Tod eines Blogs

Unter Holzfällern

Von Michael Hanfeld

Schade um die netten Leser: Medienlese verabschiedet sich

Schade um die netten Leser: Medienlese verabschiedet sich

27. April 2009 Es vergeht kein Tag, keine Stunde, keine Sekunde, da im Internet nicht der baldige Tod der Zeitung beschworen wird. Vor allem auf solchen Seiten und Blogs, die sich ununterbrochen an der gedruckten Presse abarbeiten. Und dabei die vermeintliche Überlegenheit ihres eigenen Geschäftsmodells suggerieren. Nicht wenige Blogger verstehen sich als Feinde der Zeitung, nicht alle erkennen die symbiotische Beziehung an, in der sie zur gedruckten – und längst im Internet verankerten – Presse stehen.

Das Blog „http://medienlese.com/“ lebte von beidem. Seit August 2006 erschien es in dem in Zürich angesiedelten Online-Verlag Blogwerk AG, der unter anderem sieben verschiedene Blogseiten betreibt, die sich durch Werbung finanzieren sollen. Das kämpferischste dürfte die „Medienlese“ sein, die, vor allem wenn der Autor Klaus Jarchow die Tasten drückt, das vermeintlich selbstverschuldete Ende der „Holzmedien“ buchstabiert, auf dass sich dieses in self fulfilling prophecy endlich einstelle.

Die Schlachtschiffe sinken

„Der sattsam bekannte Schwund bei den Holzmedien“ war bis in die letzten Tage sein Thema, masochistisch veranlagte Zeitungsleute lesen bei ihm, die „Quelle allen medialen Elends“ sei „auf den Verlagsetagen zu suchen“. „Renditejäger“ drehten, „unterstützt von todessüchtigen Verlegern – faktisch an den holzmedialen Schlachtschiffen die Ventile auf“. Er spielt damit unter anderem auf die Zusammenlegung von Redaktionen an, wie wir sie bei Gruner + Jahr oder der WAZ bezeugen. Wir haben uns an derlei Dröhngebrüll gewöhnt. Es ist Teil des medialen Grundrauschens geworden, das auf Tempo und Lautstärke, nicht aber auf Recherche und Reflektion setzt.

Wie überraschend aber ist einer der letzten Einträge an diesem Montag, in dem der „Medienlese“-Autor Ole Reißmann bekundet, er habe sich nie „als Antagonist“ der Zeitungen verstanden. Wie auch? Schließlich lese er und schreibe er für Zeitungen, erst am Sonntag habe er fünfzehn Euro für Printprodukte am Kiosk gelassen. Fünfzehn Euro? Na, wenn das keine Investition in die Gegenwart und Zukunft der Holzmedien ist! Deren Schreiber zwar – auch – auf Papier publizieren, aber eher selten so zurückholzen, wie man es aus dem Internet gewohnt ist.

Kein tragfähiges Geschäftsmodell

Wozu wir jetzt allerdings die beste Gelegenheit hätten, denn das Blog „Medienlese“ wird – eingestellt. Die „wirtschaftliche Entwicklung“ lasse keine andere Wahl, schreibt Peter Hogenkamp vom Blogwerk, der es immerhin „besonders unangenehm“ findet, einen solchen Schritt zu verkünden, da die „Medienlese“ oft die „Entlassungswellen der großen Verlage“ kommentiert habe. Wir verkneifen uns an dieser Stelle den passenden Kommentar und zitieren den „Medienlese“-Autor Reißmann: „Man mag es für einen Treppenwitz halten, dass wir, die wir vom Medienwandel und vom Internet so viel geschrieben haben, auch kein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden haben.“

Kein „tragfähiges Geschäftsmodell“ – so weit reicht die Selbsterkenntnis immerhin, die darin gipfelt, dass die Einstellung dieses „Prestigeobjekts“ in einer Wirtschaftskrise bedauerlich, „aber sicher kein Desaster“ sei. Kein Desaster – dem ist nicht zu widersprechen. Hinter das „Prestigeobjekt“ machen wir ein Fragezeichen. Und dem „Auch“ in Sachen Geschäftsmodell widersprechen wir hiermit einigermaßen gelassen. Und ganz ohne hölzerne Polemik.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: medienlese.com

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