach.
Kopie des Fernsehens
Für die Jubiläumssendung ist er im Auto mit offenem Fenster durch eine Waschanlage gefahren, hat sich dabei rasiert und das gefilmt. Das klingt albern, ist aber gar nicht so ungewöhnlich für das Internetfernsehen mit seinen drei- bis zehnminütigen Experimentalinhalten und seinen neuen Helden. Die sind vor allem auf Videoplattformen nach dem Youtube-Vorbild zu finden, die in Deutschland MyVideo.de, Clipfish.de und Sevenload.de heißen und denen unterstellt wird, sie eigneten sich dazu, irgendwann einmal das klassische Fernsehen abzulösen. Aber das ist erst einmal nur Theorie. Denn nirgendwo im Netz wird das Fernsehen in seinen Formen so sehr kopiert wie dort.
Das liegt zum einen daran, dass die beiden großen deutschen Privatsendergruppen begriffen haben, wie gut das kleine Laienvideotheater im Netz funktioniert - und sich prompt einmischten: Pro Sieben Sat.1 beteiligte sich an MyVideo, RTL gründete Clipfish. Außer mit Videos der Nutzer, die kostenlos online gestellt werden können, peppen die Sender ihre Portale nun mit Special-Rubriken auf. In denen gibt es Szenen aus Deutschland sucht den Superstar oder Germany's Next Topmodel zu sehen. Bei MyVideo werden außerdem Schnipsel der Niels Ruf Show des Spartensenders Sat.1 Comedy gezeigt. RTL sucht bei Clipfish nach Videobewerbern für seine Sommershow Entern oder kentern.
Beachtliche Fangemeinde
Erst vereinzelt ist auf den Portalen Platz für Online only-Stars. Bei Sevenload, wo sich vor wenigen Wochen Burda eingekauft hat, geht man das konsequenter an und holt bekannte Gesichter aus dem Netz zu sich auf die Plattform. Die Mindtime Show läuft dort, ebenso die Comedy Hansens Taxi und Alex TV, ein Magazin, mit dem ein achtzehn Jahre alter Schüler aus dem niedersächsischen Neu Wulmstorf aus seinem Zimmer im Elternhaus auf Sendung geht. Das ist nicht gerade spektakulär, es sei denn, man hat ein Faible für Promi-Fotoratespielchen und findet es interessant, kuriose Nachrichten aus Online-Portalen vorgelesen zu bekommen. Aber Alex TV hat sich eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, die es zu schätzen weiß, dass online nicht alles so perfekt läuft wie im echten Fernsehen.
Seit einiger Zeit zeigt Sevenload Girls Breakfast, in der drei Mittzwanzigerinnen sich sonntags auf dem WG-Sofa über die Top-Themen der jungen Damen, wie es in der Eigenwerbung heißt, unterhalten: ihre Party-Eroberung vom Vorabend oder Sex mit dem Ex. Lana, Nomi und Lili sollen wohl authentisch sein, wirken aber wie gecastete Schauspielerinnen, die versuchen, sich möglichst unauffällig echt zu verhalten. Ein Kommentator im Internet fragte schon erschrocken nach: Wer schaut sich das in voller Länge an?
Stegreif-Reportage
Es wäre ungerecht, die gesammelte Online-Videokreativität in einen Topf zu werfen oder sie bloß als Spinnerei unterforderter Jugendlicher abzutun. Denn dafür gibt es im Internet zu viele gute Ideen: Die Mindtime Show hat durchaus ihre hellen Momente, wenn sie den Medienzirkus auf die Schippe nimmt. Im Vorzeige-Blog Spreeblick lästert Kultberliner Toni Mahoni in dieser Woche bereits in der 112. Folge. Das professionell gemachte Ehrensenf ist längst Kult. Und für die sogenannte Stegreif-Reportage Buschka entdeckt Deutschland fahren zwei Wiesbadener alle paar Wochen in eine andere Stadt, unterhalten sich auf der Straße mit Menschen, die sie nicht kennen, und schneiden nachher ein hübsches Stadtporträt daraus. Gewöhnungsbedürftig fand das neulich die Zeit und hatte recht, weil Buschka nicht so funktioniert, wie man das von den Reportagen im Fernsehen gewohnt ist. Aber vielleicht macht genau das den Reiz der Sendung aus.
Die Fernsehsender haben den Ideenreichtum derjenigen, die sich nicht so leicht in Programmschablonen pressen lassen, lange unterschätzt. Bei kaum einem Sender ist noch Platz für neue Talente. Der Teenagerkanal Viva hat das in den neunziger Jahren am ehesten geleistet: Raab, Pocher - und, na ja: Gülcan Karahanci kommen aus der Musiksendernische und gehören heute zu den Gesichtern, um die man im Fernsehen kaum noch herumkommt. Gut möglich, dass das Internet diese Förderrolle übernommen hat. In Amerika haben prominente Videocast-Macher den Sprung von Youtube ins Fernsehen geschafft und produzieren dort eigene Shows (siehe: Kampf um YouTube).
Unbeholfen und einstudiert
Dass die Kreativszene im Netz wirklich den Untergang der Fernsehunterhaltung einleiten wird, ist aber unwahrscheinlich - auch wenn viele das prophezeien: Sevenload etwa wirbt mit dem Spruch Fernsehen war gestern, orientiert sich aber mit verschiedenen Kanälen, die sich wie Sender abrufen lassen und zu festen Zeiten aktualisiert werden, konsequent an dessen Grundstruktur. Die Mindtime Show erscheint als Reminiszenz an die Fernsehabendunterhaltung samstags um 20.15 Uhr. Und seit der Burda-Beteiligung kann man Freundin TV abrufen, bei dem zwei Printredakteurinnen in der Rubrik Ein Büro, zwei Meinungen so tun, als würden sie sich über Dieter Bohlen oder Formel 1 streiten, was aber unbeholfen und einstudiert wirkt. Noch tun sich die Verlage schwer mit dem Bewegtbild im Netz. Gruner + Jahr hat den Plan aufgegeben, die neu gestartete Plattform MyTV.de, einen Ordnungsdienst für Videoinhalte, zu übernehmen, obwohl hohe Investitionszuschüsse geflossen sein sollen, wie das Fachblatt Kontakter berichtet. Die Verlagsgruppe Holtzbrinck probt derweil den Erfolg mit Watchberlin.de, wo derzeit vor allem Journalisten und Promis wie Michel Friedman kolumnieren.
So leicht wird das Fernsehen seine Massenattraktivität nicht verlieren. Doch es wird sich verändern, allein schon, weil es plötzlich zigtausend neue Produzenten gibt, die so manches wagen, was sich ansonsten keiner traut. Aber auch die große Show, das Spektakel, die intelligent gemachte Unterhaltung, für die es Vorbereitung und Geld braucht, wird weiter existieren - die Frage ist nur, auf welchem Übertragungsweg. Bild hat Rob Vegas schon als Internet-Gottschalk gelobt. Ganz ohne Reverenz an das alte Medium geht es eben doch noch nicht.
Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite 42
Bildmaterial: F.A.Z.