„Beckmann“ und der Bombay-Terror

Mittelstreckenrennen zum Terror

Von Jan Wiele

Erika Mann überlebte den Terror von Bombay

Erika Mann überlebte den Terror von Bombay

02. Dezember 2008 Hatte Anne Will am vergangenen Sonntag etwas krampfhaft versucht, ihr Thema „Mogadischu“ mit dem aktuellen Terror in Bombay zu verknüpfen, so reagierte die Redaktion der Montagssendung „Beckmann“ auf die Anschläge in Indien mit einer Änderung der Gästeliste - die deutschen Europa-Abgeordneten Erika Mann (SPD) und Daniel Caspary (CDU) waren im Studio. Sie hielten sich mit einer Delegation im Hotel Taj Mahal auf, als die Angriffe am Mittwoch der vergangenen Woche begannen, überlebten unverletzt und trafen am Wochenende wieder in Deutschland ein.

Während Frau Mann im Hotel eingeschlossen war und mehrmals auf der Flucht vor den Terroristen den Raum wechselte, bevor sie entkommen konnte, verfolgte Caspary die Vorgänge von einem nahegelegenen Restaurant aus, stand aber per Handy in Kontakt mit anderen Abgeordneten im Inneren des Hotels. Beide berichteten bei Beckmann sachlich von den Vorgängen, die sie überschauen konnten - und das waren nicht viele.

Sehr viel in kurzer Zeit

Ob sie denn die Terroristen gesehen hätten, musste der Moderator zwangsläufig fragen, das war aber nicht der Fall. Wie viele andere schon zu Protokoll gegeben hatten, hielt man die Schüsse und Explosionen zunächst für Feuerwerk oder, so Frau Mann, für „Freudenknallschüsse“. Ihre Schilderung war ausführlich - in etwa nochmals jene, die sie bereits am Sonntag im „heute-Journal“ gegeben hatte - während Caspary kaum zu Wort kam. So sehr man sich über das glimpfliche Davonkommen der beiden freuen kann und ihre Erleichterung nachempfindet, so geringen Aussagewert hatten letztlich viele ihrer Ausführungen. Am interessantesten war noch der Einwurf Casparys, der spanische Leiter seiner Delegation, der mit ihm im Restaurant außerhalb des Hotels verschanzt war, sei vor allem damit befasst gewesen, die spanische Presse zu informieren, anstatt sich um andere Abgeordnete innerhalb des Hotels zu kümmern.

Um sich den Hintergründen und den Folgen der Anschläge von Bombay zu widmen, hatte Reinhold Beckmann zudem Rolf Tophoven eingeladen, den Leiter des deutschen Instituts für Terrorismusforschung. In kurzer Zeit wollte Beckmann sehr viel: die Frage nach den Verantwortlichen des Anschlags klären, in einem Kürzestvideo die Geschichte des Konflikts zwischen Indien und Pakistan herleiten, die Frage nach den Konsequenzen für diesen Konflikt beantworten und schließlich die unvermeidbare Frage stellen: Kann so etwas auch in Deutschland passieren? Die Antwort Tophovens auf die letzte Frage war nicht schwer zu erraten, warnt er doch seit Jahren vor der Gefahr eines Terrorangriffs in Deutschland. Er beschwor noch einmal die weltweite Ausstrahlungskraft von islamistischer Ideologie; das Bild des heutigen „neuen Terrorismus“ brachte er auf die Formel einer „Symbiose aus Laptop und Kalaschnikow“.

Vom Terror zur Gemütlichkeit

Zum Thema wurde dann auch noch der ARD-Korrespondent Florian Meese live aus Indien zugeschaltet, um zu bekräftigen, dass es sich in Bombay „nicht um klassische Selbstmordattentäter“ gehandelt habe, sondern um hochgebildete, bestens trainierte Männer aus der bürgerlichen Mitte. Beckmanns Fragen waren bisweilen suggestiv: „Wie sicher ist denn so eine Finanzmetropole überhaupt?“, wollte er wissen, dabei hatte doch jeder Zuschauer die erschreckende Antwort in den letzten Tagen im Fernsehen gesehen.

Es blieb natürlich noch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland. Daniel Caspary und Erika Mann sprachen sich beide für das BKA-Gesetz und die Online-Durchsuchungen aus, Caspary ebenfalls mit einer Suggestivfrage: „Manchmal denke ich, was muss denn noch alles passieren?“ Für den Fall eines Terrorangriffs in Deutschland habe man auch sieben Jahre nach dem 11. September 2001 noch keine Regelung für einen Bundeswehreinsatz im Innern.

Nach kaum vierzig Minuten war das vormitternächtliche Mittelstreckenrennen zum Terror bei Beckmann vorbei - und der gemütliche Teil begann. Aber innerlich wollte man nicht mehr umschalten zu Gunther Emmerlich und Wolfgang Stumph, dem „Traumduo der DDR-Kultsendung 'Showkolade'“, das sich an alte Zeiten erinnerte, auch nicht zum Ex-Handballer Stefan Kretzschmar, der immerhin schon seine Memoiren publiziert hat.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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