FAZ.NET-Fernsehkritik

Schnöder Abend nach schmerzhaften Wochen

Von Andreas Platthaus

21. September 2007 Wie man eine Sendung vorab demontiert, dass hat das ZDF am gestrigen Donnerstag vorbildlich demonstriert. Weil der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, seinen Auftritt in der um 22.45 Uhr ausgestrahlten Talkshow „Maybrit Illner“ unter Leitung ebenjener Dame bereits am Mittwoch hatte aufnehmen lassen, verfügte die Presseabteilung des ZDF über einen ganzen Tag, um das späte Dreiviertelstündchen zu bewerben.

Man trommelte, was das Zeug hielt: Die Presseagenturen brachten mittags bereits folgende Fakten, die deshalb bereits an diesem Freitagmorgen auch im F.A.Z.-Wirtschaftsteil (siehe auch: Bankenkrise: Ackermann verunsichert Anleger) nachzulesen sind, wenn es jemand ausführlicher wissen will: Auf die noch für dieses Jahr geplanten viertausend Neueinstellungen wird die Deutsche Bank verzichten, weil die aktuelle Finanzkrise das Ergebnis im dritten Quartal 2007 belastet. Das Kreditinstitut hat laut Ackermann insgesamt 29 Milliarden Euro an Krediten vergeben, die nun neu bewertet werden müssen.

Da war es schon zu spät

Diese Insiderinformation über die künftige Programmentwicklung sorgte dafür, daß der Börsenkurs der Deutschen Bank bereits gestern zeitweise um drei Prozent einbrach, aber vielleicht ist es ja auch geschickt, Hiobsbotschaften derart häppchenweise bekanntzumachen. Oder müsste man klassenweise sagen? Am Donnerstag durfte die Info-Elite unter den Spekulanten bereits reagieren, an diesem Freitag können dann die faulen Talkshow-Zuschauer nachziehen, sofern sie überhaupt Deutsche-Bank-Aktien im Depot haben. Pech gehabt, die Couchpotato-Plebs. „Haben Sie eigentlich auch Angst um Ihr Geld?“, fragte Frau Illner zum Auftakt ihrer Talkshow. Da war es schon zu spät.

Ein Rettungsversuch wird später noch kommen: Was rät Josef Ackermann: Aktien kaufen oder verkaufen? Nicht ganz unerwartet kommt als Anlageempfehlung Deutsche Bank - und zwar selbst, „wenn ich nicht Insider wäre“. Aber wozu sollte man beim ZDF auch das eigene Fernsehpublikum achten, wo man doch mit den exklusiven Informationen so schön die eigene Internetseite bespielen kann. Dort konnte man lange vor der Sendung lesen: „Das Interview in voller Länge jetzt schon als Abrufvideo.“

„Nein, Scherz beiseite“, schob er sofort nach

Wir haben trotzdem gewartet, denn vorher gab es Fußball, und da wurde ein schlappes, torloses Spiel des 1. FC Nürnberg gleichfalls grandios zum Krimi hochstilisiert - aber da wusste wenigstens wirklich niemand, wie es ausgeht. In der Pause gab es eine Kurzausgabe des „Heute-Journals“, und natürlich durfte auch da eine halbe Minute Vorschau auf Ackermanns Auftritt bei „Maybrit Illner“ nicht fehlen. Nie wäre es so leicht gewesen, früh ins Bett zu kommen. Die Kollegin bei „Spiegel Online“ sah sich ja auch für ihre Fernsehkritik einfach das Internetvideo an und verlegte prompt den Sendebeginn der Talkshow um eine halbe Stunde nach vorne. Hätte sie doch recht gehabt!

„Maybrit Illner“ aber begann pünktlich, nachdem sogar der Sportmoderator Michael Steinbrecher auf das folgende Interview hingewiesen und uns trotzdem einen schönen Abend beim ZDF gewünscht hatte. Ein Wunder, dass er nicht auch noch etwas ausplauderte. Etwa dass Josef Ackermann von „schmerzhaften Wochen“ sprach, die man hinter sich habe, und dass die deutschen Banken - nicht die Deutsche Bank! - einfach gut seien. „Nein, Scherz beiseite“, schob er sofort nach, aber wozu sollte man wörtlich nehmen, was ein Manager sagt. Nicht dass am Ende herauskäme, dass sich Josef Ackermann schon immer gewünscht hat, eine Blase platzen zu lassen. Er gilt ja ohnehin oft als Buhmann der Nation.

Ein unerschütterlich sympathisch lächelnder Manager

Bisweilen aber auch als Supermann, wie Maybrit Illner weiß. Woher diese Extreme? „Weil ich viel lieber anecke als unaufrichtig bin“, antwortet Ackermann. Der Mannesmann-Prozess habe ihn mit einer deutschen Besonderheit vertraut gemacht, aber worin diese besteht, verschweigt der Banker. Später kommen die Reizworte „Heuschrecke“ und „Protektionismus“, aber außer einer minimal forcierteren Gestik zeigt Ackermann keine Wirkung. Das Aufregendste bei der Sendung waren zweifellos die makellosen Kamerafahrten im Halbkreis von links nach rechts um das statische Duo herum oder einmal gar steil aus der oberen rechten Ecke der Halle ins Plenum hinab.

Von der Dramatik, die der Untertitel der Sendung, „Kapital ohne Gewissen - Wie sicher ist unser Geld, Herr Ackermann?“ blieb im Gespräch der ihren Gast gewohnt hakenbrauig fixierenden Maybrit Illner mit dem unerschütterlich sympathisch lächelnden Manager nichts übrig. Vor lauter defensiver Zurückhaltung erkennen wir unseren Ackermann gar nicht wieder. Ein erster Schnitt ins Publikum ließ Zuhörer erkennen, die sich nur noch mühsam wach halten konnten. Dabei fand die Aufzeichnung viel früher am Mittwochabend statt als die Ausstrahlung dann am Donnerstag. Wie würde es wohl in den Wohnstuben aussehen?

Thema IKB - ein erstes Stocken des Vorstandsvorsitzenden

Diesbezüglich ein rascher Blick hinaus über die Dächer: Nirgendwo das verräterische blaue Flimmern, und das ist immerhin Frankfurt. Derweil erklärt Frau Illner „Triple-A“ als besonders gut abgesicherten Kredit und wird überaus charmant von Ackermann korrigiert: ein besonders gut bewerteter Kredit. Ein feiner, aber nicht unerheblicher Unterschied, etwa so wie der zwischen einem gut geschriebenen Buch und einem gut besprochenen Buch. Das kann, aber muss nicht deckungsgleich sein.

Dann ein erstes Stocken des Vorstandsvorsitzenden: „Wieviel hat die Deutsche Bank an der IKB verloren?“ Nun, das will Ackermann nicht sagen, aber erfreulicherweise kann er es auch nicht sagen. Es ist noch zu früh. Aber man habe Fehler gemacht, und dazu müsse man stehen. Szenenapplaus. Allerdings nicht bei der beinahe faillierten IKB (denn dort hat man ja verdient), sondern bei den Eigenpositionen, und da kommt dann die Rede auf die 29 Milliarden. Aber das wussten wir ja schon.

Nachfrage angesichts des wirren Geredes? Fehlanzeige!

Keineswegs wussten wir, dass Ackermann auf der weltweiten Verdienst-Rangliste mit 17,4 Millionen Dollar per anno nur auf Platz 105 steht. Das war keinem eine Vorausmeldung wert. Verdient der arme reiche Mann zu wenig? Nein, erläutert er, denn man müsse ja auch berücksichtigen, dass hierzulande höhere Steuern gezahlt würden. Hat das jemand verstanden? Oder glaubte Ackermann, dass Netto-Einkünfte verglichen wurden und er somit brutto viel besser abschneide? Aber dann verdiente er ja mehr als dreißig Millionen Dollar. Nachfrage angesichts des wirren Geredes? Fehlanzeige!

Ackermann ist „längerfristig“ optimistisch, die 76.000 Stellen der Deutschen Bank halten zu können. Beifall? Abermals Fehlanzeige. Aber stattdessen stürmischer Applaus für Ackermanns Wunschfinale bei der kommenden Europameisterschaft: Deutschland gegen Schweiz. Fußball interessiert eben doch weitaus mehr als Wirtschaft. Wer danach handelte, hatte gestern beim ZDF den besseren Abend - trotz des Null zu Null in Nürnberg. Man sieht eben immer noch lieber Sportlern zu, die sich bemühen Treffer zu erzielen, als Wirtschaftskapitänen, die sich bemühen, Treffer zu vermeiden.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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